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Wenn du Drogen nimmst, misst das dieser Forscher im Abwasser

Jedes Jahr publiziert die europäische Drogenbehörde ein Ranking: Welche Stadt kokst am meisten? Wo ist Crystal Meth im Vormarsch? An welchem Tag werden die meisten Pillen gespickt?
01. Januar 2017
Chefredaktor

Alle diese Erkenntnisse können aus dem Abwasser gelesen werden. Tsüri hat mit Christoph Ort von der Eawag, dem Mann, bei dem alle Daten zusammenlaufen, gesprochen.

Eine neue Studie zeigt: Nach London und Antwerpen ist Zürich auf Platz drei der untersuchten Städte, was Kokain anbelangt. Haben Sie und die Eawag mitgearbeitet?
Ja, bei mir liefen die Daten der über 50 Städte zusammen, selber habe ich aber kein Abwasser untersucht.

Wie wird gemessen, dass Zürcher*innen so viel koksen?
Aus dem Kanal bei der Kläranlage wird eine Abwasserprobe entnommen. Diese wird mit einem hochsensiblen Gerät analysiert, wo wir dann die Substanzen herauslesen können – zum Beispiel Kokain. Aus der Konzentration im Abwasser und mit dem Durchfluss im Kanal können wir berechnen, wie viele Kilogramm Kokain im Wasser waren. Diesen Wert teilen wir dann durch die Anzahl Menschen, die im Einzugsgebiet leben.

Ist das genau?
Die berechneten Werte sind sehr objektiv. Was wir nicht wissen ist, ob eine einzelne Person die ganze Menge der Substanz genommen hat, ob es jeden Tag die gleichen Konsumenten sind oder zum Beispiel Touristen oder Pendler. Kurz: Wir können nur den Gesamtkonsum berechnen. Wir wissen aber zuverlässig, dass das Kokain nicht einfach weggespült sondern effektiv konsumiert wurde, denn wir analysieren die Substanz Benzoylecgonin. Benzoylecgonin ist ein Stoffwechselprodukt das nach dem Konsum von Kokain ausgeschieden wird.

Die erwähnte Studie wurde in einer beliebigen Woche durchgeführt.
Ja, und es ist erstaunlich, wie konsistent die Werte trotzdem sind. Aber natürlich können wir nur über diese Woche Aussagen treffen und würden gerne häufiger und länger testen. Doch gerade bei so vielen Partnerstädten ist das zu teuer und zu aufwendig.

Können Sie auch einzelne Quartiere oder sogar einzelne Häuserblocks untersuchen?
Ja, theoretisch schon. Aber der Aufwand ist immens, weil dann die Proben direkt da gesammelt werden müssen. In der Kläranlage ist das einfacher, da läuft alles zusammen und die Infrastruktur für Probenahme ist vorhanden. Unser Ziel sind objektive und zuverlässige Zahlen. Diese werden genauer und stabiler, je grösser das Einzugsgebiet ist.

Mit Soziologen und Präventionsstellen wäre es interessant, auf Quartier- oder Stadtkreisebene Untersuchungen durchzuführen.
Das ist in erster Linie eine ethische Frage, ob man das so genau untersuchen will. Wenn es eine legitimierte Fragestellung gäbe, würden wir Drogenfachstellen und Behörden unterstützen. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis solcher Untersuchungen spricht aber wohl noch lange dagegen.

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(Bild: eawag)

Für die Jugendberatung Streetwork von der Stadt Zürich sind Untersuchungen auf Quartierebene nicht zielführend, wie Betriebsleiter Christian Kobel gegenüber Tsüri erklärt: «Für die Prävention wäre das nicht ausschlaggebend, da es sich bei unserer Zielgruppe um Freizeit- und/oder Partydrogenkonsumenten handelt, und wir wissen, wo sie konsumieren. Es wäre auch mit grossem Aufwand verbunden, Prävention auf einzelne Quartiere zuzuschneiden. Die Ausrichtung nach Zielgruppe/Konsumform etc. erscheint uns zielführender.»

Im Vergleich zum Vorjahr stiegen zudem die Werte für Crystal Meth in Zürich. Kommt die Droge nun in die Deutschschweiz?
Das kann ich nicht beantworten. Ich habe keine Erwartungshaltung an den Drogenkonsum und kenne weder die Probleme noch die Szenen in den Städten.

Das sagt Streetwork zu diesem Thema: «Crystal Meth existiert in gewissen Szenen (Rotlicht, SM Sexpartys) schon seit vermutlich zwei Jahrzehnten. So ist die Substanz als Thaipille sicher schon seit den 90er Jahren bekannt. Ob es zu einem Trend kommt, ist schwierig voraus zu sehen, aufgrund des Wirkspektrums scheint dies im Partybereich aber eher unwahrscheinlich. Methamphetamin wirkt sehr lange und erzeugt eine sehr starke Unruhe, dies ist für die Konsumenten häufig zum einen unangenehm und zum anderen schwierig zu kontrollieren. Die Befragungen der DIZ-Besucherinnen und -besucher, aber z.B. auch der Global Drug Survey zeigen keine Zunahme des Konsums von Methamphetamin. Diese Befragten verfügen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung bei anderen Substanzen aber über grosse Konsumhäufigkeiten. Es ist denkbar, dass wir mit unseren Drug Checking Angeboten Methamphetamin-User nicht erreichen, da die Konsumenten bei Methamphetamin eher von einer reinen Substanz ausgehen und nicht mit Streckmitteln oder ähnlichem rechnen. Letztlich gilt aber auch für uns, dass wir in unseren Angeboten wachsam bleiben müssen.»

Inwiefern sind dann Ihre Untersuchungen nützlich?
Bisher haben wir nur Substanzen und Mengen gefunden, die den Fachpersonen bereits bekannt waren. In diesem Jahr ist es anders: In Finnland war unbekannt, dass Crystal Meth explosionsartig im Vormarsch ist. Erst unsere Studie hat das dank unserem Finnischen Partner publik gemacht.

Was sagen diese Ergebnisse aus?
Natürlich müssen diese Werte immer noch interpretiert werden. An der tschechischen Grenze beispielsweise sind die Crystal Meth Konzentrationen auch sehr hoch, allerdings liegen da auch grosse Produktionsstätten. Das gleiche gilt für Regionen in Holland und der Herstellung von Speed. Diese hohen Rückstände im Abwasser können nicht alleine mit dem Konsum erklärt werden. In Finnland hingegen wird nicht produziert, das heisst, die Leute nehmen mehr Crystal Meth und die Behörden können darauf reagieren.

Was geschieht mit diesen Daten in der Schweiz? Wer nutzt diese?
Leider werden die Ergebnisse unserer Untersuchung noch nicht offiziell genutzt. Es wäre aufschlussreich das Monitoring noch auszubauen, vor allem zeitlich besser verteilt über das Jahr anstatt nur eine Woche oder mit noch mehr Städten. Dafür braucht es aber mehr Geld und Unterstützung. Mein Beruf ist es, möglichst genaue Zahlen zu liefern. Wer was damit macht, ist nicht meine Sache.

Streetwork nutzt die Ergebnisse dazu, die eigenen Wahrnehmungen und Erfahrungen zu hinterfragen und die Informationen auf spezielle Zielgruppen abzustimmen.

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