Pitch-Night 💊

Professionelle Influencer hätten Tageslicht gewählt. Fotos: Annika Müller.

Ein Ausflug in den Kreis 2: Weltreise und Wellness

Von Bier-Geheimrezepten bis zu Wellness-Odyssees: Der Ausflug als Touristin im Kreis 2 führt ins beste Hotel Zürichs und auf eine unterirdische Weltreise.
17. August 2020
Praktikantin Civic Media

Für diese Serie haben wir alle 12 Stadtkreise besucht, in den Hotels dieser Stadt übernachtet und erkundet, was die Kreise aus den Augen eines Touris so alles zu bieten haben.


Hitze schlägt mir entgegen als ich und meine Reisebegleitung aus dem Flugzeug, äh Tram, aussteigen. In meiner Feriendestination namens Kreis 2 brennt die Sonne vom Himmel wie in der Sahara. Der Kreis am linken Ufer des Zürichsees beinhaltet die Quartiere Enge, Wollishofen und Leimbach und ist einer der sieben Stadtkreise mit Seeanstoss. Als Winterthurerin verkehrte ich in diesem Kreis selten, vielleicht kann man mich deshalb sogar als eine waschechte Touristin bezeichnen.

Die Nacht verbringe ich im «B2 Boutique Hotel + Spa Zurich». Das Hotel befindet sich in den Industriegebäuden der ehemaligen Hürlimann-Brauerei und belegt auf Tripadvisor den ersten Podestplatz in Zürich. Entsprechend müsste man hier ein ziemlich grosses Portemonnaie mitnehmen. Ein kleiner Dorn im Auge ist das billig stinkende Desinfektionsmittel im Eingang des Hotels. Spass beiseite, ich bin etwas nervös als wir das Hotel betreten. Meine Besorgnis underdressed zu sein, legt sich jedoch, als ich die anderen Gäste erblicke: Sie sehen normal aus. Die meisten stammen laut einer Hotelangestellten aus der Schweiz selbst oder aus Holland. Wegen Corona würden die Businessgäste wegfallen, ansonsten habe das Hotel bisher Glück gehabt und dürfe immer noch zahlreich Gäste empfangen.

Die Industriegebäude der Brauerei dienen nun als Hotel und Thermalbad.

Bizeps pumpen im Pumpenraum

Bei der Rezeption werden wir herzlich empfangen und erhalten gleich eine persönliche Hotelführung. Der «Industriecharme» wurde geschickt ins Hotel eingebaut und Maschinen bewusst stehen gelassen. Beispielsweise kann man im ehemaligen Pumpenraum immer noch pumpen: Zwischen alten Maschinen befinden sich nun Fitnessgeräte.

Herzstück des Hotels und beliebtes Influencer-Sujet ist die riesige Bibliothek des Hotels, welche auch als Frühstückssalon dient. Kronleuchter aus alten Flaschenhaltern und grünen Bierflaschen zieren den Raum. Ganze 33'000 Bücher aus dem Antiquariat befinden sich in den Regalen. Einmal pro Jahr kommt in der Nacht ein professionelles Kletterteam und staubt diese alle ab. Schwer beeindruckt von der Bibliothek bewerte ich die Instagramability des Hotels mit stolzen 5 von 5 Sternen. Die Zimmer sind, wie auf der Webseite beteuert wird, Corona-keimfrei, sehr hell und einladend. Nur der Sessel im gemütlichen Raum hat eine groteske und etwas elitäre Hintergrundstory: In jedem Zimmer befindet sich ein Sessel, der einst einem*r CEO gehörte und extra nach Zürich zum Hotel geschickt wurde.

Ganze 33'000 Bücher befinden sich an den Wänden.

Kulturelle Weltreise

Die angenehm kühlen Zimmer laden zum Verweilen ein. Aber weil Touris trotz Hitze etwas erleben wollen und sollen, machen wir uns auf Weg zu DER Touristendestination im Kreis 2 – dem Museum Rietberg. Das einzige schweizerische Kunstmuseum für aussereuropäische Kulturen liegt auf einer Anhöhe im ruhigen Rieterpark. Lauschige Wege führen zum Museum, der Stadtlärm verstummt und hochgewachsene Bäume bieten Schatten auf den weitläufigen Wiesen. Vereinzelt sieht man Menschen sich sonnen oder lesen. Ungefähr ein Siebtel der Fläche, die Park- und Sportanlagen sowie Friedhöfe in der Stadt Zürich bedecken, liegt im Kreis 2. Dieser Park wirkt auf mich wie ein Geheimtipp, zudem hat man eine ausgezeichnete Aussicht auf den Zürichsee. Einzig eine Seilbahn nach ganz oben fehlt, darum bewerte ich die Erschlossenheit mit dem ÖV im gesamten Kreis mit «lediglich» 4 von 5 Sternen.

Unter Museen stelle ich mir zuerst verstaubte alte Gebäude mit kirchenähnlichem Geruch vor. Doch das Museum Rietberg entspricht dem nicht: Durch einen türkis schimmernden Glas-Pavillon betreten wir einen grosszügigen Eingangsbereich. Es wirkt modern, sauber und riecht nach Beton. Eine hölzerne Treppe führt hinab in die grösstenteils unterirdisch gelegenen Ausstellungsräume. Der Rundgang kommt einer kulturellen Weltreise gleich, gedimmtes Licht scheint auf hölzerne Masken, aufwendig verzierte Vasen und goldene Statuen. Die verwinkelten Gänge sind menschenleer, ab und zu blinzeln ältere Senior*innen zwischen Buddhas hervor.

