Warum eine Kuh in der Stadt nach Heu sucht

Heute bettelt eine Kuh am Bürkliplatz um Geld für Futter. Der heisse Sommer führt zu Heumangel im Winter. Deshalb startet die Stiftung «ProTier» heute die Spendenaktion «Geld für Heu».
04. Oktober 2018

Tourist*innen und Banker*innen eilen über den Bürkliplatz. In der Ferne die Alpen, die grünen Hügel, das Land, wo diese Kuh wohl einst gegrast hat. Heute steht Flöckli am Stierbrunnen und bettelt. Hin und wieder nimmt sie einen Schluck und muht. Dann geht sie wieder für Nahrung betteln: «Häsch mer en Stutz? Weisch nur für ein Heuballe!» Es steht ihr ein magerer Winter bevor.

In der Stadt hielten sich die Anzeichen der sommerlichen Dürreperiode in Grenzen. Klar, es war heiss. Klar, hat die Josefwiese schon grüner und gesunder ausgesehen. Klar, war es schon angenehmer, barfuss auf dem Teer zu gehen. Aber mit einem Sprung in die Limmat oder den See hat sich das Thema für die Städter*innen auch schon erledigt. Währenddessen leiden die Weiden und Wiesen.

Hitzesommer – Hungerwinter

Der diesjährige Sommer ist seit Messbeginn vor gut 150 Jahren der Drittheisseste. Und dies hat weitreichende Folgen. Vor allem für Flöckli. Denn der Sommer wäre für die Landwirt*innen eigentlich da, um Futterreserven für den Winter anzulegen. Doch nicht dieses Jahr. Dieses Jahr geht es bereits im Sommer an die Reserve. Die Futterknappheit führt gar dazu, dass die eine oder andere Kuh frühzeitig geschlachtet werden muss.

Mit dem Schwinden der Reserven steigt auch automatisch der Heupreis. «Wir erhielten zahlreiche verzweifelte Anrufe von Menschen, die nicht wissen, wie sie ihre Tiere durch den Winter bringen sollen», sagt Monika Wasenegger, Geschäftsleiterin der Stiftung ProTier. «Ihnen fehlt schlichtweg das Geld, um Heu dazuzukaufen». Besonders betroffen sind Orte wie Lebenshöfe und Tierheime, wo Tiere einfach leben dürfen und nicht gewinnorientiert gehalten werden.

Flöckli ist der Star der Spendenaktion heute auf dem Bürkliplatz

Die Reserven schwinden schnell

So zum Beispiel der Hof Narr in Egg auf dem Pfannenstiel. Hier leben vorwiegend «gerettete» Tiere, ohne dabei ausgebeutet zu werden, das heisst, sie werden weder gemästet, gemolken, noch geschlachtet. Im Zentrum steht – neben dem Erlebnis der Tiere für Schulen und Interessierte – vor allem die biologische Gemüse- und Obstproduktion. Trotzdem müssen all diese Tiere gefüttert werden.

«Dieses Jahr hat es fast kein Heu gegeben», sagt Hofbetreiberin Sarah Heiligtag. «Dazu konnten die Tiere nicht lange genug auf der Weide gehalten werden, weil das Gras verdorrt war». Zwar habe man noch Reste aus dem Vorjahr, aber voraussichtlich im Februar sei kein Futter mehr vorhanden. «Wir sind jedoch gut vernetzt unter den Hofbetreiber*innen und können uns gegenseitig aushelfen», sagt Heiligtag. Auch die Spendenaktion von ProTier könne da vielleicht helfen.

Weniger Tierprodukte – weniger Futter

«Wir müssen so oder so umdenken», sagt Heiligtag. «Der Klimawandel ist die Folge unseres Handelns und dieser Sommer war ein gutes Beispiel für den Anfang dieser Folgen». Und so könne die Landwirtschaft langfristig nicht mehr funktionieren. In Heiligtags Umfeld gedächten verschiedene Leute, den Betrieb einzustellen.

Doch die Tiere zum Schlachthof zu führen, um die Herde zu dezimieren, das kommt für den Hof Narr nicht infrage. «Nur weil man gerade kein Geld fürs Hundefutter hat, wird der Hund ja nicht gleich eingeschläfert», sagt Heiligtag. «Wir haben genug für die Ernährung aller, aber nicht genug, um die Gier aller zu stillen. Um ein würdiges Leben zu haben, braucht ein Tier ein gewisses Quantum an Futter. Tiere, die gemästet werden, brauchen viel mehr, jene die gemolken werden noch mehr». Ohne den Fokus auf Tierprodukte wie Fleisch oder Milch brauche die Landwirtschaft ein Vielfaches weniger an Futter und das Problem wäre gelöst.

Für Flöckli könnte es einen harten Winter geben.

Flöckli will Geld für Heu

Für viele andere Höfe ist die Futterknappheit jedoch Tatsache. Laut ProTier fehlen je nach Region zwischen 25 und 30 Prozent Ernte. Deshalb startet die Stiftung jetzt die Spendenaktion «Geld für Heu». Für 10 Franken kann man eine Kuh für einen Tag füttern, für 50 knapp eine Woche. «Eine Kuh frisst im Winter pro Tag zwischen 15 und 20 Kilogramm Heu», sagt Wasenegger von ProTier. «Das entspricht monatlichen Kosten von rund 200 Franken pro Kuh».

Deshalb bettelt Flöckli heute auf dem Bürkliplatz, nicht nur für sich, sondern für alle Heu-Verzerrer*innen wie Kühe, Schafe, Ziegen und so weiter. Damit alle den Winter gut überstehen. Dies macht sie geschickterweise nicht unweit des Paradeplatzes. Die haben ja genug Heu.

Alle Bilder: Timothy Endut

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