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Von Coraline Celiker

Praktikantin Redaktion

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24. Oktober 2022 um 04:00

Zwischennutzungen: Der Schweizer Kompromiss, der keine Lösung ist

Dem Koch-Areal steht die Räumung kurz bevor. Im Zuge dessen hat sich die Besetzer:innenszene in der Stadt Zürich in den letzten Monaten stark mobilisiert. Denn: Zwischennutzungen seien keine Alternative, so die Aktivist:innen. Weshalb ihnen eine Stadtforscherin zustimmt.

«Besetzt»: Das Restaurant «Alte Post» in Seebach war eines der besetzten Häuser der letzten Wochen. (Foto: Lara Blatter)

Seit fast zehn Jahren lockt das besetzte und bewohnte Koch-Areal mit allerlei kulturellen Veranstaltungen: Ob Kino, Party, Polit-Veranstaltung oder Zirkusvorstellung. Damit soll nun bald Schluss sein. Die Zürcher Stimmbevölkerung sagte im Juni 2018 Ja zu einem gemeinnützigen Wohn- und Gewerberaum-Projekt, welches das Areal bald säumen soll. Anfang nächsten Jahres soll das Koch-Areal geräumt werden.

Der Besetzer:innenszene in der Stadt Zürich ist dies ein Dorn im Auge. Sie bleibt nicht untätig. In den letzten Wochen kam es zunehmend zu Besetzungen. Unter anderem von einer leerstehenden Liegenschaft in Altstetten, einem ehemaligen Personalhaus des Unispitals mitten in der Stadt Zürich und dem Restaurant «Alte Post» in Seebach. Seit einiger Zeit steht auch, mit alleswirdbesetzt.ch, eine eigene Website, mit der proaktiv Medienarbeit betrieben wird. Die Betreiber:innen von alleswirdbesetzt.ch geben auf Nachfrage bekannt, dass die Besetzungen der letzten Wochen einzelne unabhängige Aktionen von verschiedensten Kollektiven seien und nicht durch alleswirdbesetzt.ch organisiert wurden. Ihre Kampagne sei vielmehr als Aufruf zu verstehen, sich mit dem drohenden Ende des Koch-Areals und der Wohnungskrise generell zu beschäftigen und aktiv zu werden.

Diesem Appell folgten neben den verschiedenen Besetzer:innen-Gruppen der letzten Wochen auch mehrere hundert Personen, als sie am Samstag, dem 15. Oktober, von Altstetten in Richtung Innenstadt zogen, um gegen die Räumung des Kochs zu protestieren.

Feldzug gegen die Aufwertungspolitik

Zuletzt sorgte die Besetzung des ehemaligen Sozialdepartements an der Hönggerstrasse 24 für Aufmerksamkeit. Die Aktivist:innen sprachen sich in einem Statement vom 1. Oktober gegen die «Aufwertungspolitik» und die «Verdrängung von bezahlbarem Wohnraum und kulturpolitischen Freiräumen» in der Stadt aus, wozu auch Räumung des Koch-Areals als «letztes grosses autonomes Kulturzentrum» zähle. Scharf kritisieren die Aktivist:innen auch die Politik der Zwischennutzungen, die sich ihren Ansichten nach etabliert und sagen in ihrem Communiqué vom 11. Oktober: «Wir sind uns einig: Zwischennutzungen sind keine Lösung für Leerstand, steigende Mietpreise und kapitalistische Stadtentwicklung. Besetzen sehen wir als eine Praxis, die diese Kritik in sich trägt und mit jedem Haus und jeder Aktion neu verhandelt wird.»


Weshalb Zwischennutzungen tatsächlich nicht mit Besetzungen gleichgesetzt werden können, erklärt Ifigeneia Dimitrakou. Die Stadtforscherin doktorierte zu den Prozessen des Wohnungsleerstands in Athen und befasst sich in ihrer aktuellen Forschung mit dem Regelungssystem von Zwischennutzungen in Schweizer Städten.

Coraline Celiker: Weshalb kommt es zu Besetzungen in einer Stadt wie Zürich?

