Was es mit der Selbstausbeutung der Kreativen auf sich hat

21. Oktober 2015


Wir Zürcher sehen unsere Heimat gern als Weltstadt. Nicht so sehr als Geldstadt. Stolz betonen wir: Hier findet auch Kultur statt. Mehr als sonst wo in der Eidgenossenschaft. Doch bei Kunst interessiert oft wenig, wo sie herkommt. Kunst, das ist etwas, wo man hingeht. Besonders nach Feierabend. An die Finissage, in die Oper oder den Rocktempel. Hat man sich nach einem harten Arbeitstag ja auch verdient. In Züri geniesst Krampfen jahrzehntelange Tradition, und die einzig akzeptablen Entschuldigungen, keiner geregelten Arbeit nachzugehen, sind ein Studium oder ein dickes Bankkonto. Doch nicht alle büffeln sie auf ihr nächstes Diplom. Nicht alle ackern für Beförderungen oder Lohnerhöhungen.

Die Zeit als Kapital Manche wagen den Ausbruch aus der Masse der wandelnden Cappuccinohalter. Sie pfeifen nicht unbedingt mit den Lerchen, sondern singen ihr eigenes Lied, leben den eigenen Biorhythmus. Arbeiten Teilzeit, um sich nebenher mit Vollgas ihrer Entfaltung zu widmen. Musiker, Kunstmaler, Schriftsteller, Tänzerinnen. Erfolgsorientiert wie wir sind, gönnen wir ihnen gerne unsere Bewunderung. Solange sie von der DJ-Kanzel winken, auf Plakaten lächeln oder uns im Spätprogramm des Staatsfernsehens begegnen.

Nicht so sehr, wenn der grüne Zweig noch nicht gesprossen ist. Warum auch? Die Milch kommt aus der Migros und die Musik aus dem Internet. Wie schwierig kann es denn sein? Dass es auf dem Weg zum Erfolg keine Abkürzungen gibt, wird gerne ausgeblendet. Sonst käme man ums Eingeständnis nicht herum, dass man investieren muss. In sich selbst. Und zwar Zeit. Ausgerechnet. Gerade davon hat man stets zu wenig. Die Zeit, das muss jetzt sein.

Interesse statt Geld So schüttelt man gern den Kopf über diese Hungerkünstler, diese Tagediebe, Selbstausbeuter, die nicht selten in ihrer Mobilität eingeschränkt am physischen und wirtschaftlichen Limit werkeln. Man wundert sich ob dem Motiv, sich unnötig solchen Widrigkeiten auszusetzen. Wo ein simpler Bürojob das Leben doch weit bequemer machen könnte. Künstler Stefan Wagner, der bis letzten Winter das Corner College leitete, empfindet den Begriff «Selbstausbeutung» eher als ambivalent und negativ konnotiert. Lieber mag er von «prekären Arbeitsbedingungen» sprechen, wie etwa fehlenden Sozialleistungen oder niedriger Entlöhnung.




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Er sagt, Künstler wollen einer Arbeit nachgehen, die sie interessiert und erfüllt. Dies oft ausserhalb der gängigen Ökonomie. Die meisten Leute verstehen dieses Konzept nur im Kontext des Unternehmertums. Der Entrepreneur jedoch hat meist andere Ziele. Immerhin sieht Wagner einen Wahrnehmungswandel. In unserer postindustriellen Gesellschaft werde geistige Arbeit zunehmend höher geschätzt.

Die Uniform der Kunstschüler Bei vielen ist das Künstlerleben gar zum Lifestyle verkommen. Berüchtigt das Klischee des Rennrads und des ungenutzten Ateliers. Die Uniform der Kunsthochschüler – die weissen Turnschuhe, der grüne Parka, der zu weite Strickpulli, der Ballettbommel und die Jutetasche – man kann sie kaum mehr aus dem Stadtbild wegdenken. Fast magisch scheint die Anziehungskraft kreativer Ausbildungsstätten, auch wenn die Einschreibung einen noch nicht zum Künstler adelt oder man selbst nach Abschluss nie zu einem werden mag.

