Wenn der Tod zur Kunst wird

Die urbanen, hippen Zürcher*innen wollen individuell sein. Dank dem Urnendesigner Thomas Schär können sie das sogar über den Tod hinaus.
17. Juli 2018

In Zürich wird das Thema Sterben gerne verdrängt, und wenn es dann passiert, aus dem Blickfeld geschafft. Die Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit fällt den meisten schwer. Sie zu vermeiden, ist umso einfacher in einer Stadt, wo fast keine jungen Menschen sterben und man einen Todesfall so diskret behandelt wie einen Fauxpas, über den taktvoll geschwiegen wird. Der Urnenladen Urne.ch an der Zentralstrasse dagegen spricht laut über den Tod. Mit hellen Farben ruft er den Zürchern entgegen: «He! Wir werden alle irgendwann tot sein! Heute brauchst du vielleicht einen Badezimmerteppich, morgen ist es eine Urne. Denk mal drüber nach.»

«Kannst du dir vorstellen, dass du irgendwann in so einem Ding endest?», hatte Thomas Schär (52) vor zwanzig Jahren einen Freund gefragt, als sie an einem Bestattungsinstitut vorbeispazierten. Das kann doch nicht sein, sagte sich Schär und begann zu recherchieren. Die Urnenauswahl in der Schweiz beschränkte sich auf lieblose Behälter, die bestenfalls an schlichte Amphoren erinnerten. Man konnte wählen zwischen Ton, Keramik und Kupfer, aber viel grösser wurde die Auswahl nicht.

Urnen wie kleine Häuschen

Heute ist das anders. An der Zentralstrasse im Kreis 3 in Zürich betreibt Schär seit fast zwanzig Jahren sein Atelier, in dem er mittlerweile über hundert verschiedene Urnenmodelle entworfen hat. In dem hellen Raum mit den riesigen Fenstern reihen sich Kunstwerke in den Regalen aneinander. In den Allerwenigsten würde man auf den ersten Blick eine Urne sehen.. Die meisten erinnern vielmehr an etwas gross geratene Schmuckstücke; in lebensfrohen Farben, mit delikaten Zeichnungen darauf, in Herz-, Stern- oder Planetenform. Aus Edelstahl, Birnbaumholz und sogar Stein formt Schär Behälter, die alles andere als trist und langweilig sind. Sie sind alle irgendwie «wie chlini Hüsli», sagt er mit einem Schmunzeln.

Thomas Schär am Erarbeiten eines neuen Designs.

Jede seiner Urnen hat ihre eigene Geschichte und einen individuellen Namen. So gibt es beispielsweise ein Urnendesign namens «Jembele»mit schwarzweissen Ornamenten, die eine Spirale zeigen – das Symbol für Wiedergeburt. Oder die «Sfera Rossa», die mit ihrer roten Farbe für Mut und Kraft steht. Die Geschichte zu «Strawberry» hat Schär aus dem Mittelalter abgeleitet, wo die kleine rote Frucht unter anderem das Symbol für Weltlust war. Wie er seine Urnen empfiehlt? «Eigentlich gar nicht», sagt Schär, «ich verkaufe ja nicht Turnschuhe oder Autos. Die meisten Menschen finden die richtige Urne selbst.»

Mit Urnen für die Lebensfreude

In dem Augenblick, wo die trauernden Angehörigen dann einen gelben oder grünen «Ball of Love» in Händen halten, sieht Schär oft Freude und auch Erleichterung in ihren Blicken. Eine Urne ist nicht nur die letzte Bleibe für einen Verstorbenen, sondern auch ein Gegenstand des Trostes für die Hinterbliebenen. Insbesondere für Menschen, die ihren Angehörigen auch nach dem Ableben noch bei sich zu Hause haben möchten. Ob ihn die tägliche Auseinandersetzung mit dem Tod nicht bedrückt? «Nein», antwortet Schär. «Vielleicht kommt das von meinem Aufwachsen in Afrika, in Kamerun. Dort stirbt man plötzlicher und öffentlicher.»

Der Urnenshop kommt alles andere als trist und traurig daher.

Bei Schärs frechen Designs geht es nicht nur um Ästhetik, er bietet auch einen neuen Blick auf das Thema Tod und Bestattung. Die Urne Sfera Bianca «Aqua» beispielsweise saugt sich langsam voll mit Wasser. So könnte man den Grossvater ganz friedlich im Klöntalersee untergehen oder auf dem Rhein davonschwimmen lassen. Andere Urnen sind so schön, dass man sich auch vorstellen kann, sie in den Garten oder ins Wohnzimmer zu stellen. Schär rät, die eigene Urne zu Lebzeiten zu kaufen. Hier könnte man sich jetzt das «ewige Hüsli» auswählen, ein Testament hineinlegen, es verschliessen und im eigenen Zimmer aufstellen. Sozusagen als Erinnerung an die eigene Sterblichkeit, aber im guten Sinne. Denn wenn es eines gibt, das alle von Schärs Urnen vereint, so ist es Mut und Lebensfreude.

Den Tod neu erfinden

Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen ist sich Schär sehr wohl bewusst, dass er sterben muss «Vielleicht versuche ich mehr zu geniessen, den Moment zu leben», sagt er. «Und ich versuche, so wenig Zeit wie möglich mit Administrationsaufgaben zu verschwenden. Zum Beispiel die Steuerklärung oder Versicherungspolicen».

Eines steht fest: Im Kreis 3 hat sich ein eigenwilliger Revolutionär niedergelassen, der uns nicht nur dazu anregt, über den Tod nachzudenken, sondern das Abschiednehmen auch neu zu erfinden. Betrachtet man die riesige Auswahl an ausgeklügelten Designs, bekommt man tatsächlich den Eindruck, dass der Tod vielleicht auch etwas Schönes sein könnte. Und sei es nur, weil die Angehörigen die Wahl haben zwischen aufgemalten Erdbeeren, Glitzerkugeln und japanischen Holzwürfeln.

Alle Bilder: Urne.ch

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