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Ein Schrebergarten in Wiedikon (Fotos: Michael Schallschmidt)

Warum wir unsere Gärten nicht zu ernst nehmen sollten

Wie die Stadt selbst, verändern sich auch die Hobbys ihrer Einwohner:innen. So erfindet die Stadtbevölkerung auch das Gärtnern neu für sich. Der Kleingarten verwandelt sich dabei jedoch zunehmend in ein Statement. Ein Essay.
29. September 2021
Praktikant Redaktion

Ursprünglich sollte dieser Beitrag ein Quiz werden, bei dem die Leser:innen Bilder von Schrebergärten den entsprechenden Besitzer:innen zuordnen sollten. Dies, indem jede:r Besitzer:in zuvor ein paar Fragen beantwortete, sodass dann daraus ein Ratespiel à la «welcher Garten passt zu welchen Antworten» für die Leser:innen entsteht.

Mit einem vorbereiteten Fragebogen, Notizbuch und einer Kamera machte ich mich deshalb an einem grauen Dienstagvormittag auf den Weg zu einem Familiengartenareal in Wiedikon. Die Ereignisse, welche sich an diesem Vormittag abspielten, beflügelten mich jedoch dazu, meine Pläne für diesen Beitrag zu ändern und so entstand der folgende Essay.


Die Stadtbevölkerung erfindet das Konzept des Gärtnerns neu und macht dabei aus einem Hobby ein Statement. Als ehemaliger Kundenberater in einem Fachgeschäft für urbane Gartengestaltung beobachtete ich diese Entwicklung jahrelang.

Kleine Hochbeete, die auf den Balkon passen, vertikale Kräutergärten und Bewässerungsanlagen für den Hobbybereich: Dies sind nur ein paar der Produkte, die tagtäglich über den Tresen gingen und die Nachfrage stieg in den letzten fünf Jahren stetig an.

Hinzu kommen unzählige Beratungsgespräche mit Kund:innen, die wissen möchten welches Gemüse sie auf kleinem Raum möglichst unkompliziert anbauen können. Diese Gespräche mündeten meist in einem Grosseinkauf an Demeter-Saatgut und Setzlingen aller Art. Die ambitioniertesten Guerilla-Gärtner:innen schütteten ihre Balkone mit Erde auf oder legten auf wenigen Quadratmetern kleine Seerosenteiche an.

In der ganzen Stadt verwandeln sich die Balkone in üppige Grünoasen.

Typischerweise drehen sich die häufigsten Fragen, mit der ein:e Angestellte:r eines urbanen Gartenladens konfrontiert wird um Nachhaltigkeit: «Ist das Saatgut Bio-zertifiziert?», «wie hoch ist der CO2-Fussabdruck bei diesem Topf?», «Wurde diese Giesskanne in Übersee hergestellt?». Besonders amüsant sind solche Fragen vor allem, wenn sie von einer Person stammen, die Fast-Fashion-Kleidung trägt und einen Einweg-Kaffeebecher in der Hand hält.

Die Anzeichen für den politischen Kleingarten-Trend sind längst überall in der Stadt sichtbar. Bienenhäuschen auf Balkonen, Randen-Hochbeete aus umfunktionierten Einkaufswagen im gemeinschaftlich genutzten Innenhof und ein Etagenkompost Marke Eigenbau samt Würmern.

Von Wipkingen bis Altstetten fällt jeder nutzbare Quadratmeter in den Student:innen-WGs, den Lofts und sogar den schicken Appartements dem neuen Selbstversorgungstrend zum Opfer. Natürlich dürfen – sofern Budget und Platzverhältnisse es erlauben – die Designerliegestühle auf dem Balkon und französische Markenpflanzgefässe auf den Fensterbänken nicht fehlen.

Aushängeschild für urbanen Lifestyle

Wer die nötige Nonchalance hat, dekoriert die selbstgebastelten Hochbeete und den Balkongarten noch mit Lichterketten oder den Transparenten, die von der letzten Klimademo übrig sind. Das Glück vom eigenen Gärtchen, das sagt: «seht her, ich baue stilvoll, gesellschaftskritisch und auf klimafreundliche Weise alle Zutaten für meinen Petersilie-Randen-Smoothie selbst an».

Die Bienen freuen sich jedoch nur über ihre vielen neuen Häuschen, wenn diese auch zusammen mit einheimischen Blumen auf dem Balkon stehen. Auch der Verzehr von selbst angebautem Gemüse richtet wenig aus, wenn im gleichen Haushalt selbst im tiefsten Winter noch Erdbeeren auf den Tisch kommen.

Der städtische Garten verwandelte sich vor unseren Augen von einem pragmatischen Werkzeug zur Selbstversorgung in ein Aushängeschild für den urbanen, konsumkritischen und aktivistischen Lifestyle der Stadtbevölkerung. Da drängt sich die Frage auf, wo denn die spiessbürgerlichen Geranienkistchen geblieben sind, die grauen Eternitkübel mit den biederen Birkenfeigen im Treppenhaus und das Ritual des Würstchengrillens am Nationalfeiertag?

