Warum ich (m, 28) Feminist bin und gerne Nagellack trage

Weg mit der Unterscheidung nach irgendwas!
17. März 2017

Ich war vier Jahre alt und konnte es einfach nicht verstehen: Meine ältere Schwester durfte einen Rock tragen – und obwohl ich unbedingt auch einen wollte, musste ich Hosen anziehen. Nur weil ich ein Junge war. Ich stürmte weiter, bis mir meine Tante immerhin ein Hosenkleid nähte. Ich gab mich zufrieden, aber unfair war es trotzdem: Mädchen durften Röcke tragen, ich nur einen Kompromiss.

Mein Unverständnis hat bis heute nicht nachgelassen. Ich checke es einfach nicht, warum Frauen dies und Männer jenes tun und lassen sollen. Und halte mich auch nicht sonderlich gut an solche Geschlechterrollen. Nicht aus einem antrainierten Anti-Reflex, sondern einfach, weil mir solche männlichen und weiblichen Zuordnungen oder Stereotypen sehr fremd sind. Aber ja, auch ich bin nicht ganz immun gegen Klischees: Einmal, da wurde ich bei einem Date mit einer roten Rose empfangen, sie hat ein Bier getrunken und ich Prosecco. Sie hat bezahlt und mich bis vor meine Haustüre begleitet. Das hat mich dann schon auch kurz irritiert.

Meistens jedoch sind mir solche scheinbar untypischen Verhaltensweisen egal, sie fallen mir nicht mal wirklich auf und wenn doch, dann freue ich mich darüber. Natürlich werde ich komisch angeschaut, wenn ich mit rotem Nagellack oder Lippenstift rumlaufe. Und es ist schade, dass das natürlich so ist. Es fällt halt auf, ist unerwartet. Doch warum soll ich, nur weil ich ein Mann bin, meine Nägel nicht lackieren dürfen? Ich bin gleich weit wie damals, als ich noch vier Jahre alt war: Ich verstehe es einfach nicht. Und mache es halt trotzdem.

Als Mann kann ich mich zum Beispiel mit Lippenstift schmücken. Es kann sogar als ein Statement für Gleichberechtigung verstanden werden – obwohl es mir nicht darum geht. Eine feministische Frau hingegen hat es schwieriger: Wenn sie sich schminkt, bedient sie womöglich genau das Frauenbild, gegen das sie sich wehren will. So sad.

Der Rock, der Nagellack, der Lippenstift – alles Äusserlichkeiten, klar. Die Geschlechterstereotypen hören da aber noch lange nicht auf: Fussballschauen, Springseilen, Kochen, Nähen, Biertrinken, dreckige Sexwitze reissen. Zudem sind Männer stark, weinen nicht und nehmen die Frauen in den Arm. Frauen hingegen sind sensibel, brauchen Hilfe beim Veloflicken und schauen romantische Serien. Ich schaue zwar auch Fussball, aber bekam weibliche Hilfe beim Veloflicken und schaue die Liebes-Serie alleine fertig.

Darum bin ich Feminist. Weil ich mich nicht wie ein Mann verhalten müssen will. Weil ich die Serie schauen will, die ich mag. Weil ich mein Velo nicht alleine flicken will. Weil ich aus Faszination Messi zuschauen will. Weil ich mich auch in den Arm nehmen lassen will. Weil ich mich mit roten Lippen schön finde.

Wenn die Unterscheidung nach Geschlechtern sogar mich als weissen Mann in Zürich unfrei macht, dann ist es für die allermeisten Menschen noch viel heftiger. Deshalb: Weg mit den sexistischen Strukturen! Weg mit der Unterscheidung nach irgendwas.

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