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«Wenn ein Museum heute keine digitale Kunst zeigt, verschläft es etwas»

Kulturdirektor Peter Haerle im Interview
09. Februar 2015
Chefredaktor
Im Sommer präsentiert die Stadt Zürich das Leitbild der Kulturpolitik für die nächsten vier Jahre. Tsüri hat den Kulturdirektor Peter Haerle zum Interview getroffen und mit ihm über Freiräume, die Abschaffung der Eintrittsgelder, die Digitalisierung der Künste und das Streben nach internationalem Ansehen gesprochen.

Tsüri: Sie sind dabei, das Leitbild der städtischen Kulturpolitik zu überarbeiten. Kommt Neues auf uns zu?
Peter Haerle:
Ja und Nein. Kulturpolitik ist ein langfristiges Geschäft. In den letzten vier Jahren konnten wir auf verschiedenen Ebenen ausbauen. Im neuen Leitbild wird es darum gehen, das Bestehende zu vertiefen und an der Qualität zu arbeiten.  Inhaltlich setzen wir aber neue Akzente und versuchen, die Förderung ständig an den Erfordernissen der Zeit anzupassen.

Was bedeutet das konkret?
Ein inhaltlicher Schwerpunkt wird sein, dass wir fordern, dass sich die gesellschaftliche Vielfalt verstärkt auch in der Kultur abbilden soll: im Publikum der Institutionen, in der personellen Zusammensetzung der Häuser, in der Zusammensetzung der Kulturkommissionen.  Zudem werden wir einen klaren Schwerpunkt bei der Filmförderung setzen. Ansonsten sollen in den nächsten vier Jahren die Bedingungen für die Kulturschaffenden verbessert werden. Dies soll aber nicht über eine Ausweitung des Kulturangebotes geschehen sondern durch einen gezielteren Einsatz der Mittel.

Gibt es mehr Mittel für das grössere Angebot?
Ich bin überzeugt, dass wir zur Stärkung der Kultur nicht das Angebot vergrössern müssen. Eher streben wir eine Konzentrierung und Fokussierung an. Und wir setzen einen klaren Akzent: die Stärkung der Filmförderung.

Nach den Wirren um das Museum Strauhof wurden Sie scharf kritisiert: der Kulturpolitik fehle es an Richtung. Wie gehen Sie damit um?
Kritik gab es vor allem von gewissen Medienschaffenden. Damit muss man leben, wenn man etwas bewegen will. Fundierte und überlegte Kritik nehme ich gerne auf und lasse sie auch in meine Arbeit einfliessen. Gewisse Verlautbarungen waren aber sehr wirr und die Forderungen teilweise absurd. Etwa die Forderung, Zürich solle sich endlich entscheiden, ob sie die Hochkultur oder die Alternativkultur fördern wolle. Warum?
Wir sind die grösste Schweizer Stadt und stehen in einem internationalen Umfeld: Zürich muss sowohl hoch professionelle und international ausstrahlende Institutionen haben, wie auch eine lebendige und innovative Alternativkultur. Wobei diese Begrifflichkeiten und Kategorisierungen heute immer fragwürdiger werden. Zudem ist die Vorstellung absurd, der Kulturdirektor könne einfach seine Ideen durchziehen:  Wir machen Kulturpolitik in einem direktdemokratischen System: Am Schluss muss alles vom Gemeinderat oder vom Volk bewilligt werden.

Kunst braucht Freiheit, Sie müssen sich rechtfertigen, wofür Sie das Geld ausgeben. Ist das kein Widerspruch?
Es ist ein Spannungsfeld. Meine Aufgabe ist es, für die Kunst möglichst viel Freiraum garantieren zu können. Wenn sich die Politik zu fest in die Kunst einmischt, kommt es nicht gut.

Welchen Stellenwert haben Freiräume und Offspaces in der Kulturstadt Zürich?
Einen grösseren, als es das Geld, das wir in deren Förderung investieren, erahnen lässt. Das heisst: die Off-Spaces leisten mit verhältnismässig wenig öffentlichem Fördergeld viel. Off-Spaces sind Freiräume, wo Experimente möglich sind, wo Ausprobieren, auch Scheitern erlaubt ist. Gerade darum ist es auch wichtig, dass diese Freiräume nicht vollständig institutionalisiert werden. Wir unterstützen diese Freiräume – was dann dort passiert, ist ihnen überlassen.

Trotz dem hohen Stellenwert für die Stadt fliesst nur wenig Geld. Können die Offspaces in den nächsten vier Jahren mit mehr Geld rechnen?
Wir haben die Fördermittel für die freien Kunsträume in der letzten Leitbildperiode um 100‘000 Franken erhöht. Es wäre falsch, einen Offspace zu fördern wie eine Kunsthalle, weil sich dann der Charakter dieses Raumes und seine Funktion völlig verändern würde.  Dann gäbe es Leistungsvereinbarungen, und es würde eine hohe Professionalität in Betrieb und Management gefordert. Diese Zwischennutzungen leben vom Vorübergehenden, vom Improvisierten. Bevor wir die Gelder wieder erhöhen, wollen wir mit Bund und Kanton eine gemeinsame Politik für Offspaces entwickeln.