Ifigeneia Dimitrakou: Es gibt unzählige verschiedene Formen von Besetzungen und Motive, warum Menschen Gebäude besetzen. In der Bewegung der 80er-Jahre in Zürich war es zum Beispiel nicht in erster Linie die materielle Not, die Besetzer:innen antrieb – auch wenn bezahlbarer Wohnraum in der Stadt durchaus ein Thema war –, sondern es ging vor allem um eine andere Art von Kultur und dem gemeinschaftlichen Zusammenleben. Heute geht es vielmehr um von der Verdrängung bedrohte alternative und nicht-kommerzielle Kulturräume, die unter den neoliberalen Bedingungen der Stadt keinen Platz mehr finden.

Wie meinen Sie das?

Um in einer Stadt zu leben, muss man Geld haben, man muss konsumieren, man muss permanent «etwas leisten» und darf nicht einfach nur «sein». Und infolgedessen gibt es in der Stadt auch eine sehr klare Haltung, welche Personengruppen willkommen sind und welche nicht. In diesem Sinne geht es für diese Bewegung um Räume, die frei von jeglicher Art von Zwängen sind. 

Stadtforscherin Ifigeneia Dimitrakou forscht zu Zwischennutzungen in Schweizer Städten. (Foto: zVg)

Das Koch-Areal gilt ebenfalls als ein Ort ohne Konsumzwang. Was wissen Sie darüber? 

Ich habe die Debatte rund um das Koch-Areal ein wenig verfolgt und beobachtet, dass die Diskussion etwas vorsichtig abläuft. Denn was das Koch-Areal ersetzt, sind nicht etwa kommerziell genutzte Räume – was eine Welle der Empörung losgetreten hätte –, sondern gemeinnütziger Wohnraum, der in Zürich dringend benötigt ist. Zudem wird das Projekt von Kraftwerk1, einer Genossenschaft, von teils ehemaligen Besetzer:innen mitgetragen. 

Selbst wenn die Vertreibung der Besetzer:innen des Koch-Areals aus Gründen des Gemeinwohls geschieht, ist dies für alle Involvierten eine sehr bedauerliche Situation. Denn Vertreibungen zerstören auch soziale Netzwerke, die auf dem Areal über viele Jahre entstanden sind. Diese sind oft ortsgebunden.

Die Stadt Zürich versucht, mit Zwischennutzungen eine Alternative zu Besetzungen zu bieten – damit solche Netzwerke weiterhin bestehen können. Ist das zielführend? 

Es kommt in erster Linie darauf an, wer die entsprechende Zwischennutzung steuert und mit welcher Absicht. Schlussendlich läuft alles auf die Frage des Eigentums hinaus. Wem gehört der Raum?

Von der Stadt Zürich gibt es durchaus eine positive Intention, diese Art von Räumen zu fördern. Allerdings es gab auch im Zürcher Gemeinderat vermehrt Diskussionen über den bürokratischen und finanziellen Aufwand von Zwischennutzungen – unter anderem ja vor etwa einem Jahr infolge des Zwischennutzungsprojekts vom Verein Zitrone in der Manegg.

Es gibt eine ganze Reihe von Standards, die von der Stadt festgelegt wurden. Die sind natürlich auch wichtig, aber sollten sich in demokratisch legitimierten Entscheidungsprozessen immer am Gemeinwohl orientieren.

«Die Gefahr ist, dass dies eine neue Grenze für Kommerzialisierung steckt und Zwischennutzungen dadurch zu einem neuen Geschäftsmodell werden.»

Ifigeneia Dimitrakou, Stadtforscherin

Ist es denn trotzdem wichtig, dass es städtische Zwischennutzungen gibt?

Ja, für mich sind Zwischennutzungen eine Art von Kompromiss: Der Schweizer Kompromiss, sozusagen. Sie ebnen den Weg einen nicht völlig kommodifizierten, kommerziellen, Raum zu schaffen. Sofern die Besitzer:innen nicht gewinnorientiert sind – wie etwa der Staat. Ein Beispiel in Zürich ist die Zentralwäscherei (ZW), die unentgeltlich durch die Stadt, Raum und diverse Möglichkeiten bietet. Allerdings musste der Verein in einem Bewerbungsverfahren auch erst zeigen, wie er einen Beitrag für die Öffentlichkeit leisten wird und muss sich behaupten, um überhaupt Zugang zu diesem Raum zu erhalten. Es gibt für Zwischennutzungen also bestimmte Kriterien, die einige Gruppen exkludieren können.

