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Foto: Tsüri.ch

Warum Zürich scheisse ist: Kunsthandwerk und Selbstgefälligkeit

In seiner Kolumne «Warum Zürich scheisse ist» lässt Redaktor Philipp kein gutes Haar an der Limmatstadt. Neben seiner Kritik am Zürcher Verständnis von Moral und der Verurteilung der Kommunikation in seiner Wahlheimat, ist ihm manchmal auch die Kultur der grössten Schweizer Stadt ein Dorn im Auge.
03. November 2021
Redaktor

Ich bin zu einer Geburtstagsparty eingeladen. Die Endstation der Feier ist ein Studio eines Freundes. Im Studio stehen auch ein paar CDJs (DJ Media Player). Und wie es der Zufall will, habe ich doch tatsächlich auch meinen Stick dabei. So eine Überraschung aber auch!

Mein Kieferknochen ist zwar bereits etwas angespannt, gleichwohl bin mir sicher, dass es noch für ein kleines Set reichen wird. Mein Set beginnt mit repetitiven Techno-Tracks, die ich gekonnt übereinander lege. Ich spiele nur mit dem Equalizer, droppe die Bässe immer pünktlich – eine Meisterleistung.

Nachdem ich mit meiner vierten illegal heruntergeladenen Perle die Gruppe langsam zum Tanzen gebracht habe, scheint mir klar, dass ich sie nun fordern müsse. Und so wechsle ich vom Techno zum Electro. Richtig krassen Detroit-Sound will ich auflegen, weil der Shit zieht und in Zürich immer noch voll avantgardistisch ist. Leider mögen die Gäste meine Mucke nicht.

Sicherlich gibt es immer Schwankungen auf dem Dancefloor. Besonders seit in den Zürcher Clubs nicht mehr geraucht werden darf (Im Studio meines Freundes ist das Rauchen ebenso verboten). Irgendwann kommen die Leute aber vom Rauchen zurück, und wenn sie dann nicht tanzen, gefällt ihnen der Sound nicht.

In Zürich trägt inzwischen jede:r einen Stick mit seinen:ihren Lieblingshits auf sich.
Philipp Mikhail

Nach wenigen meiner Electro-Bangers erklärt mir ein Freund freundlichst, einige der Gäste wünschten sich mehr «four-to-the-floor» (Das ist, wenn der Bass immer schön auf jeden Taktschlag klingt). Ich spiele noch einen Electro-Track. Ist ja schliesslich kein Wunschkonzert hier. Unglücklicherweise mögen die Besucher:innen dann aber später meinen Techno auch nicht mehr. Sie mögen gar nichts von dem, was ich spiele. Indes bewegen sich meine Lippen schon ziemlich unkontrolliert, was mich dazu bewegt, eine Pause einzulegen. Und siehe da: Die anderen DJs stehen schon Schlange! Zum Glück haben die auch alle ihre Sticks dabei!

In Zürich trägt nämlich inzwischen jede:r einen Stick mit seinen:ihren Lieblingshits auf sich. Und wie Pianospieler:innen die Finger einfach nicht von den Tasten lassen können, wenn sie ein Klavier sehen, können die Zürcher:innen – mich eingeschlossen – an einer Privatparty die Finger nicht von den Pioneers lassen. In unserem schönen Städtchen können so viele Menschen mit virtuellen Platten auflegen wie in Berlin. Qualitativ schlagen wir die Berliner:innen sogar bei Weitem.

Shake it off

Als nächstes kommt ein anderer DJ. Der lege manchmal im Elysia in Basel auf, wurde mir gesagt. Tatsächlich spielt er mega nice. Sogar besser als ich. Vermutlich hatte er mehr Zeit um zu üben. Das muss man sicher auch, wenn man im Elysia spielen darf. Er spielt einen ziemlich tollen Mix aus lüpfigen Acid-House-Beats. Leider gefällt das den Gästen auch nicht. Es sei zu langweilig, zu langsam, höre ich ein paar Bekannte hinter mir munkeln. Gerne hätte ich mehr von diesem DJ gehört.