Zum Beispiel mit mehrjährigen Förderverträgen?
Das macht oft keinen Sinn, weil die selbstverwalteten Freiräume sehr dynamisch und kurzlebig sind. Der Message Salon beispielsweise musste kürzlich schliessen und Les Complices hat seine Leiterin nach Kairo verloren. Es gehört dazu, dass solche Orte kommen und wieder verschwinden. Auf der anderen Seite gibt es von den Off-Spaces das Bedürfnis nach mehr Sicherheit und Planbarkeit. Hier gilt es, gute Lösungen zu finden.

Kultur und Kunst sind wichtig für einen demokratischen Staat. Damit diese aber allen zugänglich sind, müssten die Eintrittsgelder abgeschafft werden. Wie stehen Sie dazu?
Es ist wichtig, dass möglichst viele Menschen Zugang zur Kultur haben. Aber von grundsätzlicher Gratiskultur halte ich nichts. Die Gratiszeitungen haben auch nicht zur Qualität der Medien beigetragen. Ich bezweifle auch, ob das Publikum will, dass alle kulturellen Angebote gratis sind. Kultur hat einen Wert. Das muss den Menschen bewusst sein. Und dieser Wert drückt sich auch dadurch aus, dass man dafür bezahlen muss. Wieviel, das ist eine Frage. Die Gessnerallee macht nun eine Politik mit Einheitspreis Fr. 16.- und stellt fest, dass sie mehr und neues Publikum ansprechen.  Das sind interessante Versuche, welche die Diskussion um Eintrittspreise beleben.

Gratis-Eintritte könnten dazu führen, dass Personen ins Theater und ins Museum gehen, die sich das sonst nur selten leisten können.
Es wäre sicher interessant zu sehen, ob dann tatsächlich andere Leute ins Schauspielhaus und in die Tonhalle gehen würden – ich wage das in Frage zu stellen. Die Shedhalle beispielsweise die hat die Eintritte abgeschafft, konnte aber dadurch nicht mehr Menschen anlocken. Vielmehr müssen die Institutionen grundsätzlich an einer Kultur der Offenheit arbeiten und ausstrahlen, dass sie wirklich jeden Menschen ansprechen wollen, unabhängig von seinem kulturellen und bildungsmässigen Hintergrund.


Bei mir entsteht der Eindruck, Sie wollen unbedingt internationales Ansehen für die Kulturstadt Zürich. Kriegen darum die grossen Institutionen wahnsinnig viel Geld im Vergleich zu den anderen?
Zürich suchte kulturell schon immer internationale Ausstrahlung und hatte sie auch wiederholt. Das ist nichts Neues. Und wenn Zürich, als grösste Schweizer Stadt diese Ambition nicht hätte, würde sie etwas falsch machen. Internationale Ausstrahlung erreichen aber nicht nur die Institutionen mit viel Geld. Gerade wurde der freie Regisseur Tom Luz mit einem Theaterstück ans Berliner Theatertreffen eingeladen. Und auch andere freie Künstlerinnen und Künstler haben international Erfolg.
Noch zum Geld: Das Schauspielhaus beschäftigt rund 300 Personen und bespielt vier Bühnen oft gleichzeitig. Ein solcher Betrieb auf diesem hohen Qualitätsniveau kostet einfach. Das heisst aber nicht, das andere Formen der Kultur weniger wert wären oder wenig wichtig sind, nur weil weniger Geld dorthin fliesst.

Und das zahlt sich aus?
Was heisst hier auszahlen? Die Zürcherinnen und Zürcher haben in verschiedenen Abstimmungen immer wieder gezeigt, dass sie auch grosse Institutionen mit Ausstrahlung wollen. Qualitativ zahlt sich das sicher aus: das Tonhalle- Orchester und das Schauspielhaus gehören zu den besten in Europa. Zürich war in den letzten 20 Jahren noch zu wenig stolz auf das hochstehende kulturelle Angebot. Wir wollen zeigen, dass Zürich mehr ist als eine Banken- und Versicherungsstadt. Und natürlich ist ein attraktives Kulturangebot auch wichtig für die Lebensqualität der Menschen hier in Zürich.

Digitale Kunst und digitale Kunstvermittlung sind stark am Kommen. Mir scheint, die Kulturpolitik verschläft da eine wichtige Entwicklung.
Wie meinen Sie das genau? Musik, Literatur und bildende Kunst werden heute zum Teil anders produziert, anders rezipiert und anders verbreitet als vor der Digitalisierung. Das ist eine Tatsache und eine grosse Herausforderung. In erster Linie müssen sich die Verlage, Galerien und Museen neu ausrichten und an die Digitalisierung anpassen.

Und die Kulturpolitik?
Selbstverständlich können bei uns Projekte, die mit digitalen Medien arbeiten, eingereicht werden. Das ist schon lange so. Am Schluss entscheidet auch dort einfach die Qualität – es sind vor allem die Institutionen, die offen sein müssen. Was ich hingegen verlange, ist, dass die Kommissionen, die die Gesuche beurteilen, ein Verständnis haben für digitale Künste.

Auch das ist digitale Kunst...

Titelgif: Giphy

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