So war mein erstes Training in der Wasserballmannschaft

Der Wasserballclub «Stadtmannschaft Zürich» hat mich zu sich ins Training eingeladen. Was ich erlebt habe, waren Spiel und Spass, reizende Gespräche und einen grausamen Muskelkater.
22. Juni 2017

Es ist einer dieser schwülen Sommerabende, an denen die Luft in Erwartung auf das kommende Gewitter dick und schwer über der Stadt vibriert. Leicht schwitzend warte ich zusammen mit meinem Kumpel Philipp und seinem Teamkollegen Yves auf den Bus am Bahnhof Oerlikon. Um uns herum schwirren zahllose Metalheads in schwarzen Greenfield T-Shirts mit Bierdosen in den Händen. Sie sind auf dem Weg ins Hallenstadion, wo sich heute ‘System of a Down’ die Ehre gibt. Auch wir schlagen diese Richtung ein, steigen aber eine Station später beim Hallenbad Oerlikon aus. «Eigentlich trainieren wir in unserem Heimbad Letzi. Sie konnten es aber nicht rechtzeitig für den Start der Sommersaison fertig herrichten», erklärt mir Philipp und rollt dabei etwas genervt die Augen. Wie mich, verschlägt es auch ihn sonst eher selten in diese Gegend der Stadt.

Vor dem Eingang des Bads, einem zeitlosen grauen Betonblock, warten schon die anderen Teammitglieder von Philipp und Yves. Es sind nur Männer zu sehen, obwohl heute das gemischte Training stattfindet. Etwas scheu schütteln sie mir die Hand, dabei bin doch ich es, die nervös ist. In Punkto Sport bin ich nämlich eine ziemliche Niete. Gemeinsam warten wir in dieser schwülen Hitze auf den Trainer Heinz Weber und unterhalten uns ein bisschen. Ich merke schnell, dass Heinz anscheinend sowas wie eine Koryphäe des Vereins ist: «Heinz weiss einfach alles. Du kannst ihn heute mit deinen Fragen löchern», meint Philipp.

Heinz ist ein grosser, kräftiger Mann mit schneeweissem Haar und nicht minder weissem Vollbart. Er begrüsst mich mit einem festen Händedruck, als er ein paar Minuten später zur Gruppe stösst. «Ich habe dem Team schon gesagt, dass heute die Presse zu Besuch kommt», meint er lachend. «Darum sind wohl heute so viele ins Training gekommen, nicht wahr?» Er wendet sich an die vor Verlegenheit kichernden Jungs. Zusammen betreten wir dann das Hallenbad. Schon als Kind liebte ich diesen Chlorgeruch, der mir sofort in die Nase steigt. Die Jungs und der Trainer verziehen sich in ihre Umkleidekabinen und auch ich gehe mich umziehen. Als wir uns wieder beim grossen Becken treffen, ist das Hallenbad ins goldene Licht der Abendsonne getaucht. Im glitzernden Wasser pflügen sich gerade ein paar ältere Semester gemächlich durch die Bahnen und nebenan beobachte ich Kinder, die auf einem Trampolin die perfekte Sprungtechnik fürs Turmspringen üben.

Heinz und die Anderen stehen schon am Beckenrand und machen Dehnübungen. Jetzt entdecke ich auch zwei Frauen, auf welche ich gleich zusteuere. Florence und Erika, beide Mitte Zwanzig, kommen aus den USA und sind wegen Job und Studium in die Schweiz gekommen. In ihrer Heimat spielten sie beide Wasserball und wollten in Zürich nicht darauf verzichten: «Wasserball ist das perfekte Training», erzählt mir Erika begeistert, während sie sich ihre grüne Badekappe aufsetzt. «Es vereint ganzheitliches Körpertraining mit Kopfarbeit. Denn das Spiel ist echt strategisch.» Florence stimmt ihr zu: «Beim Wasserball trainierst du alle Muskeln und du musst deinen Kopf anstrengen. Ausserdem liebe ich, dass Wasserball ein intensiver Teamsport ist.» Ob sie sich in diesem von Männern dominierten Sport nicht etwas ausgeschlossen fühlten, frage ich sie, worauf Erika antwortet: «Wasserball hat leider diesen Ruf vom typischen Männersport. Wenn ich Freundinnen dazu bringen möchte, mit ins Training zu kommen, lehnen sie meistens aus Angst, dass es zu hart sein könnte, ab. Wenn aber mal eine mitkommt, dann ist sie am Ende immer Feuer und Flamme für den Sport.»