Die Gefahr ist, dass dies eine neue Grenze für Kommerzialisierung steckt und Zwischennutzungen dadurch zu einem neuen Geschäftsmodell werden. Das ist problematisch. 

Warum?

Es löst das Problem der allmählichen Verdrängung nicht. Denn auch eine temporäre Vereinbarung endet irgendwann. Und was passiert dann? Wenn alle Städte von Grund auf erneuert werden, wird sowas wie die Zentralwäscherei in dieser Form nicht mehr möglich sein.

Die Zwischennutzung der alten Zentralwäscherei wird seit November 2021, durch den Verein Zentralwäscherei, als unkommerzieller Kultur- und Begegnungsraum, geführt. (Foto: Elio Donauer)

Können Sie das ausführen?

Vor allem in einer Stadt wie Zürich, die auch aufgrund ihrer Morphologie und Topographie unter der Landknappheit leidet, erachte ich es als nicht zu unterschätzen, dass es die Möglichkeit von nicht kommerziell genutzten Räumen gibt. Solche Räume werten ein Gebiet auf, indem sie dem Ort durch ihre kulturelle und künstlerische Praxis eine Relevanz geben. Die nachkommenden Bauunternehmer:innen bauen also auf der ganzen Arbeit dieser Personen und Gruppen auf und profitieren von der vorgängigen Aufwertung.

Aus diesem Grund verurteilen die Besetzer:innen an der Hönggerstrasse 24 Zwischennutzungen in einem Statement scharf. Sie scheinen ihrer Meinung zu sein.

Es ist mir wichtig zu betonen, dass Zwischennutzungen und Besetzungen nicht dasselbe sind und auch nicht dasselbe leisten können und sollen. Besetzungen sind prekär und kämpferisch. Sie fechten das Eigentum per se an und stellen damit direkt eine der zentralen kapitalistischen Säulen in Frage, mit der Vision eine andere Version der sozialen Ordnung und des Lebens in den Städten zu schaffen. Und nicht nur, weil sie sich einen Raum aneignen wollen.

Zwischennutzungen dagegen bewegen sich auf anderem Terrain. So können zum Beispiel Diskussionen in der Zentralwäscherei politisch aufgeladen sein, doch die ZW bewegt sich immer innerhalb der Grenzen und Spielräume, die ihr vorgegeben werden. Durch die Hürden des Bewerbungsprozesses und die temporäre Vereinbarung mit der Stadt, können sich die Akteur:innen nur eingeschränkt kritisch äussern und kaum Entscheidungen anfechten. Denn die ZW unterliegt als Ort, der vermeintlich wenig kommerzialisiert ist, doch stets dem ökonomischen Wettbewerb. Das führt auch zu einer Homogenisierung der Räume, was sich zum Beispiel durch eine ähnliche Ästhetik zeigt. 

ZW solidarisiert sich mit Koch-Areal

Diesen Schluss ziehen auch die Betreiber:innen der Zentralwäscherei. So solidarisieren sie sich in einem Communiqué vom 15. Oktober mit dem Koch-Areal und allen Besetzungen: «Zwischennutzungen können nie Ersatz für Besetzungen sein! Besetzungen leisten schon durch ihre reine Existenz politischen Widerstand und schaffen unersetzbare Freiräume.» Die ZW sieht die strategische Nutzung von Zwischennutzungen unter anderem systematisch dazu eingesetzt, Besetzungen zu verhindern. Dies zeige sich in Statements verschiedener politischer Vertreter:innen sowie auch in einem Stadtratsbeschluss von Anfang Juni diesen Jahres.

In einer Erklärung zur Demonstration des Koch-Areals vom 15. Oktober machen die Aktivist:innen klar, dass sie sich der Situation nicht widerstandslos hingeben: «Reisst ihr unsre Häuser nieder, sehn wir uns in euren wieder.» Und das Ringen um Raum in der Stadt ist damit wohl, entgegen der allgemeinen politischen Meinung, mit Zwischennutzungen, dem Schweizer Kompromiss, nicht einfach behoben.

Anm. d. Red.: Im Artikel war die Rede, dass die Zentralwäscherei «eine geringe Miete» zahlt. Das war nicht korrekt: Die Zentralwäscherei zahlt der Stadt keine Miete für die Räumlichkeit.