Warum sich die Alternative Liste gegen das Asylzentrum in Züri-West wehrt

Neues Asylzentrum in Züri-West
01. Juni 2015
  • Der Bund, der Kanton und die Stadt wollen auf dem Duttweiler-Areal in Züri-West ein neues Asylzentrum bauen.
  • Gemäss früheren Plänen sollten 500 Flüchtlinge untergebracht werden. Jetzt sind es noch 360.
  • Im Gemeinderat bildet sich eine unheilige Allianz gegen das neue Zentrum: SVP, Teile der FDP und die AL. Das letzte Wort hat das Volk.
Warum die AL gegen das neue Zentrum ist, liest du hier im Interview mit Gemeinderätin Ezgi Akyol.

Auf dem Duttweiler-Areal im Kreis 5 sollen 360 Asylsuchende in einem Zentrum untergebracht werden. Was ist das Problem? Ezgi Akyol: Das Problem ist, dass solche Grosszentren unglaublich viel Zündstoff bergen. Die Menschenrechtsorganisation augenauf hat es als «Dichtestress» bezeichnet. Es ist bekannt, dass die Situation im Testzentrum Juch, wo etwa 300 Leute untergebracht sind, für alle Beteiligten nicht einfach ist. Vor allem Frauen und Minderjährige leiden unter den Zuständen. Es ist aber auch bekannt, dass beispielsweise die Fluktuation bei den Mitarbeitenden im Juch sehr hoch ist, dass die Rechtsvertreterinnen am Limit arbeiten – es gab offenbar viele Kündigungen und Erkrankungen.

Sie fordern eine dezentrale Unterbringung der Asylsuchenden. Warum ist das besser? Der Vorteil ist, dass die Asylsuchenden nicht so zusammengepfercht sind. Wir dürfen nicht vergessen, dass die allermeisten Flüchtlinge traumatisiert sind und ich glaube nicht, dass es förderlich ist, wenn diese Menschen in solchen Grosszentren untergebracht werden. Im Testzentrum Juch haben wir gesehen, dass dies so nicht funktioniert - weder für die Flüchtlinge, noch für die Mitarbeitenden. Ausserdem bin ich der Meinung, dass Familien und unbegleitete Minderjährige in Wohnungen untergebracht werden müssen.

Die Bürgerlichen sind gegen ein Asylzentrum in der Stadt: Sie wollen nicht, dass die Flüchtlinge in einem aufstrebenden Quartier untergebracht werden. Auch Sie wehren sich gegen das Zentrum. Finden Sie es nicht toll, dass der Kreis 5 als Standort ausgesucht wurde?
Natürlich bin ich der Meinung, dass es wichtig ist Flüchtlinge inmitten unserer Gesellschaft unterzubringen.
Die SVP fordert ja, dass Zentren in menschenleeren Gegenden errichtet werden. Durch ein dauerhaft kontrolliertes, umzäuntes Zentrum grenzt man die Menschen mitten in der Stadt aus. Eine ständige Kontrolle der Asylsuchenden ist nicht nötig und mit einem shuttle (wie es ihn schon heute im Juch gibt) könnte man auch bei einer dezentralen Unterbringung gewährleisten, dass die Asylsuchenden rechtzeitig bei ihren Terminen erscheinen können.

Sie kritisieren die Kasernierung von Asylsuchenden. Was soll das bedeuten? Damit kritisiere ich die Idee eines Grosszentrums, weil man sich offenbar einen besseren «Überblick» verschaffen möchte und die Flüchtlinge besser kontrollieren kann. Ich bin aber auch gegen die Kontrollen der sip am Eingang und gegen den Zaun um das Gebäude.

Das Provisorium soll 25 Jahre stehen und 20 Millionen Franken kosten. Unsinnig und teuer? Genau. Das Bundesverfahrenszentrum kann (wegen dem Milchbucktunnel) höchsten 25 Jahre lang auf dem Duttweiler Areal sein. Mit einer flexibleren Lösung könnte man auch viel besser auf eine Veränderung der Situation reagieren. Die beschränkten Mittel sollen lieber für die Flüchtlinge eingesetzt werden.

Was schlagen Sie konkret vor? Ich verstehe nicht, warum man nicht auf die schon bestehende Infrastruktur der AOZ zurück gereift. Sinnvoller wäre es, die Flüchtlinge in den Standorten Leutschenbach, Wydäckerring und Juch unterzubringen, wobei die Belegzahl pro Standort etwa bei 100 liegen sollte. Ich fordere, dass es keine Kontrollen durch die sip gibt, dass die Kinder in den umliegenden Schulhäusern die Integrationsklassen besuchen können, dass mehr Beschäftigungsmöglichkeiten ausserhalb der Zentren realisiert werden und abschliessend, dass Familien und unbegleitete Minderjährige in Wohnungen separat untergebracht werden.

Das Duttweiler-Areal eigne sich gut für gemeinnützigen Wohnungsbau. Ist das nicht nur eine Ausrede der Bürgerlichen, damit die Linken auch gegen das Asylzentrum sind? Ich denke auch, dass das eine Ausrede ist. Die Bürgerlichen forderten ja sogar einen Begegnungsort für die Bevölkerung auf dem Duttweiler-Areal anstelle des Zentrums. Auch dies ist meiner Meinung nach nur ein Vorwand. Wann haben sich die Bürgerlichen sonst für gemeinnützigen Wohnungsbau oder Gemeinschaftszentren stark gemacht?
Übrigens unterstütze ich die Forderung nach einem Begegnungsort in Züri West. Ein solcher Ort ist mehr als nötig – das ist aber wieder eine andere Geschichte.
Für das Zentrum sind drei SPler verantwortlich: Simonetta Sommaruga (Bund), Mario Fehr (Kanton) und Raphael Golta (Stadt). Warum kann die Linke nicht geeint dahinter stehen? Die SP und die Grünen unterstützen ja das Vorhaben. Nur wir von der AL kritisieren den Plan. Ich glaube aber auch, dass die Vorgaben für ein Zentrum vor allem vom Bund kommen und auf kantonaler und kommunaler Ebene gar nicht mehr so viel Spielraum bestand. Wenn die Verantwortlichen die Kritik von verschiedenen Organisationen aufgenommen und aus den Erfahrungen aus dem Testzentrum gelernt hätten, wäre es bestimmt möglich gewesen, ein Projekt zu realisieren hinter dem die Linke geeint hätte stehen können. Schliesslich wollen wir alle eine Unterbringung in der Stadt, inmitten der Gesellschaft.

Titelbild: AL
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