Weshalb mir der FCZ einst sympathisch war

20. Juli 2016


In den letzten Jahren hat sich der FC Zürich vom ewigen Underdog zum Meisteranwärter gemausert. Ende dieser Saison brach plötzlich alles zusammen. Weshalb das nicht nur schlecht ist und warum der FC Winterhtur ein besserer FCZ ist: Ein Kommentar.

Eine der ersten Lektionen, die ich in meiner Kindheit lernen musste, war: ich mag keine "Rösliköhl", ich bin FCZ-Fan; und (!) wir sind Verlierer. Ich hatte keine Wahl. Noch das Übelkeitsgefühl beim Kauen dieses seltsamen Kohls, noch die Wahl dieser Amateurmannschaft, noch deren Leistung hatte ich mir ausgesucht. Das war 1996. Ich musste in die Fussstapfen meiner Schweizer Vorväter treten. Gar mein Vater, eigentlich aus Malaysia stammend, hatte sich der Tradition unterworfen. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz. Punkt.

Man mag kontrovers über die Loyalitäten zu Fussballmannschaften diskutieren, es gar total bescheuert finden - denn das ist es auch. Doch der FCZ ist eine jener seltenen Traditionen, welche die Generationen meiner politisch gespaltenen Familie verbindet. Aus welchem Grund? Wir sind FCZler – GC der Feind: die Bonzen, der Rekordmeister, Goliath. Wir? Die Verlierer, die Rackerer, die sozial Schwächeren, die Linken.
Naja, das mit den Linken würde an dieser Stelle mein konservativer Grossvater vehement verneinen. Aber als Bauer und Rackerer ist klar, wo seine Loyalität liegt: beim Arbeiterverein. GC war aus beiden Haltungen, aus bäuerlicher wie auch linker, der böse Bonzenverein. Der wohl einzige Punkt, bei dem Opa und ich noch heute Hände schütteln würden. Ein gemeinsames Feindbild verbindet und fasziniert. Ich kann mich noch erinnern, wie ich meine ersten Fluchwörter lernte und anwendete. In der Südkurve. Gegen GC. Ich zeigte jemandem das erste Mal mit wutverzehrtem Blick den Mittelfinger. Natürlich aus sicherer Entfernung, doch ich meinte es sehr ernst. So ernst, wie es ein erzürntes Kind überhaupt zu meinen vermag. Das war etwa vor 15 Jahren.

Die 93. Minute



Damals war alles so klar – die Fronten, das Verlieren, das Fluchen. Wir hatten keine Erwartungen und lebten alleine mit der Hoffnung auf bessere Zeiten. Doch dann musste der Underdog ja den Meistertitel gewinnen.

Die 93. Minute veränderte alles. Ich weiss noch genau, wie ich mit meinen Eltern, meiner Schwester und Tante bei meinen Grosseltern vor dem Fernseher sass. Sogar meine Grossmutter fieberte mit. In der 90. Minute brach meine Schwester bereits in Tränen aus, während ich noch immer daumendrückend keine 50 Zentimeter vor dem Fernseher hurte. Ich wusste, dass wir noch gewinnen würden – Wir mussten! Ich konnte nicht aufgeben. Und dann haut ihn Filipescu in der 93. Minute rein. Alles schreit, weint, schreit. Wir wussten nicht, wie man sich verhält bei so einem Ereignis. Nach 25 Jahren im Loch ist das kaum verwunderlich. Meine Schwester heulte nur noch. Auch ich war den Tränen nahe vor Glück – wir alle. Dann ging’s nach Zürich. Meine Grosseltern liessen wir zurück, auch wenn ich in den Augen meines Grossvaters erkennen konnte, dass er vielleicht, aber nur vielleicht, gern mitgekommen wäre. Wir tanzten durch die Stadt. Irgendwo in der Menge trafen wir dann auf Sven Hotz, der umherirrte und nicht genau wusste, wie es um ihn geschah. Als wir ihn erkannten, bildete sich ein Kreis um ihn, während die Fans ihn zum Tanz forderten. Ich bekam haut nah mit, wie Hotz den herzlichsten Salsa in der Menge tanzte. Ich konnte nicht mehr und musste ihn umarmen. Alles schrie, alles jubelte.

