Wie ein Peruaner Zürich sieht

Unsere Geschichten über Migration gehen in die zweite Runde. Hier erzählt ein frisch hinzugezogener Peruaner, wie er Zürich erlebt.
27. Februar 2017

Letzten Sommer bin ich in die Peruanische Hauptstadt Lima geflogen und habe dort meine Internet-Liebe geheiratet. Das hört sich verrückt an und ist es auch ein bisschen. Es war für mich das grösste Abenteuer meines Lebens. Wahrscheinlich hätte ich es eines Tages bereut, wenn ich diesen Schritt nicht gewagt hätte. Auch für ihn war es die schwerwiegendste Entscheidung, die er je getroffen hatte. Wir haben nämlich entschieden, dass er vorerst zu mir in die Schweiz kommt. Dafür liess er seine überaus herzliche Familie, seine lustigen Freunde und eine wunderschöne Stadt zurück.

Die Autorin bei ihrer Hochzeit in Lima.

Früher wollte ich eigentlich nie heiraten. Weil der Schweizer Staat uns aber nicht erlaubte, unter anderen Umständen zusammenzuleben, hatten wir keine andere Wahl. Nachdem wir uns beide vor den Migrationsbehörden bis auf die Unterhosen ausziehen mussten, wir jeweils separat ins Kreuzverhör genommen wurden und wir uns wegen dem ganzen Papierkrieg teilweise wie "Asterix und Obelix im Haus der Verrückten" fühlten, durfte mein Mann dann im September letzten Jahres in die Schweiz einreisen. Seither amüsiere ich mich täglich über die vielen Kleinigkeiten, die er an Zürich seltsam oder lustig findet. Auch lerne ich durch ihn Dinge zu hinterfragen, die für mich mein ganzes Leben selbstverständlich waren. Für Tsüri.ch habe ich ihn über das Leben in Zürich als Migrant der 1. Generation ausgefragt:

1. Leute

«Ich kenne noch nicht so viele Zürcherinnen und Zürcher. Eine gewisse Kälte und Reserviertheit ist aber schon spürbar. Gelacht wird wenig. In den ÖV ist es oft sehr ruhig, daher fällt es sofort auf, wenn jemand laut redet. In Lima herrscht in den Bussen oft heilloses Chaos. Es wird palavert, gelacht und manchmal sogar gesungen. Sicher kann das auch nervig sein, aber in Zürich sehen für mich viele Leute traurig aus. In den Zürcher Cafés und Bars sind oft einsame Leute mit ihren Laptops anzutreffen. Das finde ich sehr merkwürdig. Es ist aber nett, dass die meisten Leute hier mindestens noch Englisch sprechen und dies gerne von sich aus anbieten. Als jemand, der hier neu ist, gibt mir das ein gutes Gefühl. Ich werde auf der Strasse oft angeschaut, weil ich halt schon anders aussehe. Jedoch empfinde ich die Blicke nie als negativ. Eher habe ich das Gefühl, dass die Leute interessiert sind. Bisher habe ich auch noch nie die Erfahrung gemacht, dass mich jemand wegen meiner Hautfarbe diskriminiert hat.»

2. Verkehr

«Der Verkehr in Zürich ist sehr überschaubar. Es wird praktisch nie gehupt und die Autofahrer*innen denken für die anderen Verkehrsteilnehmer*innen mit. Ich halte es aber für hochgefährlich, dass Fussgänger*innen hier scheinbar überhaupt keine Angst kennen. Da wird urplötzlich und ohne zu schauen über die Strasse gelaufen. Ich weiss nicht, ob ich als Autofahrer immer rechtzeitig reagieren könnte. Es ist schon erstaunlich, wie erhaben sich hier Fussgänger*innen fühlen. Ich habe schon einige Male beobachtet, wie sie die Strasse mit einer Gemütlichkeit überquerten und sich keinen Deut um die wartenden Autos geschert haben. In Lima warten Autos entweder überhaupt nicht, oder der Passant / die Passantin wird kräftig ausgehupt.

Ich bin übrigens ein riesen Fan von Zürichs Öffentlichem Verkehr. Er ist einfach ausgezeichnet, pünktlich und sauber. Davon können sich andere Städte eine dicke Scheibe abschneiden.»

Typischer Verkehr in Lima

3. Velo

«Das Velo scheint hier einen besonderen Stellenwert zu haben. Mir gefällt, wie die Zürcherinnen und Zürcher überall mit dem Velo hinfahren und das zur jeder Jahreszeit. Egal wie heftig es regnet oder schneit, man findet immer Velos auf der Strasse. Da das Velo hier aber mehr ein Fortbewegungsmittel als ein Freizeit-Instrument ist, kann ich das gut nachvollziehen. Da, wo ich herkomme fährt man Velo höchstens zum Vergnügen am Strand.»

