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Wie die NZZ in einer Kolumne sexuelle Gewalt verharmlost

Es brauche keine klare Zustimmung von beiden Sexualpartner*innen, meint eine Kolumnistin der NZZ. Tsüri-Redaktorin Adelina Gashi findet diese Haltung gefährlich und sexistisch. Eine Replik.
07. August 2019
Redaktorin

Provozieren kann Spass machen. Necken, anecken, ärgern. Es hat etwas Spielerisches und gleichzeitig ist einem die Aufmerksamkeit der Provozierten sicher. Anders lässt sich nicht erklären, weshalb die Neue Zürcher Zeitung vor fünf Tagen titelte: «Sex nur nach explizitem Ja? Nein!». Was ist denn das für 1 Titel!? Effekthascherei und pure Provokation. Und zugegebenermassen war das Ziel damit erreicht. Die Menschen empörten sich. Beim Kaffee mit Freund*innen oder in den sozialen Medien. Wie zum Beispiel im entsprechenden Facebook-Post der NZZ:

Sie empörten sich darüber, was dieser Titel andeuten will oder kann. Nämlich, dass Sex auch dann okay sei, wenn die Frau oder der Mann das gar nicht will. Ist es aber nicht. Nie.

Die Autorin der NZZ-Kolumne sieht das ganz pragmatisch: Die Menschen wissen ja meistens gar nicht so genau was sie wollen. Und insbesondere Frauen – also alle circa vier Milliarden Frauen auf diesem Planeten – seien gut darin, gleichzeitig Ja und Nein zu sagen.

Eine Pauschalisierung, die nicht nur schrecklich ignorant ist, sondern auch sexistisch

In Schweden gilt seit dem 1. Juli 2018 das Einwilligungsgesetz zur Zustimmung beim Sex. Nun wurde ein 27-jähriger Mann auf Grundlage dieses Gesetzes zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt, wie die Autorin in ihrer Kolumne schreibt. Völlig verkürzt gibt die sie wieder, wie der Schuldige bloss deshalb verurteilt wurde, weil das Opfer nicht eindeutig zugestimmt hatte, als es zu der sexuellen Handlung kam. Dass die Frau dem Mann aber im Vorfeld, bevor sich die beiden schlafen gelegt hatten, gesagt hatte, dass sie ausdrücklich keinen Sex haben wolle und er lediglich bei ihr übernachten dürfe, lässt die NZZ-Kolumnistin in ihren Ausführungen aus.

Bereits eingangs prangert die Autorin die «vereinfachte Sicht auf unser Triebleben» an, das mit diesem Zustimmungsgesetz einhergehen würde. Gleichzeitig verallgemeinert und vereinfacht sie selbst in ihrer Kolumne, wenn sie behauptet zu wissen, wie Frauen und Männer sich in Sachen Sex verhalten würden.

Das ist nicht bloss eine anmassende Generalisierung, sondern auch gefährlich. Der NZZ-Artikel handelt eigentlich von sexueller Gewalt und welche Massnahmen ergriffen werden, um die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren beziehungsweise davor zu schützen. Die Autorin aber macht daraus eine Debatte darüber, wie eine solche Regelung das «Triebleben» entsinnlichen würde und verschiebt so den Fokus der Thematik. Gefährlich, weil sexuelle Gewalt dadurch verharmlost wird.

Im Mai 2019 wurde erst eine Studie veröffentlicht, wonach jede fünfte Schweizerin schon einmal sexuelle Handlungen gegen ihren Willen erlebt hat, wie die Autorin in ihrer Kolumne ebenfalls festhält.

Wer unwillentlich sexuelle Handlungen erlebt, wird Opfer sexueller Gewalt. Mit Sinnlichkeit hat das nichts mehr zu tun. Denn dafür braucht es ein «Ja».

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