https://www.youtube.com/watch?v=jvlvxbJu6wo

Es war ein Traum. Doch einige Tage später war ich verwirrt. Wir hatten alles erreicht, was ich mir jemals für meinen Verein erwünscht hatte. Was nun? Mein Interesse erlosch für einige Jahre. Jahre, in denen der FCZ sich heimlich vom sympathischen Underdog zum leistungsgetriebenen Titelanwärter gemausert hatte. Der Präsidentenwechsel kam dem noch zu Gute. Der alte, herzliche, salsatanzende Sven Hotz wurde ausgewechselt mit: King Canepa! Mit Sven Hotz' Weggang starb das letzte Rückgrat des alten FC Zürichs und ein neuer Geist machte es sich bequem.  







Innert kürzester Zeit wandelt King Canepa seinen gesamten Hof um, damit die Zukunft des FCZ ausschliesslich von den Händen der Blaublütigen geformt werde. Die Würdenträger der glorreichen Zeit fielen einer nach dem andern weg. Oder wurden durch die eiserne Faust des Kanepas weggefegt. Favre. Bickel der Alte. Ich frage mich oft, wie sich wohl Burgermeister die ganze Zeit über gefühlt haben musste – hofnärrisch vielleicht. Weil das mit den Titeln nicht so ganz klappte, butterte Kanepa immer wieder Geld in den Verein, finanzierte Diven wie Yassine Chikhaoui und zahlte unerhörte Löhne. Das entstandene Defizit besserte er auf mit dem Ausverkauf der Jugend. Macht soweit alles Sinn, wenn man dem Verein jegliche Zukunft rauben will und bloss den kurzzeitigen Erfolg im Blick hat. Manchmal erinnerte mich Kanepa an ein „täubelndes“ Kind, dass es kaum erwarten konnte, endlich die nächste Trophäe in die Luft zu stemmen. Irgendwann hatte er auch keine andere Wahl mehr, als den vorgegebenen Kurs weiterzugehen. Denn bei einer Kursänderung, hätte man ja eingestehen müssen, dass der König falsch liegt. Und der König hat immer recht.

Verwöhnter FC Zürich



Die dogmatischen Veränderungen im Verein schwappten auf den gesamten Verein und die Fans über. Plötzlich hatte man Erwartungen. Ich erlebte den FCZ noch als Underdog, als stetiger Anwärter auf die National Liga B (die frühere Challenge League), als Verlierer im Auswärts-Duell mit dem kleinen FC Wil (0:3), mit Trainern wie Ponte, der zu viele Ausländer auf dem Platz hatte (damals durfte man nur drei Ausländer einsetzen). Ich kannte den FCZ schon, als wir noch FILA als Sponsor hatten oder  als der legendäre Freddy Chassot noch böse Blicke verteilte und Kameraleute umhaute. Der hatte noch Charakter. Den einzigen Titel, welcher der FCZ holte bis zur 93. Minute, war 2000 der Cup, als Gilbert Gress kurzfristig die Mannschaft übernahm, als Shaun Bartlett mit einem Tor und zwei gelben Karten zum tragischen Helden avancierte und Marco Pascolo zwei Penaltys hielt. Doch die neue Generation wuchs mit mehreren Titeln auf. Für sie ist der Abstieg pure Empörung. Verständlich. Das ganze gipfelte im Sturm auf die Katakomben des FCZ.

https://www.youtube.com/watch?v=V0qBMrnHs4c

Nun sind wir nicht mehr erstklassig. Mit einem König zweiter Klasse, der noch immer nicht abtreten will, der immer noch denkt, der FCZ sei mit Geld alleine zum Erfolg zu führen. Der scheinbare Kurswechsel kam – meiner Meinung nach jedoch nur zur Besänftigung des Pöbels. Der neue Bickel (nicht ausdrücklich neuer Sportchef, aber ein bisschen etwas in der Art) kündigt zwar inzwischen alle Neuzugänge an. Doch ob er dabei mitentschieden hat, bleibt fragwürdig. Und dann haben wir noch den GC-vorbelasteten Uli Forte, der eigentlich eher dafür bekannt ist, dass er junge Spieler nachzieht und in die 1. Mannschaft integrieren kann. Doch die Jugend wurde ja bereits in einer Totalliquidation ins Ausland oder jüngst zum FC-fucking-Basel (!) transferiert. Und auch die Neuzugänge lassen daran zweifeln, dass man Forte beim FCZ diese Schiene weiterfahren lässt. Mit Adrain Winter (von Orlando City SC, Kay Voser (von FC Sion), Andris Vanins (auch von FC Sion) bringt der FCZ drei Veteranen an Bord.  Offen bleibt die Frage, was man mit fünf Torhütern will. Und mich würde interessieren, was man den beiden aus Sion zahlen musste, damit sie sich in die zweite Liga transferieren liessen – oder aber, sie gedenken ihr Karriereende in der Challenge League noch ein wenig hinauszuzögern.







