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Wer bezahlt den Preis für die Komplexität unseres Finanzsystems?

An der Universität Zürich findet eine Vorlesungsreihe zu alternativen Wirtschaftsmodellen statt. Die Organisator*innen vom Verein Plurale Ökonomik präsentieren hier die besprochenen Themen. Hier folgt der neunte von zwölf Teilen.
20. November 2019

Text: Joel Bühler


Letzten Donnerstag war Finanzprofessor Stefano Battiston von der Uni Zürich bei uns. Er hat unter anderem zu Klimarisiken geforscht und uns erklärt, wie es im heutigen Finanzsystem zu systemischen Krisen kommen kann. Sein Forschungsgebiet zeigt, dass uns die Mainstream-Ökonomie ganz wesentliche Zusammenhänge übersehen lässt.

Was machen Komplexitätsökonom*innen oder die Autor*innen der «Financial Network»-Literatur?

Im Vergleich zu Neoklassik versucht die Komplexitätsökonomik, real existierende Akteur*innen anhand ihrer Abhängigkeiten zu analysieren. Dies geschieht mit Netzwerken, über welche die Akteur*innen miteinander in Verbindung stehen. Bei unserer Vorlesung ging es insbesondere um das Finanzsystem, wo Banken einerseits Vermögenswerte von ausserhalb des Finanzsystems besitzen (zum Beispiel Anteile oder Schuldscheine von Industriefirmen), gleichzeitig aber auch untereinander (also an andere Banken) Kredite vergeben.

Macht eine Bank B Verluste auf ihren Vermögen ausserhalb des Bankensystems und wird dadurch insolvent, dann sind davon automatisch auch die Banken betroffen, die Kredite an B vergeben haben. Sie werden nicht mehr den gesamten Kredit zurückerhalten. Unter gewissen Bedingungen können sich solche Schocks von wenigen Banken auf das ganze System ausbreiten. Ohne das Bankensystem als Netzwerk von gegenseitig abhängigen Akteur*innen zu betrachten, lassen sich ganz entscheidende Muster nicht verstehen.

Was lernen wir durch die Netzwerkanalyse des Finanzsystems?

Stefano Battiston hat selbst ausführlich zu finanziellen Netzwerken geforscht. Einige der wichtigsten Erkenntnisse der Arbeit von Forscher*innen,die sich mit Finanznetzwerken auseinandersetzen, sind folgende:

  • Die Mainstream-Ökonomie und -Finance halten eine möglichst grosse Diversifizierung von Vermögenswerten für einen wichtigen Garant für Stabilität. Battistion zeigt mit seinen Koautor*innen allerdings, dass unter vernünftigen Annahmen das systemische Risiko erhöht wird, wenn die Diversifikation einen gewissen Schwellenwert übersteigt.
  • Selbst wenn es nicht zu Bankrotten von Banken kommt, dann führen Schocks trotzdem zu Verwerfungen im Bankensystem, diese lassen sich mit Ansteckungsmodellen abschätzen.
  • Credit Default Swaps ändern alles. Es handelt sich dabei um Versicherungen, mit denen sich der Zahlungsausfall eines Kredits versichern lässt. Allerdings nicht nur dann, wenn man das Kreditrisiko selbst hält, sondern auch, wenn der Kredit an jemanden anders geschuldet ist. Das ist so ähnlich, wie wenn ich das Fahrrad eines Freundes oder einer Freundin gegen Diebstahl versichern würde. Sind neben normalen Krediten auch solche Credit Default Swaps möglich, dann lässt sich nicht feststellen, ob eine Bank im Netzwerk im Zahlungsverzug ist. Für das gesamte Finanznetzwerk lässt sich dann keine Lösung finden, mit der nur noch solvente Banken im Netzwerk existieren. Das bedeutet, dass Finanzregulator*innen vor unlösbare Probleme gestellt werden.
  • Grundsätzlich existieren riesige Informationsunterschiede zwischen Banken und den Regulationsbehörden. Das führt dazu, dass die Behörden einerseits die Risiken nicht richtig abschätzen und frühzeitig eindämmen können. Andererseits können Banken ihre systemische Bedeutung übertreiben und so gerettet werden, obwohl sie nicht systemisch relevant sind.

In der nächsten Woche wird uns Prof. Angelika Zahrndt besuchen. Sie hat gerade ein neues Buch zum Thema Post-Wachstumsgesellschaft veröffentlicht und wird auch uns erklären, was der Kern der Post-Wachstumsökonomik ist.

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