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Wie die ZHdK rassistische Klischees verbreitet

Nicht schon wieder!
17. Juni 2015
Der Sri Lanker Patrick Yogarajan studierte an der Zürcher Hochschule der Künste Schauspiel. Im Bachelor-Jahr spielte er Rollen als Rosenverkäufer und Pädophiler. Seine Diplomfeier hat er boykottiert.

Die Schweiz hat ein Problem mit Ausländern. Herr und Frau Schweizer geben im Sorgenbarometer der Credit Suisse Ausländerfragen als ihre zweitgrösste Sorge an. In Tagi, Blick und anderen Medien werden Migranten hauptsächlich in negative Kontexte gesetzt. Und bei Abstimmungen und Wahlen wird zwar oft über – und vielfach gegen – Migranten entschieden, selbst können sie aber nur zuschauen und hoffen.

Einer dieser Ausländer ist Patrick Yogarajan. Mit elf Jahren kam Patrick von Sri Lanka nach Münster in Deutschland. Dort schlug er den besten Weg ein, der Migranten neben Isolation oder kultureller Abschottung bleibt: Er lernte die fremde, hart klingende Sprache und baute sich Freundschaften mit Einheimischen auf. Sein Wille deutsch zu werden war riesig. Wenn seine neuen Freunde Dinge sagten wie «Ausländer sind scheisse – aber du bist ein Guter» fasste er das nicht als Beleidigung auf. Er fühlte sich darin bestätigt, auf dem richtigen Weg zu sein.

Studienplatz an der ZHdK Heute ist das anders: Patrick ist ernüchtert. Er spricht viel über Rassismus und gesellschaftliche Mechanismen der Ausgrenzung – und er hat allen Grund dazu.

Als er als Jugendlicher dem Vater seinen Lebenstraum anvertraute («Ich möchte Schauspieler werden»), schmiss dieser ihn raus. Patricks Alltag schwankte im Anschluss zwischen seinem Brotjob bei McDonald's und diversen Vorsprechen bei Schauspielschulen, wo er Absage um Absage kassierte.

Doch aufgeben lag für ihn nicht drin. Neben seinem Plan B (Matura nachholen und Theater-, Film- und Medienwissenschaften studieren) ging er weiter vorsprechen. Irgendwann auch in Zürich, wo er an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK seinem grossen Traum einen Schritt näher kam: Er bekam einen Studienplatz.

Die ersten Jahre in Zürich liefen super. Patrick konnte seine Leidenschaft leben,  arbeitete an Szenen und Monologen. Er spielte unter anderem Karl Moor, einen König und einen Clown. Zwei Jahre lang war er überzeugt, seine Odyssee durch die Schauspielschulen des deutschsprachigen Raums habe sich gelohnt.

Rolle als Rosenverkäufer Doch ein Jahr später blickte Patrick auf sein Bachelor-Jahr zurück und wurde stutzig. Bei der Arbeit mit schulfremden Regisseuren bekam er anfangs nur Rollen als seltsame Randfigur. Er spielte einen Boten, eine pädophile Mystik-Figur und einen Kapitalisten. Schon während dem Semester beschwerte er sich darüber. Mit Erfolg, wie es zunächst schien: Zum Ausgleich wurde ihm in einem Ein-Mann-Stück ein 75-minütiger Monolog zugesprochen. Im Grunde eine super Rolle, hätte Patrick dafür nicht das Klischee schlechthin verkörpern müssen: einen Rosenverkäufer.

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Im Feedback-Gespräch am Ende des Jahres konfrontierte er die Dozenten. Er warf ihnen vor, Stereotype zu festigen, statt sie zu hinterfragen. Und fragte, wie die Gesellschaft dieses Denken überwinden könne, wenn das nicht einmal eine Theaterschule schaffe. Die Dozenten nahmen die Kritik sinngemäss mit der Antwort «Sie haben Recht. Aber was sollen wir tun?» an.