Esther Eppstein, die sich u. a. mit ihrem Engagement im Message Salon, der Perla-Mode und jüngst der Grubenstrasse als Zürichs grosse Kunstbotschafterin verdient gemacht hat, sieht gerade in Institutionen wie der ZHdK eine Form der gesellschaftlichen Akzeptanz kreativer Berufe. Letztes Jahr nahm sie eine Auszeit in Tel Aviv, und im Vergleich zu den einfachen Mitteln, die Kunstschaffende dort vorfänden, schöpfe man an der Pfingstweidstrasse aus dem Vollen. Sie geht zwar eher davon aus, dass die meisten Kunstschulabgänger bis Vierzig nicht mehr in künstlerischen Berufen tätig sein werden. Doch wenn man jung sei, stelle man Selbstverwirklichung gerne mal über vermeintliche Sicherheit.

Der Sinn der Arbeit Möglicherweise auch deshalb, weil man einem inneren Wunsch folgt. Es liegt nahe, einen Schalter- oder Schreibtischjob zu wählen, wenn man sonst nichts mit sich anzufangen weiss, doch erliegt man kaum der Existenzangst, wenn man vom Verlangen durchdrungen ist, etwas ganz Bestimmtes auszuprobieren. Die Zeiten, in denen man noch einen «anständigen» Beruf erlernen sollte, scheinen ohnehin vorbei. Oder welchen Beruf übt man heute ein Leben lang aus? Betrachtet man die Weltlage, gab's schon lange nicht mehr so viel Unsicherheit. Darin liegt eine grosse Chance. Die sollte man sich geben.

Anders gefragt: Ist es denn nicht ebenso Selbstausbeutung, wenn man sich 42 Stunden pro Woche in ein Grossraumbüro sperren lässt? Erliegt man dort durch das Herumreichen von Belegen irgendwann gleichzeitig Bore- und Burnout, war es den kontinuierlichen Sonderbatzen wirklich wert? Die Auseinandersetzung mit vermeintlichen Hungerkünstlern bedeutet nicht zuletzt Sinnfrage. Gerade in einer Gesellschaft von Verkäufern, die sich selbst als Kunstwerk verstehen. Wie viel der eigenen Lebenszeit will man für die Mehrung fremder Kapitale hergeben?

Künstler sollen sich mit dem Unternehmertum anfreunden Man braucht nicht hochbegabt zu sein, muss nicht wie Rembrandt pinseln können, um beruflich erfüllter oder gar erfolgreich zu werden – wie immer man diese Begriffe für sich definiert. Selbst das grösste Talent wird nicht erblühen, wenn es nicht auf sich aufmerksam zu machen vermag. Eppstein ermutigt junge Künstler und Ausbrecher dazu, sich möglich früh eigene Räume zu suchen und zu schaffen, sich mehr mit der Idee des Unternehmertums anzufreunden. Auch wenn oder gerade weil der Markt die Kunst zu beherrschen scheint und die Finanzen immer wieder mal Fragezeichen aufwerfen. Ähnliches fordert auch der dritte Zürcher Kreativwirtschaftsbericht, welcher festhält, dass die meisten Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft auf den Märkten ein Versuch und Irrtum-Verfahren anwenden und damit einen strategischen Aufbau ihrer Aktivitäten verunmöglichen würden. Die Verfasser empfehlen daher, «ökonomische Handlungskompetenzen» vermehrt in die «einschlägigen Bildungssysteme» aufzunehmen.

Eppstein jedenfalls ist überzeugt: die entgegengebrachte Achtung sowie die Freiheit, den eigenen Weg zu den eigenen Bedingungen gehen zu können, seien es mehr als wert – ein Lebensentwurf, von dem eine Mehrheit glaubt, man müsste erst Millionär werden, um ihn auszukosten. Und schelmisch lächelnd fügt sie an, dass es der Punk in ihr auch gar nicht anders zulassen würde.

Titelbild: Carl Spitzweg
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