Was taugt die SRF-Youtube Serie übers «Zürcher» WG-Leben?

Die SRF-Angebote für die «Junge Zielgruppe» wurden jahrelang an den Interessen unserer Generation vorbeiproduziert. Nun wagt sich das SRF mit «Nr.47» an ein neues Format und überrascht dabei positiv. Die Tatsache, dass in der Seebahnkolonie gedreht wurde, ist nur ein Grund, sich die Serie anzuschauen.
18. Mai 2018

Beim Gedanken an SRF-Serien kommen Erinnerungen an «Fascht e Familie» und die eingespielten Lacher aus den 90er Jahren hoch. Mit der Familie SRF-Serien zu schauen, ist eine Kindheitserinnerung aus der Zeit, als es Netflix und Co. noch nicht gab. Nun wartet das SRF mit einer mehrteiligen Web-Serie auf und wählt ausgerechnet Youtube als Publikationskanal. So kommt erstmals ein bisschen Schweizer Netflix-Feeling auf, denn die Serie kann durchaus mit grösseren Produktionen mithalten. In «Nr.47» geht es um den Alltag junger Menschen Anfang 20, die alle im selben Wohnblock leben und ihren Platz im Leben suchen. Die Hauptperson ist die 20-jährige Sachbearbeiterin Eveline, die soeben von zu Hause ausgezogen ist. Diese alltägliche Storyline scheint nicht die beste Voraussetzung für eine erfolgreiche Serie, jedoch überzeugen die Protagonist*innen. So entsteht eine Serie mit Lokalbezug, die dennoch nicht anbiedernd wirkt. Das liegt wohl unter anderem daran, dass vor und hinter der Kamera dieser Produktion fast ausschliesslich Schweizer Nachwuchstalente zwischen 20 und 30 Jahren stehen.

Das Zürcher Herz erfreut zudem die Tatsache, obwohl die Serie behauptet in Bern stattzufinden, im Zürcher Kreis 4 in der Student*innen-Hochburg Seebahn-Kolonie gedreht wurde.

Authentisch? Ja. Perfekt? Nein

Warum die Serie in Bern spielt, bleibt unklar. Wollte der Regisseur die Berner*innen mit ihrem Züri-Komplex schonen? Wahrscheinlicher ist, dass das SRF als nationaler Sender wieder einmal mit dem Problem kämpfte, dass «alles in Zürich spielt». Es wird jedoch geschickt gefakt, indem die Dachterrassen-Szenen tatsächlich in Bern gedreht wurden und ein Berner Nachtclub vorkommt. Alle Innenszenen spielen sich in der Seebahn-Kolonie ab. Viele junge Zürcher*innen wohnen dort in JUWO-WGs oder haben schon mal jemanden dort besucht. Diesen Ort als Kulisse der Serie zu sehen, schafft für «Twens» einen Bezug zu ihrer Lebensrealität. Der Charme der hässlichen 70er-Jahre (Wasch-)Küchen, die Türen mit Milchglas und die Ikea-Möbel sorgen für ein bisschen trashiges, aber gemütliches WG-Ambiente. Dass eine 20-Jährige alleine in einer Dreizimmerwohnung lebt, während sich unter ihr zwei WG-Gspänli eine Wohnung teilen, wirkt jedoch nicht ganz authentisch. Auch dass Eveline Pappardelle eine Trüffel-Pekannuss-Sauce kocht, während sie kein Salz in der Küche hat, wirkt eher unrealistisch.

Eveline (Elsa Langnäse) kocht für ihren Freund Yannik. Bild: SRF/Naomi Wirth

Dafür entsprechen viele andere Sachen der Lebenswelt junger Menschen in ihren Zwanzigern. Eveline facetimt mit ihrer Mutter und liest das Kochrezept vom Laptop ab. Sie schickt und empfängt Voice-Messages, was für mich gänzlich neu ist in einer Schweizer Produktion. Und Evelines hübscher Nachbar Kuzey betreibt in seiner Freizeit einen Youtube-Channel. Aussagen wie «ich han brutal Hunger» oder «there you go» wirken nicht aufgesetzt, sondern der aktuellen Umgangssprache der Mittzwanziger*innen entnommen. Auch der Soundtrack überzeugt. Musikmachen ist die Stärke der Berner*innen, dementsprechend oft sind sie vertreten. Schweizerdeutsche Raptracks reihen sich an Indie-Pop Lieder und manche davon könnten genauso gut ausländische Produktionen sein.

Die schwierige Balance zwischen Klischees und Moderne

Manchmal überrascht das Drehbuch mit erfrischend moderner Interpretation der Geschlechterrollen. Eveline ist beispielsweise beim Sex oben und in einer anderen Szene besteht sie lautstark darauf, dass sie die Entscheidungshoheit in ihrer Wohnung hat. Oft fällt die Serie jedoch unfreiwillig Klischees zum Opfer. Die erste Folge beginnt mit einem Dialog zwischen der weinenden, 20-jährigen Eveline, die sich in ihrem Zimmer eingesperrt hat, und ihrem Freund Yannick, der sich um sie sorgt. Ganz allgemein ist die Figur Eveline oft gestresst und schlecht gelaunt, während ihr Freund die Lage im Griff zu haben scheint. Auch die nervige, überfürsorgliche Mutter und die kalte, strenge Chefin Mitte vierzig entsprechen Klischees, die von jungen Filmschaffenden nicht zwingend zementiert werden müssten. Dass Freund Yannick meist nur gamt und säuft und Eveline nicht beim Kochen hilft, ist ein ebenfalls überholtes Bild junger Männer in der Schweiz.