Tatsächlich entstand Wasserball Ende des neunzehnten Jahrhunderts in England als Pendant zu den traditionellen «Männersportarten» Fussball und Rugby. Frauen erhielten erst 1979 ein eigenes internationales Wasserballkommitee der FINA (Fédération Internationale de Natation). Der Wasserballclub um die Zürcher Stadtmannschaft wurde 1972 gegründet und im Gegensatz zu anderen Teams in der Schweiz war das Zürcher Frauenteam über die Jahre erfolgreicher als das der Männer. Acht Schweizermeistertitel holten sie insgesamt, sechs davon in Folge, während es bei den Männern einmal für den Vizemeistertitel gereicht hat. Mit Stolz blickt der Stadtzürcher Wasserballclub auf seine Geschichte zurück. Heute kann er aber erstaunlicherweise nur noch ein kleines Frauenteam bilden.

Darüber möchte ich mit Heinz reden, der dem Team gerade Anweisungen zum Aufwärmen gibt. «Ich muss sie jetzt etwas antreiben. Danach habe ich Zeit für dich, denn nach dem Aufwärmen können ein paar Übungen selbstständig gemacht werden», meint Heinz und ich setze mich auf die Tribüne am Beckenrand. Heinz lässt das Team in Vierergruppen hintereinander einreihen. Bei jedem scharfen Pfiff aus seiner Trillerpfeife setzt die Gruppe in der vordersten Reihe zum Sprint-Kraul an. Das Wasser spritzt nach allen Seiten, stets begleitet von Heinz ́ korrigierenden Zurufen. Nach circa zehn Minuten ist das Sprinten beendet. Heinz setzt sich mit einem breiten Lächeln neben mich auf die Tribüne, während das Team weiter einschwimmt.

«In meinen ersten Jahren als Trainer habe ich die Damenmannschaft aufgebaut», erinnert sich Heinz. «Nach dem letzten Meistertitel fiel die Mannschaft dann auseinander. Vier haben aufgehört, zwei wurden schwanger und zwei gingen ins Ausland.» Die Damenmannschaft sei immer sein ‘Baby’ gewesen, meint Heinz stolz. Es habe dann einfach keinen Nachwuchs mehr gegeben. «Ich war eine Zeit lang im Gesamtschweizerischen Verband als Trainer tätig. Vor drei Jahren kehrte ich aber wieder zu meinem Heim-Club Zürich zurück und versuchte erneut, eine starke Frauenmannschaft aufzubauen.» Der Nachwuchs sei aber nach wie vor das Problem. Ohne bestehende Mannschaft kämen keine neuen Frauen ins Team. Er habe zwar jeden Monat Anfragen von Frauen, die gerne spielen würden, aber es sind noch lange nicht so viele wie für das Team der Männer.

Wie denn der perfekte Wasserballer oder die perfekte Wasserballerin aussehen würde, frage ich ihn, worauf er entgegnet, dass Grösse und eine athletische Statur sicher von Vorteil wären. «Wie im Fussball, gibt es aber auch im Wasserball vereinzelt kleine, wirbelige Spieler, die das Becken dominieren.» Das Wichtigste sei aber eine gewisse Intelligenz. «Du musst das Spiel lesen können. Die Fähigkeit, zu antizipieren, was als Nächstes passiert, weil man im Wasser nicht so schnell agieren kann wie zum Beispiel auf dem Eis. Fehlentscheidungen können dich viel Energie kosten.»

Während wir in unser Gespräch vertieft sind, hat sich einer der jüngeren Buben vom Team verletzt. Klitschnass steht er vor uns und hält Heinz seinen geschrammten Arm hin. «Das musst du Zuhause mit Alkohol abtupfen. Gell, dann wird das schnell wieder gut», redet ihm Heinz tröstend zu. Ob Wasserball denn ein gefährlicher Sport sei, will ich wissen. «Also das Schlimmste, von dem ich weiss, war vor ungefähr zwanzig Jahren, als ein Österreichischer Spieler verblutet ist. Ein anderer Spieler hängte sich aus Versehen in dessen Halskette ein und das hat ihm die Halsschlagader verrissen. Seither ist das Tragen von Schmuck strengstens verboten.» Mir läuft es bei der Vorstellung kalt den Rücken hinunter, doch Heinz beruhigt mich. Wasserball sei statistisch der Sport mit den wenigsten Verletzungen. «Du bist zwar in engem Kontakt mit dem Gegner, aber die Gelenke werden durch das Wasser geschont. Es kann mal sein, dass an deiner Badehose gezerrt wird oder du einen Ellenbogen zwischen die Rippen bekommst. Die Regeln im Wasserball sind jedoch äusserst streng. Bei Schlägen ins Gesicht werden Spieler*innen sofort gesperrt. Dementsprechend hält man sich im Spiel auch zurück.» Ich frage ihn nach seinem wildesten Erlebnis, worauf er mir lachend erzählt, wie ein Spieler einem seiner Teamkollegen fast den Finger abgebissen habe. «Das war wirklich das Verrückteste, was ich je erlebt habe. Der musste dann ins Krankenhaus zum Nähen. Solche Storys erzählst du noch nach dreissig Jahren.»

