💊Fokus Gesundheit 💊

Waschküche in der Siedlung Sackzelg, Albisrieden, 1943. Bild: BY SA 4.0 Baugeschichtliches Archiv.

Weshalb ich keine Waschmaschine in meiner Wohnung will

«Könnt ihr darüber schreiben, dass es immer weniger Waschküchen gibt – und dass das schade ist?», fragte ein Tsüri-Member. Tsüri-Redaktorin Rahel Bains über die Waschküche als Ort der Begegnung, Emanzipation und des Bünzlitums.
09. Juni 2020
Redaktorin

Waschküchen sind Teil der Schweizer DNA. Wir sind eine Nation von Mieter*innen. Meine Generation – oder vielleicht einfach nur meine Freund*innen und ich – können uns kein Haus leisten. Wir wohnen in der Stadt. Immer dicht aneinander. Auf den Strassen, am Fluss, im Café, im Bus, im Baumarkt und auch in unserer Nachbarschaft. Die Glücklichen von uns hausen in städtischen Siedlungen und Genossenschaftswohnungen, die weniger Glücklichen in überteuerten Privatobjekten, in denen sich manche lediglich ein Zimmer leisten können.

member ad

So oder so haben wir alle eines gemeinsam: Die Waschküche. Sie ist für manche ein Ort der Begegnung, des unfreiwilligen Miteinanders, des Streits und Bünzlitums. Ein Ort, an dem Menschen ihre Nachbarn bei der Verwaltung anschwärzen, weil sie ihre Wäsche nicht rechtzeitig abgehängt haben. An dem der längst vergessen geglaubte Briefwechsel eine Renaissance in Form von Drohbriefen erlebt, den Junkies in kalten Nächten als Schlafplatz nutzen, in den Katzen urinieren, in dem scheinbar coole Hipster plötzlich auf das Einhalten des Waschplans pochen. Ein Ort, der manche dazu verleitet, sich näher zu kommen. Der verstorbene Schriftsteller Hugo Loetscher schrieb in seinem Werk «Der Waschküchenschlüssel»:

Der Waschküchenschlüssel ist in diesem Lande nicht einfach ein Gebrauchsgegenstand, welcher jenen Raum öffnet, den man Waschküche nennt und wo die Maschinen stehen, welche den Vorgang erleichtern, der ‹waschen› heisst. O nein. Der Waschküchenschlüssel erschliesst hierzulande einen ganz anderen Bereich; er bietet Zugang zu Tieferem.
Schriftsteller Hugo Loetscher

Die Waschküche ist aber auch Ort der Emanzipation. Ohne maschinelle Unterstützung war das Reinigen der Wäsche eine zeitraubende und vor allem auch kräftezehrenden Arbeit, die ausschliesslich Frauen vorbehalten war. Die Erfindung der ersten Waschmaschinen Anfang des 20. Jahrhunderts stellte für die Frauen deshalb einen echten Akt der Befreiung dar.

Sie ist ein Ort, an dem man seit einigen Jahren auch immer mehr Männer antrifft. Nehmen wir zum Beispiel Dave. Er trägt sich auf dem Waschplan meiner Freundin Tina vier Tage nacheinander ein. Tina regt das auf. Das Gute daran ist jedoch, dass Dave überhaupt wäscht. Vor 50 Jahren hätte dies nämlich seine Frau oder Mutter für ihn erledigt.

Agressives «rein waschen»

Meine Freundin hat sich neulich eine Waschmaschine gekauft. Sie habe die Diskussionen satt, sagte sie. Ihre Nachbarin nehme ihre nasse Wäsche regelmässig aus der Maschine, um sie danach auf den staubbedeckten Boden zu knallen. Sie nennt das «agressives reinwaschen». Viel lieber wäre ihr respektvolles, «empathisches reinwaschen». Das gäbe es nämlich auch. Mit ihrer eigenen Waschmaschine ist meine Freundin nicht alleine. In Neubauten oder bei Umbauten im höheren Preissegment werden in den Wohnungen derzeit oft Anschlüsse für eine eigenen Waschturm vorbereitet oder nachgerüstet.

In städtischen Siedlungen wird die Waschküche aber nicht «aussterben». Laut Kuno Gurnter, Mediensprecher Liegenschaften Stadt Zürich, gäbe es in keiner Siedlung Waschtürme in den Wohnungen, und auch in den neuen wie zum Beispiel Kronenwiese, Hornbach, Herdern, Leutschenbach, Letzi etc. werde es sie nicht geben. Das habe ökonomische ebenso wie ökologische Gründe. «Zudem entspricht der Ausbau in städtischen Siedlungs-Wohnungen einem eher tiefen Standard, was, neben dem Prinzip der Kostenmiete, ja auch zu den günstigen Mietzinsen beiträgt», so Gurtner.

Gut so. Denn: Ich will keine Waschmaschine in meiner Wohnung.

Ich mag es, mit meiner Nachbarin zu plaudern, während sie in unserer Waschküche die Jeans ihrer Töchter bügelt.

Ich mag meine Nachbar*innen. Ich mag es, meine nassen Kleider draussen auf dem Kiesplatz über die weissen Drahtseile zu hängen, damit sie später nach Sonne riechen. Ich mag es, mit meiner Nachbarin zu plaudern, während sie die Jeans ihrer Töchter bügelt. Und ich kann mir nicht vorstellen, wo die gefühlt drei Tonnen Wäsche, die meine Familie und ich während einer Woche produzieren, in unserer Wohnung Platz zum trocknen haben sollen. Deshalb: Lang lebe die Waschküche!

Kommentare

Nöd Jetzt!