Freilich sind diese Zeugnisse der Bünzli-Kleingartenkultur im städtischen Raum seltener anzutreffen als früher, aber noch lange nicht verloren. Auf dem Areal des besagten Familiengartenvereins Wiedikon, das gleich neben dem Triemlispital auf dem Friesenberg thront, gibt es nämlich noch kaum eine Spur von Lichterketten, bunten Hochbeeten oder trendigen Gartenmöbeln.

In Zementplatten eingefasste und geradlinig bepflanzte Gemüsebeete, Sitzgarnituren aus Plastik und Schrebergartenhäuschen, deren Anstrich langsam abblättert, dominieren dort noch das Bild.

Dies stellte ich fest, als ich das Areal an diesem zu Beginn erwähnten Dienstagvormittag durchwanderte. Mein Plan bestand darin, insgesamt vier Schrebergartenbesitzer:innen zu interviewen und fotografieren.

Jedes Jahr habe ich vier Kubikmeter Kuhmist in die Beete eingeschichtet.
Herr Rindlisbacher, Schrebergärtner

Jedoch war ich mit einem Problem konfrontiert: Es befanden sich aufgrund des schlechten Wetters kaum Leute auf dem Areal. Nachdem ich eine Viertelstunde lang auf Kieswegen umherstreifte, sah ich aus der Ferne einen Mann, der Unkraut aus dem Boden zog. Schnellen Schrittes näherte ich mich dem Herrn, der auf einem grünen Schaumstoffkissen kniete und zwischen seinen Krautstielpflanzen die unliebsamen Auswüchse aus der dunklen Gartenerde kratzte.

«Entschuldigen Sie, darf ich Ihnen eine Frage stellen?», sagte ich zu dem Mann. Dieser blickte von seinem Krautstielbeet auf und schaute dann mit gerunzelter Stirn auf das Notizbuch, das ich unter meinem Arm eingeklemmt hatte und die Kamera, die ich am Körper trug.

«Sind Sie Journalist?», fragte er mich. «Sie können mich als solchen betrachten, was unsere Unterhaltung betrifft», antwortete ich. «Dann verpiss dich», entgegnete er und wendete seinen Blick wieder auf das Beet. Ich entfernte mich, liess mich aber nicht von meinem Vorhaben abbringen.

Alle sind höflich, niemand möchte reden

So verbrachte ich den gesamten Vormittag damit, die Kieswege des Areals abzulaufen. Vorbei an den vielen kleinen Gartenhäuschen, den Treibhäusern voller Tomatenpflanzen, den geradlinigen Beeten, den vereinzelten Geranienkisten an den Fenstern der Gartenhäuschen.

Von den wenigen Schrebergärtner:innen, die ich auf dem Weg antraf, erhielt ich stets negative Antworten. Alle reagierten höflich, doch niemand hatte Lust mit mir zu reden geschweige denn den eigenen Schrebergarten fotografieren zu lassen, oder Fragen zu beantworten.

Herr Rindlisbachers Schrebergarten auf dem Familiengartenareal Wiedikon.

Es waren andere Zeiten

Einzig ein älterer Herr, der gerade mit einer Fräse ein leeres Beet auflockerte, gewährte mir Eintritt in sein Reich. «Diesen Schrebergarten habe ich im Jahr 1958 übernommen», sagte der Mann, der sich nur als Herr Rindlisbacher vorstellte. «Als ich den Garten vor 64 Jahren übernommen habe, musste ich dem Vorsteher versprechen, dass ich heirate und eine Familie gründe», erklärte der 84-Jährige.

Es sei eine andere Zeit gewesen. Ein Kleingarten habe damals einzig die Funktion erfüllt, sich selbst und seine Familie mit Nahrungsmitteln zu versorgen, sagte Rindlisbacher weiter. Im Verlaufe der Jahre habe der Schrebergärtner auch den lehmigen Boden aufgebessert.

«Jedes Jahr habe ich vier Kubikmeter Kuhmist in die Beete eingeschichtet, so wie es die Landwirt:innen tun», erklärte er. «Für die Kartoffeln, die ich hier anbaue, ist Kuhmist das Beste Mittel», sagte er weiter. Mit den Bohnen habe der Schrebergärtner dieses Jahr jedoch weniger Glück gehabt: «Die erste Saat keimte nicht, weil es zu kalt war. Die zweite erfror nach dem Auskeimen und die dritte wurde verhagelt.»

Letztendlich haben sowohl der trendige Balkon- oder Innenhofgarten als auch der klassische Nutz- und Schrebergarten ihre Existenzberechtigung. Beide Arten des Gärtnerns helfen den Menschen zu lernen, wie viel Arbeit und Ressourcen nötig sind, um Lebensmittel zu produzieren.

Dies öffnet einen neuen Blickwinkel, was den Wert des Essens betrifft: Selbst angebaute Tomaten, die wir mit Hingabe und trotz des schlechten Sommers zur Reife brachten, werfen wir wohl kaum einfach in den Müll. Wer denkt, dass die eine Methode des städtischen Gärtnerns besser sei als die andere, verwechselt die ganze Sache wohl mit einem Wettbewerb.

Diejenigen, die Freude an der Gartenarbeit haben und dabei etwas über nachhaltige Ernährung lernen, haben schon alles richtig gemacht. Egal ob dies nun dank eines Schrebergartens oder eines Hochbeets auf dem Balkon geschieht.

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