Zur Bachelor-Diplomfeier erschien Patrick deshalb nicht. Trotzdem versteht er die Position der ZHdK. Auch er spricht schliesslich für die von ihm kritisierten Rollen vor («von irgendetwas muss ich leben»). Und vor Jahren war er schon einmal mit einer ähnlichen Situation konfrontiert. Nach der Absage bei der Schauspielschule in Frankfurt verriet ihm ein Dozent, das Problem sei nicht Patricks Können, sondern das Publikum. Die deutschsprachigen Zuschauer seien schlicht noch nicht bereit für einen dunkelhäutigen Hamlet – egal wie gut er spiele.

«Du bist ja super integriert» Vom klassischen Theater hat sich Patrick mittlerweile abgewandt. Seine Energie steckt er grösstenteils in das experimentelle Theater und die Performance. Er ist Teil des Experi Theater in Zürich und für seine ZHdK-Masterarbeit tourte er durch die Fussgängerzonen deutscher Städte. Dort performte er unter anderem einen Text vom sri lankischen Freund, Regisseur und Autor P. Vijayashanthan. Dieser dreht sich um das Alleine-Sein in der Fremde und darum, in dieser Einsamkeit mit sich selbst zu hadern anstatt andere zu kritisieren.

In Dortmund erfüllte Patricks Performance ihren Zweck. Ein Schwarzer und ein Weisser fingen an, lautstark über Kolonialismus zu diskutieren. Im Anschluss an Patricks Auftritt fragte ihn zudem ein Mann, von was er in seiner Performance erzählt habe und ob er denke, dass es in Deutschland wirklich Rassismus gebe. Patrick erzählte im seine Geschichte. Irgendwann erwiderte der Mann «du bist ja super integriert – aber die Moslems, die integrieren sich überhaupt nicht.»

Eskalation während der Aufführung Man mag Patrick für einen naiven Weltverbesserer halten, wenn er als kleiner Nischen-Schauspieler gegen Mechanismen der Gesellschaft, die sich auch im Theater niederschlagen, ankämpft – und doch stellt er die richtigen Fragen. Wie eingangs ausgeführt, muss man nicht sonderlich tief graben, um festzustellen, dass Ausländer in der Schweiz zum Problem gemacht werden. Ist es nicht – besonders unter diesen Vorzeichen – Aufgabe der Kunst, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten? Wer übernimmt sonst die Funktion als Vorreiter des sozialen Fortschritts? Und warum stellt sich eine der etabliertesten Kunstschulen der Schweiz nicht aktiv diesen Problemen entgegen?



Gesichter Trailer from experi theater on Vimeo.

Eine von Patricks Erfahrungen scheint symbolisch für den Umgang der ZHdK mit solchen Fragen. Nachdem er einen Regisseur erfolgreich mit seiner Kritik konfrontierte, wurde sein Anliegen als Monolog in ein Theaterstück eingebaut. Mit den Worten «wenn nur einheimische, weisse, heterosexuelle Männer Theater für sich selbst machen, dann habe ich hier nichts mehr verloren» verliess Patrick als Teil des Stücks mitten in der Aufführung die Bühne. Die anderen Figuren störte das nicht. Sie spielten das Stück unbeirrt zu Ende.

 

Die Hochschulkommunikation der ZHdK weist in einer Stellungnahme die Verantwortung von sich: «Die ZHdK hat Patrick Yogarajan zum Studium aufgenommen und er hat bei uns seinen Bachelor und im Anschluss daran seinen Master gemacht. Er konnte sich im Rahmen seines Studiums intensiv mit Fragestellungen expliziten und impliziten Rassismus auseinandersetzen. Zu ihrem Text passender wäre wohl eher ein Titel in der Art von 'Die Zuschauer sind noch nicht bereit für einen schwarzen Hamlet' oder 'Rassismus vor und auf der Bühne'.»

Titelbild: Experi Theater

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