Als ich zum Rauchen vor die Tür gehe, prophezeit mir ein weiterer Freund (der ganz zufällig auch einen Stick dabei hat), dass er gleich Funk und Disco spielen würde. Ich sage ihm, dass ich das ein wenig gewagt fände. Schliesslich lief bisher nur elektronische Musik. Er erklärt mir, um was es beim Auflegen wirklich geht: «Die Ladies». Wenn die «Ladies» tanzen, würden auch die Männer tanzen.

Deswegen solle man immer nur für die Frauen spielen. Mich dünkt es, als wisse er wovon er spricht. Früher hat er mit seinem Kumpel bekanntlich im Stall 6 seine Disco-Platten rotieren lassen. Die Sets waren meist entzückend. Ausserdem bin ich auf die versprochene Reaktion der besagten «Ladies» gespannt. Also löst er den Acid-Mann ab und beginnt sein Set mit einigen Afro-Funk-Knallern. Bedauerlicherweise finden die Gäste den Sound recht schlecht bis total beschissen. Was für ein Jammer auch.

Dann spielt er Abba. Eine der fünf Frauen, die noch da sind, schreit auf: «Nein! Bitte nicht! Diesen Scheiss hörten meine Eltern während meiner Kindheit immer, wenn sie Sex hatten!» Der Funk ist nun offiziell bei den «Ladies» gescheitert. Ich übernehme wieder. Eine schlechte Idee, weil ich zu wenig beschissene Musik auf meinem Stick habe. Ein Unbekannter kommt nach einer Weile zu mir und wirbt für seine Kollegin Lina (oder Anna oder Nina). Die habe auch ihren Stick dabei. Inzwischen bin ich ziemlich drauf und habe sowieso keinen Bock mehr zu spielen.

So übernimmt Lina. Und siehe da: Sie rettet den Abend! Zumindest für die anderen Gäste. Lina spiele manchmal im Hive, wird mir erklärt. Das erklärt den Sound. Ich gehe nicht gern ins Hive. Da muss man – wenn man nicht auf der Gästeliste steht – immer so lange anstehen. Das letzte Mal, als ich im Hive war, stand ich auf der Gästeliste von Tikitula. Die find ich grossartig. Leider war sie am besagten Abend an der Geroldstrasse krank. Die anderen DJs gefielen mir nicht. Das Set von Lina mag ich auch nicht. Ich versuche es wegzutanzen. Es funktioniert nicht – weil nicht heterotop genug.

Nie im Leben würde es mir einfallen, einfach in einen Club zu gehen, weil ich schlicht Bock habe, ein wenig zu tanzen.
Philipp Mikhail

Forderung gefordert zu werden

Für mich muss ein gutes DJ-Set auf irgendeine Weise kontrovers sein. Es muss mich entweder beanspruchen oder überraschen. Wenn ich schon zig Stutz für den Eintritt und die teuren Drinks bezahle, soll mir musikalisch auch was vom Abend in Erinnerung bleiben. Am liebsten möchte ich mindestens einen Track hören, den ich noch nie gehört habe. Sicherlich habe ich etliche Tracks, welche in den gängigen Zürcher Klubs gespielt werden, noch nie gehört. Nur klingen die genau gleich, wie viele Tracks, die ich bereits kenne.

Nie im Leben würde es mir einfallen, einfach in einen Club zu gehen, weil ich schlicht Bock habe, ein wenig zu tanzen. Ein Clubbesuch ist für mich immer mit einer kunstschaffenden Person verbunden. Denn DJs und DJanes sind für mich Künstler:innen. In den meisten Zürcher Clubs wird aber keine Kunst sondern Kunsthandwerk praktiziert. Musikalisch handelt es sich in den meisten Fällen um eine Reproduktion von etwas, das bereits existiert.

