Warum sind Asylsuchende im Idaplatzquartier nicht (mehr) willkommen?

Die Beratungsstelle für Asylsuchende muss die Bertastrasse verlassen. Das ist ist fies vom Quartier.
29. Mai 2017

Nach 31 Jahren muss die Beratungsstelle für Asylsuchende von der Bertastrasse 8 wegziehen. Der Grund, warum Caritas und Heks ihre Dienste nicht mehr zwischen Lochergut und Idaplatz anbieten dürfen, sei der «übermässige Personenverkehr», wie das Quartiernetz 3 schreibt. Die Treuhandfirma Altrega, welche die Liegenschaft verwaltet, äussert sich nicht zu der Kündigung. Die Beratungsstelle für Asylsuchende wurde aus dem Kreis 3 weg-gentrifiziert und haust neu in Altstetten. Das Idaplatz-Lochergut-Quartier befindet sich seit Jahren in einem rasanten Umbruch. Früher war der Platz noch von Randständigen bevölkert, heute schlürfen hunderte Menschen ihren Aperol-Spritz auf dem schönen Kies. Die Mieten rund um den Idaplatz sind in astronomische Höhen geschossen, für eine 2-Zimmerwohnung wird schon mal 3500 Franken hingeblättert. Auch weiter vorne beim Lochergut geht es in die gleiche Richtung: Das alte Kaffee ist weg, hippe junge Menschen schlürfen ihren Cappuccino neu im Logu. Direkt vis a vis wich der gelbe Sexshop dem Highquality-Fastfood Lokal namens Lilys, welches dem Vernehmen nach jeden Monat 15’000 Franken für die Miete bezahlt. Diese Geschäfte sind nicht die Ursache der Gentrifizierung im Quartier, sie sind das Symptom. Genau wie die Vertreibung der Beratungsstelle für Asylsuchende ein Symptom ist. Mit der Veränderung im Quartier kommen (zum Teil) auch neue soziale Gruppen mit neuen Bedürfnissen und Vorlieben. Dies an sich muss noch kein Problem sein.

Denn: Ja, wir Menschen haben ein Recht auf unsere Bubble. Und Menschen zu zwingen, sich mit anderen sozialen Gruppen zu mischen, bringt nichts. Es müssen nicht alle mit allen in Kontakt stehen, doch die Ausgrenzung von irgendwelchen Gruppen (in diesem Fall eine Gruppe, die sich selber nicht wehren kann) ist für das städtische Zusammenleben extrem kontraproduktiv. Inklusion, so verstehe ich diesen begriff zumindest, heisst, dass alle Gruppen mit ihren Eigenarten vollwertige Teile der Gesellschaft sind. Es ist eben nicht nötig, Röschti zu essen und Schweizerdeutsch zu sprechen, um dazu zugehören. Mit dem Rauswurf der Beratungsstelle wurde aber einem Teil unserer Gesellschaft gezeigt, dass er hier in diesem aufstrebenden Quartier keinen Platz hat. Wenn sich nun Anwohner*innen der Bertastrasse 8 über jährlich 2295 Asylsuchende stören (= gut 6 pro Tag), aber nicht über die gut 1000 Personen, welche jeden Tag die Gelateria am Brupbacherplatz bestürmen, dann ist das nur noch fies und das Quartier hat ein Problem.

Für «übermässigen Personenverkehr» sorgen nicht die Geflüchteten, sondern das Volk der Geniesser*innen indem sie am Brupbacherplatz Glacé schlecken, auf dem Idaplatz Boule spielen, im Logu am Prosecco nippen, nächtelang lachen und sich vergnügen (dagegen ist absolut nichts einzuwenden!). Es hätte Platz für alle.

P.S. Ja, ich selber spiele auch Boule, trinke Prosecco, esse das Pad Thai am liebsten vom Lilys – doch ich habe nichts gegen Asylsuchende in meinem Quartier (wie gegen fast niemanden). Im Gegenteil: Die Tsüri-Redaktion ist im gleichen Haus wie die ASZ (Autonome Schule Zürich) untergebracht, was ich sehr schätze.

Titelbild: Screenshot/Instagram

Hast du das Tsüri-Mail schon abonniert?

Welche Rubriken interessieren dich?

Kommentare

Willst du mitreden?

Wir kämpfen zusammen für mehr Diversität, Nachhaltigkeit, Gleichstellung und ein Zürich für alle. Als Tsüri-Member bestimmst du mit, worüber wir berichten und bist Teil von verschiedenen Formaten, die unsere Stadt bewegen.

Tsüri-Member werden
Einloggen und zurück zum Artikel
Weiterlesen