Cup, Abstieg und die Tabula rasa

Es wird gemunkelt, dass sich einige Fans den Abstieg wünschten und die Tabula rasa heraufbeschworen. Ich gestehe schamlos: Ich gehöre zu jenen Fans. In der Winterpause sagte ich feierlich: «Wir holen den Cup und steigen ab.» Der FCZ braucht einen Reset. Uns fehlte in den letzten Jahren nicht nur sportlich Charakter. Wir stecken tief in einer vollumfänglichen Identitätskrise. In der Führung, in der Mannschaft, in der Südkurve.

Der Abstieg kam, die Tabula rasa lässt noch auf sich warten. Doch wenn der Abstieg etwas gebracht hat, dann höchstens, dass der King Kanepa vom Pöbel in eine parlamentarische Monarchie gezwungen wurde. Alleiniger Regent ist er nicht mehr – oder muss dies zumindest nach Aussen so aussehen lassen. Aber absetzen konnten wir ihn auch nicht. Was ich mir sehr gewünscht hätte. Dass Kanepa überhaupt König über DEN Arbeiterverein Zürichs wurde, kann ich mir heute noch nicht erklären. Aber man sagt ja, dass der König von Spanien auch Athletico Madrid Fan ist (WTF? an dieser Stelle). Doch Kanepa sieht sich natürlich als jener, der auch in den schlechten Zeiten zu seinem Verein steht. Das kann man ihm hoch anrechnen – muss man aber nicht. Denn wer den Wagen an die Wand fährt, sollte das mit dem Fahren besser andern überlassen.


Die Roten Löwen

Jetzt sind wir nunmal in der Brack (Nochmals WTF!) Challenge League. Auch wenn sich die blauäugigen Blaublüter noch immer nicht eingestehen wollen, dass sie den Rückhalt in der Bevölkerung verloren haben und besser schnellst möglich ins Exil gehen würden – beispielsweise GC, wo der Kanepa meiner Meinung nach viel besser hinpassen würde –, sind wir genau dort, wo wir hingehören. Zurück in der zweiten Klasse. Zurück als Rackerer. Zurück in der Scheisse. Nicht im Stadtduell gegen GC, sondern gegen das kleine, feine Winterthur. Gegen einen Verein, der noch weiss, was er ist. Gegen einen Verein, für den ich ohnehin schon längst Sympathien hege. Und dies nicht nur, weil sie auch Löwen sind und dazu (!) noch Rote. Sondern weil es sein könnte, dass der FC Winterthur die ganze Zeit über ein besserer FC Zürich war.

Doch vielleicht wird sich der FCZ genau hier neu finden und sich zurückbesinnen, an das was er einst war: ein Klub mit Rückgrat, ein Klub, der verlor und dies auch konnte, aber dennoch Charakter hatte. Ein Klub, der nur selten feiern konnte, doch wenn, dann aber richtig. Vielleicht wird genau hier der FCZ wieder zum FCZ werden.
Member entscheiden mit:
Deine Bewertung -> Stutz für den/die Journalist*in
Bewertung löschen

Kommentare

Willst du unabhängigen Journalismus?

Tsüri.ch steht für unabhängigen & engagierten Journalismus und setzt sich für eine offene, fröhliche, tolerante und ökologische Gesellschaft ein. Mit deiner Unterstützung können wir das auch in Zukunft tun.

Mit nur 5.-/Monat bin ich dabei
Einloggen und zurück zum Artikel
Gerade nicht