🥳 1156 Member 🥳

Eines der besetzten Häuser in Altstetten. Bild: zvg

«Doch eigentlich geht es beim Besetzen nicht um Utopien, sondern um konkreten Widerstand»

Die Besetzer*innen des Juch-Areals sind nach der Räumung in vier Abbruchhäuser in Altstetten weitergezogen. Medienanfragen wurden bislang ignoriert – Tsüri.ch konnte jedoch mit einer der Besetzer*innen sprechen.
02. Juli 2020
Redaktorin

Ende Mai ist das besetzte Juch-Areal von der Polizei geräumt worden. Der Stadtrat wurde dafür von links bis rechts aus verschiedenen Gründen kritisiert. Als Antwort auf diese Räumung haben sich die Besetzer*innen vor wenigen Tagen in Zürich-Altstetten niedergelassen. Dies in vier Abbruchhäusern an der Grimselstrasse 18 und 20 sowie an der Saumackerstrasse 67 und 69, deren Eigentümerin die UBS, genauer ihr Immobilienfonds Sima ist. Insgesamt soll die Grossbank in der Nachbarschaft laut Website des Fonds 12 Gebäude mit 153 Wohnungen besitzen. Die UBS hat mittlerweile Strafanzeige erstattet und begründet diese mit dem geplanten Neubau auf der Parzelle, der noch diesen Sommer realisiert werden soll.

Die zuständige Medienstelle liess vergangene Woche gegenüber dem Tages-Anzeiger verlauten, dass die Überbauung aus Mietwohnungen im marktüblichen mittleren Preissegment bestehen soll. Bislang haben die Besetzer*innen nicht auf Medienanfragen anderer Zeitungen reagiert. Eine Besetzerin hat sich jedoch bereit erklärt, Tsüri.ch ihre Perspektive auf die Situation zu teilen.

Wir versuchen derzeit, mit der Nachbarschaft einen offenen Umgang zu pflegen und aktiv das Gespräch zu suchen. Die meisten sind uns wohlwollend gesinnt.
Besetzerin

Für was kämpft ihr?

«Bei besetzten Räumen geht es um die ganze Stadt. Es ist sehr wichtig, dass es selbstverwaltete Orte gibt, die frei sind von Konsumzwang und kapitalistischer Logik. Orte, an denen man gemeinsam etwas aufbauen, an denen man sich selber organisieren kann. Solche Orte zu finden, wird immer schwieriger. Doch Lebens- und Wohnraum sollte von der kapitalistischen Verwertungslogik ausgenommen sein. Die gegenwärtige Besetzung ist eine Antwort auf die Räumung des Juch-Areals. Wenn man uns einen Raum nimmt, heisst das nicht, dass wir oder unsere Idee dann einfach weg sind. Wir stellen uns gegen die Aufwertung dieser Stadt, gegen die Vernichtung von Räumen, in denen Menschen sich vernetzen und gemeinsam politisieren können. Der Zugang zu Räumen hängt sehr oft von Geld ab – und dadurch findet eine Ausgrenzung statt. Altstetten ist sinnbildlich für den gegenwärtigen Aufwertungsprozess. Das halbe Quartier ist in Besitz der UBS – Wohnungen werden nicht mehr vermietet, wenn Leute ausziehen – nicht einmal Garagen. Mitten in der Stadt steht Raum leer, Raum auf Vorrat. Wir versuchen derzeit, mit der Nachbarschaft einen offenen Umgang zu pflegen und aktiv das Gespräch zu suchen. Die meisten sind uns wohlwollend gesinnt. Auch, weil das Problem der Gentrifizierung – auf das wir aufmerksam machen wollen – sie direkt betrifft und sie sich seit Längerem damit auseinandersetzen müssen. Wie gesagt: Zum einen gibt es Räume, zum anderen die Idee. Und die ist nicht weg, nur weil man den Raum zerstört.»

Was macht ihr, wenn das Areal geräumt wird?

«Wir wollen so lange bleiben wie wir können und versuchen eine Räumung zu verhindern.»

Wenn ihr Zürich frei gestalten könntet – wie würde die Stadt dann aussehen?

«Eigentlich haben wir unzählige Ideen, wie man die Stadt schöner machen könnte, kollektiver – eine Stadt gestalten könnte, die den Menschen gehört, die darin leben und nicht den Banken und Konzernen. Doch eigentlich geht es beim Besetzen nicht um Utopien, sondern um konkreten Widerstand. Um viele kleine Handlungen, bei denen es darum geht, sie im Kollektiv zu bewältigen und einer Vereinzelung entgegenzuwirken. Jede*r kann etwas tun. Zum Beispiel: Einsprachen gegen neue Grossbauprojekte einreichen, sich im Quartier organisieren, allgemein zur Aktivität aufrufen. Nicht kampflos gehen, wenn eine Kündigung des Mietverhältnisses ins Haus flattert. Und ganz wichtig: Bildet Banden! Wir haben beobachtet, dass Menschen viele Dinge aus verschiedenen Gründen einfach so hinnehmen und nicht um ihre Rechte Bescheid wissen. Sie denken, sie hätte ohnehin keine Chance, wirklich etwas zu bewirken. Hinzu kommt, dass in zahlreichen Quartieren, die derzeit von der Gentrifizierung betroffen sind, Menschen leben, die unter enormen ökonomischen Druck stehen und keine Zeit haben, sich mit dieser Thematik auseinander zu setzen. Diese gehen dann oft den einfachsten Weg und nehmen die erstbeste Wohnung die sie kriegen können – und werden so aus dem Quartier verdrängt. Das darf nicht sein.»

Kommentare

Nöd Jetzt!