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Elin Braun und Barbara Müller (rechts) schauen für Nachschub bei den Frischwaren. (Bild: zvg)

Wie der Chornlade der Corona-Krise begegnet

Die meisten Geschäfte in der Schweiz mussten am letzten Dienstag schliessen, damit sich das Virus nicht so schnell weiterverbreitet. Lebensmittelläden haben weiterhin offen, so auch der Chornlade am Idaplatz und beim Limmatplatz. Elin Braun vom Chornlade-Team und Genossenschafter Fred Frohofer erzählen, was diese Situation für den Quartierladen bedeutet.
20. März 2020

Habt ihr auch mit Hamsterkäufen zu kämpfen? Wie hat sich der Andrang der Kund*innen seit Ausbruch der Corona-Krise entwickelt?

Elin: Unmittelbar nachdem der Bundesrat am 13. März die schärferen Massnahmen kommunizierte, kauften unsere Kundinnen und Kunden rege ein. Doch wirkliche Hamsterkäufe waren das nicht. Vielmehr deckten sie sich nicht nur wie bisher für einen, sondern für zwei, drei oder vier Tage ein. Inzwischen hat sich das beinahe wieder normalisiert. Offensichtlich hat die Kundschaft realisiert, dass wir zu den gewohnten Öffnungszeiten mit einem breiten Sortiment für sie da sind.

Wir alle kennen die Bilder von leeren Regalen in den grossen Supermärkten. Wie sieht es bei euch aus?

Fred: Grundsätzlich sind genügend Lebensmittel vorhanden. Doch die Vertriebssysteme sind derzeit an ihrer Grenze. Gerade die Grossverteiler haben eine komplexe Logistik, die nicht so schnell an die veränderten Bedingungen angepasst werden kann. Da der Chornlade kleinräumige und direktere Kontakte zu Produktionsbetrieben pflegt, sieht es bei uns besser aus.

Die Krise führt uns plastisch vor Augen, wie wichtig kleine Quartierläden für die Versorgung sind.
Fred Frohofer

Können euch die Lieferant*innen noch zuverlässig mit Lebensmitteln eindecken?

Elin: Unserem Sortiment sieht man die Krise schon auch an: Das eine oder andere Produkt ist ausverkauft und wird erst in ein paar Tagen wieder im Regal stehen. Aber wir haben immer noch mehr als genug, um sich gut zu verpflegen – auch Frischprodukte.

Welche Produkte laufen derzeit am besten und welche weniger als sonst?

Elin: Da viele unserer Kundinnen und Kunden nun zuhause arbeiten, gibt es eine Verlagerung: Unsere Take-Away-Angebote werden viel weniger nachgefragt. Suppen, die wir bisher heiss und in Portionen verkauften, bieten wir daher neu in 1-Liter-Packungen an, um sie zuhause zu wärmen. Das ist praktisch für den Homeoffice Zmittag mit der Familie.

Fred: Es wird eindeutig mehr gekocht und gebacken, weil die Menschen ja zuhause bleiben sollen. So verkaufen wir etwa mehr Mehl und Hefe als sonst üblich. Und Reinigungsartikel finden überraschend guten Absatz. Auch in den Haushalten wird offensichtlich vermehrt auf Hygiene geachtet.

Müsst ihr neue Wege gehen oder ist beim Chornlade business as usual?

Elin: Beides. Der Chornlade bleibt sich selbstverständlich treu und garantiert nach wie vor höchste Qualität bei möglichst kleiner Umweltbelastung. Die Krise fordert uns aber auch heraus und lässt kreative Ideen entstehen. Wir haben etwa sinnvolle Anpassungen bei der Warenpräsentation und bei den Kassen gemacht, so dass wir und die Kundschaft das Social Distancing einhalten können. Wir betreiben einen sehr hohen Aufwand mit Hygiene-Massnahmen, desinfizieren laufend alles, was berührt werden muss. Und wir verpacken Frischprodukte, die nicht gekocht oder geschält werden

Fred: Die Krise führt uns plastisch vor Augen, wie wichtig kleine Quartierläden für die Versorgung sind. Dabei geht es nicht nur um die Versorgung an sich, sondern auch um den für uns Menschen so wichtigen Small-Talk – und die Wissensvermittlung zu Produkten und Methoden. Und ich vermute, viele Menschen achten derzeit mehr auf gesunde, biologische Ernährung, um das Immunsystem intakt zu halten.

Ich hoffe, dass solche Formen der Unterstützung anhalten
Elin Braun

Es macht sich eine grosse Solidarität spürbar, Menschen helfen einander in dieser speziellen Zeit. Geht es euch auch so?

Elin: Ja, es ist toll, wie sich Gruppen bilden, die sich gegenseitig unterstützen. Die meisten haben sich ja über digitale Kanäle gefunden. Für Menschen, die weder Smartphone noch Computer nutzen, haben wir eine Liste im Laden. Darauf tragen sich Leute ein, die für Leute einkaufen können, welche sich isolieren müssen. Ich hoffe, dass solche Formen der Unterstützung anhalten; wir wissen ja nicht, wie lange wir noch Ausnahmezustand haben.

Fred: Der Chornlade ist viel persönlicher, als es ein jeglicher Grossverteiler sein kann. Mit der durch die Krise geforderten räumlichen Distanzierung wird gerade diese persönliche Nähe geschätzt. Wohl deshalb kommen die Menschen gerne zu uns – wer weiss, vielleicht auch ein wenig aus Solidarität uns gegenüber.

Ganz grundsätzlich: Was bedeutet diese Situation für den Detailhandel und die entsprechenden Produzent*innen usw.?

Fred: Der Lebensmitteldetailhandel verzeichnet derzeit Mehrumsatz. Dies, weil die Restaurants schliessen mussten – und vermutlich auch zuviel Lebensmittel gehortet werden. Dennoch ist die Situation gerade für Kleinproduzentinnen und -produzenten sehr schwierig. So können sie ihre Produkte weder an Wochenmärkten noch in der Gastronomie absetzen; sie müssen sich also komplett umorientieren.

Elin: Wir beziehen vermehrt Produkte über einen kleinen Distributor, der bisher vor allem die Gastronomie mit saisonalen und regionalen Bioprodukten belieferte. So können wir nicht nur den Distributor am Leben halten, sondern auch Kleinproduzentinnen und -produzenten. Das bewährt sich, zumal ein bedeutender Distributor für Bioprodukte markante Lieferengpässe verzeichnet.

Welche Learnings erhofft ihr euch für nach der Krise für den Detailhandel und die Konsument*innen?

Fred: Shopping-Center in der Peripherie stehen nicht nur wegen dem Online-Handel unter Druck. Mehr Menschen könnten durch diese Krise erkennen, wie wichtig kleinräumige Versorgung ist – gerade auch, weil das Medianalter der Bevölkerung ansteigt und der Strassenverkehr an seine Volumengrenze stösst. So könnte die Krise eine Chance für den inhabergeführten Detailhandel in den Quartieren sein.

Elin: Im besten Fall zeigt die Krise den Konsumentinnen und Konsumenten auf, wie wichtig die sozialen Aspekte eines Quartierladens sind. Dort kriegt man Tipps, trifft Nachbarinnen und Nachbarn und man kann sich austauschen. Das ist Lebensqualität.


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