Wenn es die «Zitrone» nicht mehr gibt, wird es langweilig in der Stadt

Zwischennutzung vor dem Aus?
16. Oktober 2015
Chefredaktor
«Es geht so» antwortet Yves Sablonier auf die Begrüssungsfrage, wie es ihm gehe. Dass eines der Gründungsmitglieder der Zwischennutzung «Zitrone» Mitte Oktober keine Freudensprünge macht, ist verständlich: Nach einer Zeit in einer Garage beim Albisriederplatz, nach einer Weile an der Badenerstrasse in Altstetten und nach 13 Monaten in Altstetten hinter dem Lindenplatz, steht der Verein vor einem jähen und ungewollten Ende.

Seit knapp drei Jahren steht die «Zitrone» für ein bunt durchmischtes Biotop. Gut 160 Personen arbeiten momentan an der Bachmattstrasse: Musiker, Fotografen, Bühnenbildner, Webdesigner, bildende Künstler, Velomechaniker und viele andere mehr. Sie alle haben etwas Entscheidendes gemeinsam: Sie sind auf günstigen Arbeitsraum angewiesen. Die «Zitrone» rein über den Preis zu definieren wäre hingegen zu kurz gegriffen. Dadurch, dass sich die Zwischennutzung inklusive des Gebäudes selbst verwaltet, ist sie ein Hort maximaler Freiheit und Vernetzung. Niemand im Haus stört sich an den 15 Bands im Keller, und weil der finanzielle Druck klein ist, dürfen die Personen mit ihren Projekten scheitern. Künstler und Handwerker mit naturgemäss kleinerem Budget können ausserdem mehr Fläche beanspruchen. Dieser Spielraum sei enorm wichtig, damit Neues entstehen kann und eine lebendigere Durchmischung entsteht, ist Yves überzeugt. «Ich denke das nicht nur in Bezug auf unser Haus. Ein Blick in den Kreis 5 oder nach Neu-Oerlikon genügt.»
Mit Schnaps bedruckt Yves papier
«Zürich hat keine Brachen mehr» Anfang November müssen die «Zitrone» und die Autonome Schule Zürich (ASZ) das Haus in Altstetten verlassen. Während sich die ASZ keinen Unterbruch erlauben kann und notfalls an verschiedenen Standorten unterrichten wird, steuert die «Zitrone» auf eine ungewollte Zwangspause zu.
< «Zürich hat keine Brachen mehr», erklärt Yves die Schwierigkeit, eine neue Bleibe zu finden. In der Not hätten sie ihr Suchradius bis nach Kloten und an die Bahnhofstrasse ausgeweitet. Einerseits versucht die «Zitrone» mit der Stadt zusammenzuspannen, doch diese will die Häuser selber verwalten und nur unter bestimmten Richtlinien abgeben – dies kommt für eine autonome Zwischennutzung aber nicht in Frage. Andererseits verhandelt der Vorstand mit privaten Immobilienbesitzern. Yves: «In der Regel haben wir es mit den Privaten besser. Doch viele meinen, wir seien irgendwie militant, weil wir uns selber organisieren.» Ein Gebäude zu besetzen kommt für die «Zitrone» in diesem Gefüge nicht in Frage. Einige der für das Projekt und den Austausch wichtigen Selbständigen könnten sich eine Hausbesetzung nicht leisten.

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Wie geht es weiter? So sieht es aus, das Spannungsfeld, in dem sich die «Zitrone» bei der Heimatsuche bewegt. Schon viele potenzielle Lösungen mit der Stadt oder Privaten sind daran zerbrochen, weil sich der Verein keinesfalls fremdverwalten lassen will und somit einen Teil seiner Autonomie abgeben müsste. Darum zeigt sich Yves «pessimistisch in Bezug darauf, dass es weiter geht». Nun suche der Vorstand ein Zwischenlager, Ein Zwischenlager konnte unterdessen gefunden werden, einige Mitglieder werden sich irgendwo anders einmieten und ihrer Arbeit nachgehen. Für die Strukturen sei das nicht gut, die «Zitrone» drohe zu zerfallen. Und damit würde es einige weitere prekäre Kunst- und Kulturschaffenden auf die Strasse spülen, wie es Yves auf Facebook beschreibt. «Ein Laptop-Arbeitsplätzli findet noch jeder, aber was machen unsere über 60 Musiker mit ihren Bands?».

Wenn die Zitrone ihren neuen Standort wählen könnte, würde sie zurück in die Stadt. In den letzten drei Jahren bewegte sie sich immer einen Schritt vor der Gentrifizierung. Nun ist sie aber am äusseren Stadtrand angekommen – nach dem Lindenplatz kommt bald Schlieren. Dies sei aber keine Option, führt Yves aus, nicht aus Geschmackgründen, sondern weil es auch da bereits keinen Platz mehr habe.

Sollte die Zitrone doch in der Stadt ihr neues Zuhause finden, stellt sich die Frage, ob sich damit die Richtung der Gentrifizierung umdreht und sich diese auf dem Weg zurück ins Zentrum befindet. Der überdurchschnittliche Leerstand von Gewerbe- und Büroraum in der Innenstadt spricht dafür.

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