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Was kannst du tun, um Flüchtlingen zu helfen? Teile deine WG mit ihnen!

wgleben.ch
15. November 2015


Ich sitze an diesem, für den November erstaunlich lauen, Sonntagabend im Volkshaus. Zwei sympathische junge Frauen gesellen sich zu mir: Aissata und Stefanie. Sie sind Mitorganisatorinnen von wegeleben.ch, einer Gruppierung, welche WG-Zimmer für ehemalige Flüchtlinge vermittelt. Wegeleben.ch nahm seinen Anfang vor einem Jahr  in Bern und ist seit Juli  2015 online. Nun hat die Plattform seinen Weg in unsere Limmatstadt gefunden. Aissata und Stefanie bilden zusammen mit zwei anderen das Zürcher Team und ich möchte von ihnen erfahren, was wegeleben.ch genau tut:

Schön, dass ihr Zeit für dieses Interview habt. Das Thema Wohnraum für Flüchtlinge ist ja so zentral wie noch nie. Was macht ihr genau? Zuerst einmal verwenden wir für die Geflüchteten bewusst den Begriff «Newcomer/innen». Bezeichnungen wie diese sind in unseren Augen zwar überflüssig, aber da Projekte wie unseres leider nötig sind, müssen wir eine begriffliche Unterscheidung zwischen geflüchteten und nicht-geflüchteten Menschen herstellen.

Wegeleben.ch ist ein Projekt, wo sich «Newcomer/innen» und Personen, welche Zimmer in ihren WGs anbieten, finden können und durch uns zusammengeführt werden.

Warum braucht es Projekte wie eures? «Newcomer/innen» stehen nach Erteilung ihrer Aufenthaltsbewilligung alleine auf dem Wohnungsmarkt. Sie müssen aus den betreuten Zentren und Wohnprojekten ausziehen. Für uns alle ist es nicht einfach, gute Wohnungen zu finden, doch für sie gestaltet sich dieser Prozess besonders schwierig. Wir möchten die unberechtigten Berührungsängste, welche viele Leute gegenüber «Newcomer/innen» haben, aufheben und eine Vermittlung erleichtern. Ausserdem unterstützen wir die «Newcomer/innen» bei der Wohnungssuche und stehen ihnen und Anbietern von WG-Zimmern mit Rat und Tat zur Seite.

Wie genau helft ihr den «Newcomer/innen» und den Anbietern von WG-Zimmern? Die Zürcher Gruppe von Wegeleben gibt es erst seit anfangs September 2015. Wir konnten aber bereits mehrere städtische Institutionen von unserem Projekt überzeugen. Ausserdem bedienen wir uns auch den gängigen Immo-Plattformen im Internet. Zuerst finden wir im Gespräch mit dem Newcomer oder der Newcomerin heraus, was deren Bedürfnisse und Vorstellungen von einem WG-Leben sind. Dies ist von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Hier spielen vor allem das Alter und der aktuelle Arbeits- oder Lehrplatz eine Rolle. Danach gleichen wir diese Angaben mit dem vorhandenen Wohnangeboten ab. Wenn ein «Match» entsteht, kontaktieren wir die Anbieter des WG-Zimmers und vereinbaren einen Besichtigungstermin. Wir begleiten dann die beiden Parteien bis zur Vertragsunterzeichnung. Bisher konnten wir in Zürich zwar noch niemanden vermitteln, aber in Bern haben bereits vier «Newcomer/innen» ein neues Zuhause gefunden.

Das ist toll! Könnt ihr bereits sagen, wie es dort so läuft? Da diese «Newcomer/innen» erst im September einzogen sind, ist es dafür noch etwas früh. Aber uns ist es sehr wichtig, dass ein ganz normales WG-Leben stattfindet. Natürlich sind sie froh, wenn man sie aus sprachlicher Hinsicht ab und zu unterstützt. Die meisten «Newcomer/innen», welche wir vermitteln, sprechen aber schon relativ gut Deutsch und absolvieren eine Ausbildung oder stehen bereits im Berufsleben. Es handelt sich also um selbstständige, junge Erwachsene, die keine spezielle Betreuung benötigen.  Wir möchten die Integration der «Newcomer/innen» fördern und Anbietern von WG-Zimmern ermöglichen, Menschen aus anderen Kulturen kennenzulernen. Für beide Seiten also eine grosse Bereicherung!