4. Recycling

«Schon bei meinem ersten Besuch in der Schweiz fielen mir die weiss-blauen Zürisäcke auf. Dass die Müllabfuhr hier über die hohen Gebühren auf den Säcken finanziert wird, finde ich ein komisches System und es scheint undurchsichtig. Weiss man denn wirklich, wohin das Geld genau fliesst? Ansonsten finde ich die Stadt sehr sauber. Auch finde ich toll, dass es überall Recyclingstationen für die Flaschen gibt. Nicht nur, weil man diese bequem zu Fuss erreichen kann, sondern auch, weil dadurch die Bevölkerung in die Entsorgung aktiv involviert wird.»

5. Krankenkasse

«Dass hier eine Krankenkassenpflicht herrscht, finde ich an sich eine gute Idee. Da die Prämien aber astronomisch sind, muss man das jeden Monat im Budget einplanen. Dieses Geld ist ausserdem verloren. Wenn man nicht krank ist, dann zahlt man auch für nichts. Ich würde das Geld lieber sparen und dann einsetzen, wenn ich es brauche, anstatt es jeden Monat der Versicherung in den Rachen zu werfen. Alles zahlen tun sie schlussendlich ja doch nicht. In Peru gibt es keine Krankenkassenpflicht. Manchmal werden Angestellte über ihre Arbeitgeber versichert. Viele Leute sind aber einfach zu arm, um sich selber eine Krankenversicherung leisten zu können. Wenn in so einem Fall ein Familienmitglied eine Operation benötigt, wird oft in der Familie und der Nachbarschaft Geld gesammelt. Das bringt die Leute näher zusammen und man fühlt sich füreinander verantwortlich.»

6. Kinder

«Ich kann zwar nicht für die ganze Stadt sprechen, aber da, wo wir wohnen, finde ich, dass es überhaupt keine Kinder hat. In den Restaurants und Cafés sind grundsätzlich nur Erwachsene anzutreffen. Noch nie habe ich gesehen, dass eine Familie mit Kind und Kegel einen Geburtstag in einem Restaurant gefeiert hat. Das ist in Lima ganz anders. Dort ist der Besuch in einem Restaurant ein Erlebnis für die ganze Familie. Allgemein habe ich das Gefühl, dass die Familie hier keinen hohen Stellenwert hat und die Leute lieber für sich sind. Die Schulen in der Stadt sind auch sehr klein und ich bin erstaunt, dass sie total unbewacht sind. Sogar in der Nähe der Langstrasse, wo es ja doch viele Betrunkene hat, sind die Tore zur Schule offen für jede/n. Ich habe eine Katholische Schule für Buben besucht. Wir trugen Uniformen und hatten keinen Kontakt zu Mädchen. Hier haben die Kinder diesbezüglich mehr Freiheiten. Das Schulsystem kommt mir nicht so militärisch vor wie in Peru. In der Schweiz ist gute Bildung für alle gratis, wobei die staatlichen Schulen in Peru miserabel sind. Wenn deine Eltern kein Geld für eine private Schule haben, dann hast du schon verloren.»

Klassenfoto des Befragten in Lima

7. Mode

«Auf den ersten Blick schaut es aus, als würden hier alle Leute gleich rumlaufen. Jetzt im Winter sieht man überall diese schwarzen Mäntel mit den massiven Fellkapuzen. Ich finde das etwas schade, auch den Tieren wegen. Die Zürcherinnen und Zürcher kommen mir nicht so mutig vor, wenn es um Mode geht. Entweder man ist als Hipster unterwegs, oder die Kleiderwahl fällt elegant aus. In Südamerika hält sich das Klischee der eleganten Europäer sehr stark und das hat sich für mich bestätigt. Äusserst selten begegnet man einer verrückten Hippiefrau oder einem Punk in Vollmontur. Es gibt auch nicht so viele abgefahrene Läden. Wahrscheinlich ist der Standort für viele coole Marken nicht so attraktiv, weil die Schweiz so klein ist. Ich würde Zürich also nicht unbedingt als Shoppingparadies bezeichnen. Dafür habe ich in Bern einige spezielle Läden gesehen.»

8. Drogen

«Es fällt auf, dass hier sehr viele Leute rauchen. Egal ob alt oder jung. Die Restaurants und Bars sind ganz auf rauchende Gäste ausgelegt. Auch dieses ständige Biertrinken am Feierabend ist mir neu. Der Umgang mit Alkohol und Zigaretten ist hier sehr salopp und selbstverständlich. Ich empfinde es als stressig, wenn bei jeder Gelegenheit getrunken werden muss. Wie ich es aus Peru kenne, lieben auch hier die Leute Marihuana. Diese Offenheit bezüglich Cannabis finde ich toll. Von anderen Drogen weiss ich nichts, aber ich habe gehört, dass Koks ziehen in Zürich anscheinend nichts Spezielles ist. Diese Netflix-Sendung "Narcos" wird hier ja total abgefeiert, was ich überhaupt nicht verstehen kann. Kolumbien musste jahrelangen Terror durch diesen verrückten Drogenbaron erleiden und zahllose unschuldige Menschen liessen dabei ihr Leben. Ich sehe das aus dem Blickwinkel eines Südamerikaners und bei uns finden wir das überhaupt nicht lustig. Unser Land leidet sehr darunter, dass im Dschungel so viel Kokain produziert wird, welches dann nach Europa und in die USA geschmuggelt wird.»