Durch einen neuen Facebook-Auftritt versucht der Zürcher Wasserballclub gerade, neue Mitglieder*innen zu gewinnen. Ohne Nachwuchs hat der Club nämlich kaum eine Chance, ihren Platz in den oberen Ligen zu verteidigen. Heinz erklärt mir dazu die Ziele für diese Saison: «Die Sommersaison hat jetzt angefangen. Wir möchten unbedingt in der Nati B bleiben. Wenn die Jungen jetzt nachrutschen, sollten sie eine starke Mannschaft vorfinden.» Momentan seien sie auf dem zweitletzten Rang, nachdem sie am Ende der Wintersaison Schaffhausen geschlagen haben. Die Vision des Wasserballclubs Zürich bis 2020 ist es, wieder in die Nati A zu kommen. «Das ist schwierig. Der Club von Horgen dominiert seit Jahren das Spiel.» Ich weiss ganz genau, wovon Heinz da redet. Denn bevor ich nach Zürich zog, wohnte ich drei Jahre lang gleich neben der Badi in Horgen, wo der Schwimmclub trainiert. Sogar als «Zuzügerin», die sich praktisch nie im Dorf bewegte, erlebte ich diesen Hype um das berüchtigte Horgener Wasserballteam hautnah mit.

Für einen funktionierenden Verein braucht es natürlich auch Geld. Heinz erklärt mir, dass der Zürcher Wasserballklub von Jugend & Sport, der Stadt Zürich und vom Kantonalen Sportverband unterstützt wird. Das seien finanzielle Zuschüsse wie auch Materialspenden. «Es ist natürlich nicht viel und wir können uns zum Beispiel keine*n Marketingmanager*in leisten, der / die mehr Sponsor*innen akquirieren könnte. Wir haben aber top ausgebildete Trainer*innen. Unser Präsident, Werner Stoll, ist wie ich zertifizierter Swiss Olympic Trainer. Das ist die höchste Trainerausbildung, die du machen kannst. Dadurch können wir eine ausgezeichnete Qualität beim Coaching vorweisen.» Manchmal improvisiere er bei der Trainingsausrüstung ein bisschen. «Zum Beispiel habe ich diese weissen Ganzkörperanzüge von meiner Zeit bei der «Swiss» organisiert.» Er zeigt mit dem Finger auf eine rollbare Kleiderstange neben dem Becken, auf der feinsäuberlich riesige weisse Einteiler aufgehängt sind.

Plötzlich unterbricht Heinz unser Gespräch, denn die Mannschaft hat ihr Einschwimmen beendet und steht jetzt etwas ratlos am Beckenrand herum. «Hey, das ist keine Kafipause! Chömed, wiiter!», ruft Heinz energisch. «Luigi! Chlüb dem Marcel mal ein bisschen ins Füdli!» Amüsiert schaue ich zu, wie sich die Jungs sofort wieder ins Wasser stürzen. Heinz scheint nicht nur ein sehr fürsorglicher Trainer zu sein, sondern gleichzeitig grossen Respekt zu geniessen. «Das ist wieder typisch!», wendet er sich lachend an mich. «Egal ob ich die ganz Kleinen oder die Fünfundvierzigjährigen trainiere, kaum stehst du mal nicht neben ihnen, denken sie, du seist blind.»

Nun ist es Zeit für das Balltraining. Das Team versammelt sich am Beckenrand und schlüpft in die weissen Einteiler. Währenddessen habe ich nochmals die Chance, mit ein paar Teammitgliedern zu sprechen. Luigi, ein athletischer junger Mann, ist als Goalie schon viele Jahre dabei. Ich frage ihn, ob das Team nach den Trainings ab und zu auf ein Bier geht. «Klar, Bier geht immer und im Sommer grillieren wir im Letzi!» Als ich das Thema Dopingkontrolle anspreche, gesellen sich ein paar andere Teammitglieder zu uns. Grölend hauen sie sich gegenseitig auf die Schultern und reden wild durcheinander. «Also ich musste noch nie ins Becherli brünzeln!», ruft einer.

