Mobilität im Fokus

Was wird bloss aus dem Industrie-Quartier?

Das musst du über den Kreis 5 wissen
04. April 2015
 

Gentrifizierung. Ein Unwort, das durch Zürich zieht, wie damals Jack the Ripper durch London. Doch diesmal sind nicht nur Prostituierte die Opfer; vielmehr sind es die einfachen Anwohner, die durch die Aufwertung verdrängt werden. Von den Medien bis hin zum Stammtisch wird betrauert, wie die Stadt sich verändert. Gegen den Wandel der Zeit kann eben nichts unternommen werden – oder doch? Kann man sich nicht wehren? Und wem gehört eigentlich Zürich? Diese Fragen stellten Heinz Nigg (Ethnologe und Kulturschaffender) und Antonella Martegani (Quartierkoordination Soziale Dienste Zürich) in den Raum. Am Workshop «Wem gehört der Kreis 5?» vom 26. und 28. März wurde gemeinsam mit Anwohnern aus dem Quartier und Experten nach Antworten gesucht.

Kreis 5 – Von Einwanderer und Junkies Der Kreis 5 ist nicht mehr, was er einmal war. Als 1875 die Industrie den freien Platz, mit Bahnhofsnähe und Wasserversorgung durch die Limmat beanspruchte, formte sie das Quartier der Arbeiterklasse und der Einwanderer.

80 Jahre lang prägten die Industriewerkstätten das Bild. In den 70ern nutzten Studenten den günstigen Wohnraum, gründeten WGs, machten frei gewordene Hallen zu Ateliers, Bars und Treffpunkten. Anfang der 80er Jahre schloss das Autonome Jugendzentrum (heute steht dort der Bus-Parkplatz). Der obere Kreis 5 (Gewerbeschule) wurde das Zentrum der Jugendunruhen. Dann, anfangs der 90er Jahre die Besetzung des Wohlgroth-Areals, die grösste Hausbesetzung in der Schweizer Geschichte. Es kam zu aktivem Widerstand gegen den Industriellen Bührle und die geplante Arealüberbauung mit Büros und Wohnungen. Später rückte der Platzspitz und das Shilquai in den Fokus, als Schmelztiegel des Drogenmilieus.



Wem gehört der Kreis 5? from NIGG on Vimeo.

Züri-West rückt näher Heute ist der Kreis 5 ein durchmischtes Quartier, das wegen den vielen Genossenschaften preiswerte Wohnungen bietet. Doch das Feld wird bereits neu aufgerollt: Züri-West. Dabei steht der Prime Tower als Wahrzeichen für die zukünftigen Projekte. Während Kulturinstitutionen bereits einige alte Industriegebäude übernehmen, planen Stadt und Privatinvestoren noch mehr Gewerbe und moderne Wohnblöcke. Die Aufwertung des oberen Kreis 5 schreitet voran.

Die zentrale Lage und Nähe zum Hauptbahnhof will der Kanton nutzen, um eine Bildungsmeile zu kreieren. Für die Sanierung vom Sihlquai 87 – die allgemeine Berufsschule Zürich – wurden 31,8 Millionen Franken bewilligt. Privatinvestoren liebäugeln mit dem Bus-Parkplatz und wollen dort ein Kongresszentrum mit Hotellerie errichten. Und die SBB will entlang den Gleisen Büro- und Wohnhäuser bauen. Als wäre das nicht genug: Derzeit überarbeitet die Stadt die Bau- und Zonenordnung, wodurch weitere bauliche Veränderungen möglich werden.

Nachbarschaften als Wohnkonzept Der Kreis 5 boomt. Die Möglichkeiten scheinen unerschöpflich; Tür und Tor für ein hoch entwickeltes Quartier stehen offen. Moderne Wohnräume und neue Infrastruktur werden den Mietzinse erhöhen.

Was die Anwohner aber wirklich wollen sind günstige Wohnungen. Ein Wohnkonzept am Beispiel des oberen Kreis 5 zeigte der Verein Neustart Schweiz in Zusammenarbeit mit der Genossenschaft NENA1. Ihr Ziel für ein belebtes, nachhaltiges und günstiges Quartier: «Nachbarschaften» entwickeln.

Dabei funktioniert das Nachbarschaftskonzept so, dass Wohnflächen zu einem Siedlungsareal werden, das Platz für bis zu 800 Bewohner bietet. Die Wohngebäude ziehen einen Kreis, sodass die Innenfläche als Garten, Wiesen und Spielplatz genutzt werden kann. Die oberen Stockwerke dienen als Wohnung, so werden die sich im Erdgeschoss befindenden Räume für Kindergärten, Restaurants, Läden genutzt. Zusätzlich wird räumlich verdichtet, damit mehr Menschen Platz haben und das Quartier mehr Leben bekommt, da sämtliche Bedürfnisse vor Ort befriedigt werden können.

Im oberen Kreis 5 zwischen Limmatplatz und Bahnhof wohnen derzeit etwa 2500 Menschen. Mit dem Konzept Nachbarschaften würde für 3500 Menschen günstige Wohnung zur Verfügung stehen.

[caption id="attachment_1473" align="alignnone" width="625"]Kreis 5 als Versuchsquartier der Stadt Kreis 5 als Versuchsquartier der Stadt[/caption]

«Nachbarschaften» sind nur ein Beispiel, wie die Aufwertung im Interesse der Anwohnern genutzt werden kann und wie ihnen die Möglichkeit gegeben wird, gemeinsam ihren Lebensraum zu gestalten. Die Ausgangsfrage, wem die Stadt oder der Kreis 5 gehört, kann so einfach nicht beantwortet werden. Obgleich sie wichtig ist – entscheidender ist die Frage: Wer verändert die Stadt?

Am Donnerstag 9. April 2015 findet im Quartiershaus Kreis 5 (Sihlquai 115) der dritte Anlass von Heinz Nigg und Antonella Martegani statt. 18.00 Uhr bis 20.00 Uhr.

Impressionen: 40 Studenten der ETH haben im Wahlfach Soziologie eine Fotoserie über den Kreis 5 gemacht. Die Fotos wurden ebenfalls im Quartierhaus ausgestellt.

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