Stadtbild von Lima

9. Geld

«Das mit dem Geld ist so ein Thema. Alles hier ist unglaublich teuer. Eine Banane kostet schnell mal 1.50 Franken! Dafür bekomme ich in Lima ein ganzes Mittagessen. Auch wird hier nichts repariert sondern man ist gezwungen, für viel Geld etwas Neues zu kaufen. Als der Bügel meiner Brille abgefallen ist, wollte ihn niemand wieder anschrauben. Und das nur, weil ich meine Brille in Peru nicht von einem zertifizierten Händler gekauft habe. Ausserdem komme ich mit den Münzen noch nicht zurecht. Warum ist der 50-Räppler kleiner als alle anderen Münzen? Die Noten finde ich lustig, weil sie so farbig sind.
Bei den Leuten, die ich bisher kennengelernt habe, hatte ich nie das Gefühl, dass es ihnen je finanziell schlecht ging. Sie können sich in der Regel immer alles leisten. Sei ein Bierchen unter der Woche oder ein Besuch in einem teuren Restaurant. Ausserdem scheinen hier alle ständig in die Ferien zu gehen. Mit dem Schweizer Pass kann man ja auch überall hin. Als Peruaner finde ich, dass die Schweizer*innen da äusserst privilegiert sind. Durchschnittliche Peruaner*innen haben praktisch noch nie ihre Stadt, geschweige denn ihr Land verlassen. Erstens hat man dafür kein Geld und zweitens braucht man mit dem Peruanischen Pass für praktisch jedes Land ausserhalb Südamerikas ein Visum.»

10. Restaurants / Bars

«Die Restaurants und Bars finde ich schön, obwohl sie alle ähnlich aussehen. Die Leute mögen es schick hier. Entsprechend zieht sich dieser gehobene Industriestil wie ein roter Faden durch das Interieur Design der Lokale. Die Züricher*innen scheinen auch total auf Neueröffnungen abzufahren. Als ich das erste Mal hier war, fand gerade die Eröffnung des neuen Lokals "Bank" auf dem Helvetiaplatz statt. Es tummelten sich aberhunderte Menschen auf dem Platz. Sogar die Polizei musste kommen, um für Ordnung zu sorgen. In Zürich willst du nicht der-/diejenige sein, der/die noch nie im neuen In-Lokal war. Es kommt mir so vor, als würden gewisse Restaurants nicht nur wegen dem Essen besucht werden, sondern vor allem weil sie als “cool” gelten. Dieses Food-Ding ist momentan sehr trendy in der Hipster-Welt und Zürich ist ja voller Hipster.

Grundsätzlich kann ich nicht sagen, ob der Service sehr nett oder sehr unfreundlich ist. Er ist eher neutral. Nicht wirklich herzlich, aber auch nicht arschlochmässig. Zudem verstehe ich, dass die Schweizer*innen ihre traditionellen Gerichte nicht täglich essen wollen, da sie echt schwer im Magen liegen. Dafür findet man viele internationale Restaurants und auch die Supermärkte haben ein breites exotisches Angebot. Die vielen Einwanderer bringen ihre eigene Küche hierher und das empfinde ich als Bereicherung.»

11. Andere Ausländer*innen

«Ich sehe hier viele Menschen aus verschiedenen Ländern. Die Schweiz scheint demnach ein offenes Land zu sein, obwohl ich in den Zeitungen und im Fernsehen momentan oft Gegenteiliges sehe. Die Diversität an Nationen ist definitiv höher als in Peru. Ich finde es einfach wichtig, dass die Schweizer*innen verstehen, dass nicht alle, die in dieses Land kommen, auf der Suche nach einem besseren Leben sind. Ich zum Beispiel konnte mir nie vorstellen, in einem anderen Land als Peru zu leben. Jetzt bin ich hier. Es hätte aber auch ein anderes Land sein können. Menschen, die hierher immigriert sind, haben ihre Familie, ihre Freunde und ihre gewohnte Umgebung verlassen. Man sollte sie daher nett behandeln und berücksichtigen, dass jeder Mensch einen Hintergrund hat. Meistens haben Immigrant*innen auch nicht viel Geld. Das kann dazu führen, dass sie sich in dieser teuren Stadt noch unsicherer fühlen. Schweizer*innen, die ins Ausland ziehen, haben wahrscheinlich mehr finanzielle Möglichkeiten und fühlen sich daher sicherer.»

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