Durch das fehlende Tageslicht ist es einfacher, in die Museumswelt einzutauchen – und wieder herausgerissen zu werden, wenn Museumswächter*innen plötzlich hinter der Ecke hervorschiessen. Die aufmerksamen Blicke haben zur Folge, dass ich mich automatisch verkrampfe und versuche «unauffällig» zu wirken und nicht so, als hätte ich gerade vorgehabt, das Museum auszurauben. Wir verlassen das Museum mit vielen Eindrücken und ohne gestohlenes Museumsgut – Credits an die Museumswächter*innen: Dank ihnen und den sowieso ruhigen Wohnquartieren bewerte ich die Kriminalität im Kreis niedrig mit 1 von 5 Sternen.

Ab ins Wellness-Paradies

Nach dem Museumsbesuch geht es ins Thermalbad & Spa Zürich, denn das befindet sich im gleichen Gebäude wie unser Hotel. Hotelgäste haben einen eigenen Eingang dorthin: Noch im Hotelzimmer hüllen wir uns in strahlend weisse Bademäntel und viel zu grosse bzw. kleine Badeschlappen und watscheln los. Vorbei an einem Sex-Verbotsschild erreicht man den Infinity-Pool mit Sicht über Zürich. Die Ursache hinter dem Schild wird schnell klar: Zahlreiche Pärchen scheinen auf Wolke Sieben zu schweben, die restlichen Badegäste in einem dementsprechenden Cringe. Da wir nicht sehr kitsch-affin sind, überkommt uns ein Gefühl der Überforderung. Dieses verfliegt jedoch schnell: Denn der Sprudel und die Aussicht über ganz Zürich sind wirklich toll.

Weiter geht’s in die Kellergewölbe des Thermalbads auf einen römisch-irischen Rundgang. Als absolute Spa-Laien ist das eine ziemlich witzige Sache: Kreuz und quer und völlig halbbatzig absolvieren wir ihn. Vom Kräuterdampfbad geht es statt nach empfohlenen 15 Minuten schon nach zwei Minuten weiter, als meine Kontaktlinsen vor Luftfeuchtigkeit anfangen Längen zu schwimmen. Es folgen Peelings, Bäder und doch einige weitere Besuchende, die den Rundgang ernsthaft durchziehen. Danach sind wir tiefengereinigt, absolut entspannt und entschlackt. Zur Krönung dieses ultragesunden Zustandes gibt es im Loungebereich des Wellnesstempels ein überteuertes, aber äusserst leckeres Stück Schokoladenkuchen.

Sterben für Bier

Der Abend wird kulinarisch abgerundet: Im familiären «Casa Nostrana» verspeisen wir ausgezeichnete «papardelle alla siciliana» und Birra Moretti. Ansonsten tummeln sich nicht viele Restaurants im Kreis 2, die kulinarische Auswahl bewerte ich mit somit mit 2 von 5 Sternen. Der Verdauungsspaziergang führt zur Roten Fabrik, in der an diesem Abend tatsächlich nichts läuft. Dafür herrscht gemütliche Stimmung in der Seebeiz. Da am Wochenende hier mehr los ist, bewerte ich die Lebendigkeit des Kreises mit 3 von 5. Auf dem 284 Meter langen Cassiopeiasteg hat man eine schöne Sicht auf das nächtliche Zürich, die Lichter spiegeln sich im schwarzem Wasser. Der Name verdankt der Steg dem Sternbild Cassiopeia: Die Ecken des Stegs bilden dieselbe Form.

Gemütliche Stimmung in der Roten.

Das Bettmümpfeli ist ein Hürlimann-Bier: Das Geheimrezept wurde streng bewacht und schliesslich an Feldschlösschen weiterverkauft. Im Hotel befindet sich noch eine eiserne Kapsel: Im Falle eines Krieges hätte sich ein*e Mitarbeiter*in mit dem Geheimrezept reinsetzen müssen. Das Bier ist ganz okay, aber mein Leben würde ich dafür nicht riskieren. Am nächsten Morgen geht es nach ausgezeichnetem Frühstück – und der Erkenntnis, dass man für alle Bücher in der Bibliothek 90 Jahre bräuchte, angenommen man liest eines pro Tag – wieder zurück ins Tram Richtung Tsüri-Büro.

Nachtspaziergang auf dem Steg und tanzende Lichter auf dem Zürichsee.

Fazit

Der Kreis 2 gehört vorwiegend in die Kategorie «Wohnquartier»: 65% Prozent des Kreises ist Wohnfläche und mit 95 Quadratmetern durchschnittlicher Wohnungsgrösse belegt der Kreis den zweiten Platz, nur im Kreis 7 liegt der Durchschnitt höher. Dank seinem Seezugang bietet er optimale Voraussetzungen für einen schönen Ausflug. Mit den vielen älteren Villen, industriellen Bauten und weitläufigen Parks ist er geeignet für längere Spaziergänge und entspannende Aufenthalte.

Bewertungsraster des Kreises (1 bis 5 Sterne)

Instagramability des Hotels *****

Kriminalität des Kreises *

Erschlossenheit mit dem ÖV ****

Grösse des Portemonnaies ****

Kulinarische Auswahl **

«Lebendigkeit» des Kreises ***


Transparenz: Die Übernachtung im Hotel wurde uns Anfrage offeriert.

Kommentare

Nöd Jetzt!