Erika und Florence machen sich ebenfalls fürs Balltraining bereit. Erika fragt mich, ob ich nicht auch noch ins Wasser komme. Begeistert stimme ich zu und folge dem Team zu einem anderen Becken, an dessen zwei Enden jeweils ein Tor aufgestellt ist. Heinz kommandiert erneut vom Beckenrand, während sich im Wasser Bälle zugespielt werden.

Etwas abseits im Wasser treibt Erika, die mich mit einer Handbewegung zu sich winkt. Nun muss ich mich doch noch von meinem Badetuch trennen, welches ich die ganze Zeit fest um mich gewickelt hatte. Mit meinem farbigen Strandbikini komme ich mir verglichen mit den anderen irgendwie ‘underdressed’ vor. Schnell lasse ich mich darum ins lauwarme Wasser gleiten und schwimme zu ihr rüber. «Ich werde dir jetzt zeigen, wie man mit dem Ball vorwärts kommt.» Sie klemmt den Ball, der die Grösse eines normalen Fussballs hat, zwischen ihre Arme und flitzt mit schnellen Kraulbewegungen davon. «Die Beine bewegen sich im Kraulstil, der Kopf ist aber über Wasser!», ruft sie mir zu. Ich probiere es und es klappt so halbwegs, aber der Ball schlägt die ganze Zeit gegen mein Gesicht. «Schau, beim Werfen schwimmst du zuerst ein paar Meter mit dem Ball. Dann greifst du ihn zuerst mit deiner «schlechten» Hand und führst ihn zur Wurfhand.» Sie zeigt es mir langsam vor und ich versuche, mir die Schritte zu merken. «Dann stösst du dich mit Tretbewegungen möglichst weit aus dem Wasser. Die linke Hand dient dabei der Balance, während du den Ball mit der Wurfhand schiesst.» Bei meinem ersten Versuch komme ich nicht mal mit der Brust über die Wasseroberfläche. Beim zweiten und dritten Mal schaffe ich einige mittelmässige Würfe.

Erika und ich spielen uns die Bälle ein paar Mal zu. Sie korrigiert mich zwischendurch und ich merke, wie ich von der ständigen Wassertreterei müde werde. Nach fünf Minuten teile ich ihr keuchend mit, dass es für mich reicht. Sie lacht nur etwas mitleidig, während ich mich mit hochrotem Kopf am Beckenrand hochziehe. Als ich mich abtrockne, fühle ich meine Oberschenkelmuskeln brennen. Irgendwie ein ganz befriedigendes Gefühl!

Es ist bereits halb Zehn. Das Team spielt gerade ein kleines Trainingsmatch unter der Anleitung von Heinz. Muskelbepackte Körper wirbeln im Wasser herum. Bälle knallen hart ins Tor. Es ist ein Stossen und Drängen wie bei einem Rugby-Spiel. Eine Weile schaue ich diesem dynamischen Treiben zu. Schliesslich teile ich Heinz erschöpft mit, dass ich langsam nach Hause gehe, worauf erstaunt ruft: «Was? Jetzt schon? Bist du wohl müde, was?» Ich nicke, während er mir seine riesige Hand zum Abschied reicht. «Ich hoffe du hast alles, was du brauchst. Kommst du dann am 24. Juni an unser Grillfest?» Diese reizende Einladung werde ich natürlich versuchen, anzunehmen.

Als ich mich zu den Umkleidekabinen begebe, werde ich noch vom Hauswart zusammengeschissen, weil ich fast über seine frisch geschrubbte Fläche gelaufen bin. Ich höre, wie sich das Team hinter mir über meine Tollpatschigkeit amüsiert und lache heimlich mit. Nie hätte ich gedacht, dass dieses Training so intensiv sein würde. Rasch umgezogen, verlasse ich das Hallenbad und gehe zur Bushaltestelle. In der Zwischenzeit hatte es wohl heftig geregnet, denn die Strasse glitzert nass im gelben Schein der Strassenlaternen, während dunkle Wolken über mir herziehen. Endlich im Bus, lehne ich meine Stirn an die kühle Scheibe und rekapituliere mein Wasserball-Erlebnis. Eine neue Sportart auszuprobieren, hat mir erlaubt, äusserst herzliche Menschen kennenzulernen und mal über den Tellerrand meines Wohnkreises hinaus zu blicken. Als der Bus am Hallenstadion vorbeifährt, erinnert nur noch ein Meer aus Pappbechern ans System Of A Down-Konzert. In diesem Moment bin ich echt froh, dass ich meine geschundenen Muskeln bald auf dem heimischen Sofa ausruhen kann.

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