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Weshalb wird «Züritütsch» als arrogant wahrgenommen?

Geliebt, gehasst: «Züritütsch» ist ein Dialekt, der polarisiert. Der Linguist Sandro Bachmann erklärt, weshalb das so sein könnte.
22. September 2021

Das Zürcher «stresse» klingt für viele bereits angespannt, das Berner «jufle» hingegen wird eher entspannter wahrgenommen. Es ist ein grosser Widerspruch: Die beiden Wörter bedeuten dasselbe und doch lösen sie – rein aufgrund ihres Dialektes – ein komplett anderes Gefühl beim Angesprochenen aus. Weshalb ist das so? Wie wir einen Dialekt wahrnehmen, hängt mit einer Reihe von Faktoren zusammen.

Hierbei wird zwischen sprachlichen und sozialen Faktoren unterschieden: «Ersteres zeigt sich insbesondere durch die Aussprache eines Dialekts; also ob der oder die Sprecher:in schnell oder langsam, melodisch oder monoton spricht oder ob gewisse Vokale ‹spitz› oder ‹dumpf› ausgesprochen werden», erklärt Sandro Bachmann. Er ist Assistent am Deutschen Seminar der Universität Zürich und beschäftigt sich mit schweizerdeutschen Dialekten. «Im Gegensatz dazu stehen soziale Faktoren, die nicht direkt mit einer bestimmten Sprache oder einem bestimmten Dialekt zu tun haben», erklärt er weiter. Diese seien jedoch Ausdruck der Wahrnehmung soziokultureller Unterschiede, für die Dialekte und Sprache stellvertretend stehen können.

Was bedeutet das nun fürs «Züritütsch»? Die NZZ beschreibt den Dialekt in einem Beitrag auf sprachlicher Ebene als «direkt, schnell und deutlich». Grund dafür sei ein unverwechselbarer Sound, geprägt von klar artikulierten Konsonanten, einer Vielfalt an Vokalen, wenig Melodie und ausgeprägten ch- und k-Lauten. Die Autorin kommt zum Schluss, dass «Züritütsch» für Nicht-Zürcher schneidend oder breit klingt. Diese Annahmen würden jedoch klar der wissenschaftlichen Forschung widersprechen, meint Bachmann. «Auch die NZZ fällt darauf herein, die sprachlichen Marker für die Wahrnehmung des Dialekts verantwortlich zu machen, auch wenn sie eben nur stellvertretend dafür stehen.»

Nicht der Dialekt an sich ist eigentlich der Grund, warum wir ihn als arrogant wahrnehmen, sondern die Dinge, die wir damit verbinden.

Vielmehr ist es folglich dem sozialen Faktor zuzuschreiben, dass wir einen Dialekt als schön oder unschön, gemütlich oder arrogant, singend oder monoton wahrnehmen. «So verbinden Schweizer:innen Berndeutsch, Bündnerdialekt oder Walliserdeutsch oft mit schönen Landschaften, Ausflügen und Ferien, wohingegen viele Leute Zürichdeutsch mit Arbeit, Pendeln und Stau assoziieren», sagt Bachmann weiter.

Dass unser Empfinden gegenüber den schweizerdeutschen Dialekten jedoch sehr voreingenommen ist, zeigt eine Analyse der Universität Zürich: «So konnte etwa bisher nicht nachgewiesen werden, dass Personen, denen verschiedene schweizerdeutsche Dialekte vorgespielt wurden, selbst jedoch nicht Schweizerdeutsch verstanden – also sozusagen unvoreingenommen waren – gewisse Dialekte bevorzugten. Wenn dieselben Hörbeispiele aber Schweizer:innen vorgespielt wurden, hatten diese eine klare Meinung dazu, welchen Dialekt sie hübscher fanden», erklärt Bachmann weiter.

Der Linguist stellt fest: «Nicht der Dialekt an sich ist eigentlich der Grund, warum wir ihn als arrogant – oder besonders schön – wahrnehmen, sondern die Dinge, die wir damit verbinden.» Vielleicht sollten Zürcher:innen also ihr Image aufbessern? Die Aussprache des «Züritütsch» können wir zwar nicht ändern, aber allenfalls die sozialen Faktoren: Wie wäre es also mit einer Vier-Tage-Woche? Oder einer obligatorischen Siesta über den Mittag? Andererseits kann den Zürcher:innen ihr Image auch egal sein: Denn beharrlich kursierende Aussagen behaupten, der Thurgauer und St. Galler Dialekt seien noch unbeliebter. Geliebt, gehasst: Die Schweizer Dialekte, sie polarisieren alle.


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