Eveline (Elsa Langnäse) beim Pärchenabend mit Freund Yannik (Fabian Vogt). Bild: SRF/Naomi Wirth

Protagonist Kuzey mit türkischem Migrationshintergrund schreibt «Karp Surses» statt «Carb Sources». Das kann lustig sein, es gibt jedoch bessere Witze. Glücklicherweise beging Drehbuchautor Adrian Spring nicht den Fehler den jungen Mann mit Migrationshintergrund auch noch rappen zu lassen. Das wäre zu viel der Klischees gewesen. Doch natürlich hat jedes Klischee seinen Ursprung und Unterhaltung muss nicht immer 100 Prozent ein Abbild der Gesellschaft und politisch korrekt sein. Schön wäre es trotzdem. Da betreffend Kleidung, Wohnungseinrichtung und Dialogen alles richtig gemacht wird und ausgesprochen authentisch wirkt, fällt dies nur auf, wenn man ganz genau hinschaut. Es trübt jedoch die sonstige Begeisterung ein bisschen.

Junge Talente aus der Generation Netflix

Schweizer Produktionen hängt oft diese verstaubte Art des Schauspielens an, die mehr an Theater als an Netflix-Serien erinnert und zu Fremdschämen führt. Gewisse Gesichter kommen in gefühlt jeder Schweizer Film- und Fernsehproduktion vor. Auf «Nr.47» trifft dies nicht zu. Die Serie lebt ganz klar von der schauspielerischen Glanzleistung der Gymnasiastin Elsa Langnäse. Ob als genervte Teenagerin im Telefongespräch mit der Mutter oder als selbstbewusste junge Frau in der Sexszene, Langnäse beherrscht alle Facetten ihrer Rolle und macht «Eveline» zur Sympathieträgerin. Fabian Vogt in der Rolle ihres Freundes Yannick kommt etwas blass daher. Dies liegt nicht nur daran, dass das Publikum nicht einmal erfährt, ob und was er denn arbeitet. Die Figur «Yannick» ist per se nicht charismatisch, etwas mehr Persönlichkeit hätte Vogt der Rolle jedoch geben dürfen. Ali Erkut als Nachbar «Kuzey» meistert sein Schauspieldebüt hingegen mit Bravour. Als Laie macht er neben den Schauspielstudent*innen eine gute Figur. Er schafft es, der Rolle des Sonny-Boys Kuzey, der öfters oben ohne zu sehen ist, Charakter zu geben, ohne jemals aufgesetzt lustig zu wirken. Auch Gabriel Noah Maurer spielt seine Rolle als Nachbar «Dominic», der auf «Eveline» nicht gut zu sprechen ist, überzeugend.

Dominic (Gabriel Noah Maurer) in der Waschküche des Wohnblocks Nr. 47. Bild: SRF/Naomi Wirth

Ungewohnte Wege in Distribution und Produktion

Das Produktionsteam wurde gänzlich aus Nachwuchstalenten zusammengestellt und es wurde auf die Geschlechterparität geachtet. Eine gute Chance für die Beteiligten, um sich in der kleinen Schweizer Filmbranche einen Namen zu machen. Wenn auf dem Set lauter junge Menschen anwesend sind, die mit Enthusiasmus bei der Arbeit sind, kann sich das nur positiv auswirken. Dadurch entstand eine überzeugende erste Staffel, mit der sich Berner sowie Zürcher «Twens» identifizieren können. Dass das SRF diesen Schritt wagt, ist erfreulich. Die Serie zu schauen ist ein Statement für neue Wege beim SRF. Vielleicht hat das Leutschenbach aus den bangen Monaten vor der No-Billag Initiative gelernt, dass es sich um sein junges Publikum bemühen muss.

Seit dem 14. Mai wird jeden Abend um 18 Uhr eine neue Episode der Serie «Nr.47» auf dem Youtube-Kanal der Serie veröffentlicht. Perfekt also, um auf dem Heimweg von der Schule oder der Arbeit auf dem Handy eine drei- bis siebenminütige Episode zu schauen. Am Sonntag wird jeweils die ganze 25-minütige Folge veröffentlicht, für diejenigen, die den Sonntag gerne mit Netflix und Chill im Bett verbringen. Das SRF ist im Jahr 2018 angekommen.

Schauspieler Elsa Langnäse, Fabian Vogt, Lorena Handschin und Ali Erkut mit Kameramann Pascal Reinmann (v.l.n.r.) beim Dreh. Bild: SRF/Naomi Wirth

Titelbild: SRF/Naomi Wirth

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