Weil das Wiedererkennungseffekt hat. Wie die Tango-Samstage vor der Roten Fabrik. Da weiss man, was man kriegt. Die meisten Besucher:innen Zürcher Clubs wollen keine Heterotopie sondern etwas, das sie bereits kennen. Provokative Klänge auf dem Dancefloor nerven sie. Sicher gibt es Ausnahmen, doch die belegen letztendlich nur die Regel. Zürich kann mit Kontroversen nicht umgehen, weil Zürich scheisse ist. Die Menschen hier sind einfach zu eitel.

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Narzissmus und Selbstinszenierung

Vor ziemlich genau einem Jahr war ich Statist an einem Filmdreh eines bekannten Zürcher Filmemachers. Kurze Info zu Statistenrollen: sie sind kacke. Meistens ist die Hauptaufgabe permanent blöde rumzustehen, bis die Regie «Und bitte» ruft. Als Gegenleistung gibt es oft billige Sandwiches und eine fürchterliche Gage.

Der tatsächliche Lohn ist dagegen der «Fame» bis ans Ende der Zeit in einem Bildstreifen verewigt zu sein. Dieses ganze Getue war und ist mir jedoch schnuppe. Der einzige Grund, weshalb ich an diesem Dreh war, war ein einstiges Versprechen an meine Freund. Dementsprechend widerten viele der anderen Statist:innen an.

Bei solchen Drehs lassen sich die Menschen in drei Kategorien unterteilen: Die «Unwissenden», das sind Menschen, die zu Beginn noch keine Ahnung haben, auf was für einen Mist sie sich eingelassen haben. Leute wie mich, welche die Strapazen aus Gefälligkeit auf sich nehmen.

Und die «Egozentriker:innen», die bereits wissen, wie abgefuckt das alles ist und trotzdem mitmachen, weil sie sich sonst wahrscheinlich selbst bei der Selbstbefriedigung im Spiegel anschauen müssten. Letztere erhoffen sich zudem, genug lange mit der Regie flirten zu können, sodass sie kurzerhand für den nächsten Film als Hauptrolle besetzt werden.

Wirklich abscheulich wurde es an diesem Abend dann, als die Kamera zu rollen begann. Unsere Aufgabe war es, zu tanzen. Das fiel mir nicht schwer, da die Zürcher DJane Playlove gebucht wurde, um das Ganze musikalisch zu untermalen. Ich tanzte durch. Selbst wenn keine Musik lief. Denn es war bitterkalt und das Outfit, welches die Kostümbildnerin ausgewählt hatte (Wir mussten ihr im Vorfeld alle ein halbes Dutzend Fotos von uns mit Vorschlägen auf Whatsapp schicken) war relativ freizügig.

Schon nach der ersten Szene fiel mir auf, dass die anderen nur dann tanzten, wenn die Kamera gerade auf sie gerichtet war. Dann aber so richtig! Kaum zeigte die Linse auf sie, zeigten sie ihre besten Moves. War die Kamera dann wieder aus, beklagten sich einige oder sagten neidisch: «Diesmal warst du aber recht lange im Bild». Es ist an dieser Stelle wahrscheinlich wichtig zu erwähnen, dass es sich bei den «Egozentriker:innen» vorwiegend um Personen aus der Zürcher Kulturszene handelte. Das waren alles Schauspieler:innen, Designer:innen, Performance-Artists et cetera! Ganz grosses Kino.

Mit überdehnten Fussbändern, tauben Zehen und ein paar Zwanziger-Nötli in der Hand wurde mir nach gut fünfzehn Stunden klar, dass es in dieser Stadt bei der Musik, bei den Filmen, bei Performances und wahrscheinlich selbst bei Kolumnen wie diesen zu guter Letzt dann doch immer nur um das eine geht: Narzissmus. Dass das wiederum Einfluss auf die Qualität der jeweiligen Werke hat, muss ich an diesem Punkt wohl nicht erklären. Dieser Beitrag ist Beweis genug.

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