Wer kommt hauptsächlich zu euch? Bis jetzt haben sich vor allem junge Männer zwischen 17 und 25 Jahren bei uns gemeldet, Frauen sind aber natürlich genauso willkommen.

Welches sind die häufigsten Fragen, die «Newcomer/innen» euch stellen? Zunächst einmal wussten viele von ihnen nicht, was eine WG ist. Wir haben eine erste Infoveranstaltung organisiert, bei der wir ihnen das Konzept einer WG näher gebracht haben. Erst als wir die WG von Stefanie zusammen besucht haben, wurde einigen von ihnen klar, was für eine tolle Wohnform das ist. Die Reaktionen waren durchwegs positiv, denn sie sahen, dass dies nicht irgendein neues Heim oder Wohnzentrum war, sondern eine selbstbestimmte und freie Art des Wohnens, in der sie sich aktiv in die Gemeinschaft einbringen können.

Was ist eure Rolle nach Vermittlung eines WG-Zimmers? Natürlich sind wir für beide Parteien auch in Zukunft nach Bedarf da, falls irgendwelche Schwierigkeiten auftreten. Aber wir möchten, dass sie sich selbstständig organisieren. Mit den Leuten in Kontakt zu bleiben bedeutet für uns, dass wir nachvollziehen können, ob unser Projekt auch nachhaltig aufgeht.

Wo stösst ihr auf Probleme bei eurem Projekt? Der Wohnungsmarkt in Zürich ist sehr schwierig. Wir hatten einige Paare oder Familien, die sich bei uns gemeldet haben. Dies ist natürlich super, aber wir suchen eher nach WGs mit gleichaltrigen Personen. Angebote von Familien leiten wir momentan an Stellen weiter, die bereits Erfahrung mit Vermittlungen in Familien haben. Ausserdem sind die Zimmer in Zürich oft teuer und die «Newcomer/innen» haben meistens ein begrenztes Budget zur Verfügung. Wenn sie von der Sozialhilfe leben, können sie zwischen 500 und 700 Franken ausgeben. Unsere Matching-List schrumpft dabei auf wenige Wohnungen, die in Frage kommen und es nimmt sehr viel Zeit in Anspruch, eine entsprechende Unterkunft zu vermitteln. Wir schauen dabei auch darauf, dass die «Newcomer/innen» möglichst nahe ihrem Arbeits- oder Ausbildungsort wohnen können.




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Das grösste Problem ist aber, dass wie erwähnt viele Leute Berührungsängste haben. Wir möchten die Vorurteile gegenüber «Newcomer/innen» abbauen. Denn wir vermitteln momentan  Personen, die eine feste Tagestruktur haben und keine spezielle Betreuung benötigen. Ausserdem sollen die Mietverhältnisse langfristig sein. Nur so ist eine solide Integration möglich, wobei wunderbare Freundschaften entstehen können.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft? Es wäre schön, wenn sich mehr WGs bei uns melden würden. Natürlich sind wir auch dankbar über Angebote von Paaren oder Familien, aber um natürliche Wohnsituationen zu schaffen, sind Wohngemeinschaften unabdingbar. Die Mitbewohner/innen sollen keine Elternfunktion für die «Newcomer/innen» übernehmen, sondern sie als gleichwertige Mitglieder der Gemeinschaft ansehen. Daher auch die Bitte nach dem Abbau der Vorurteile. Die «Newcomer/innen» sind ganz normale Menschen, die endlich in einem Zuhause ankommen möchten.

Wo seht ihr euch in der Zukunft? Wir hoffen, dass es uns in Zukunft nicht mehr braucht und dass Wohnraum für ehemalige Flüchtlinge zur Selbstverständlichkeit wird. Momentan möchten wir unser Projekt aber auf die ganze Schweiz ausweiten und in jeder Stadt Vermittlungen anbieten.

Vielen Dank für eure Zeit. Wir verfolgen euer Projekt gespannt!

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