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Warum die ganze Schweiz Zürich hasst

23. August 2016
Chefredaktor

Präsentiert vom Kino Houdini



Dass wir Zürcher als arrogant gelten, ist uns bewusst. Doch weshalb ist das so? Tsüri-Autor Simon Jacoby geht der Frage nach. Vom Minderwertigkeitskomplex anderer Städte und vom Züri-Hass.

Vor einiger Zeit machte ich eine unangenehme Erfahrung: Ich sass in Bern mit zwei Einheimischen in einem Restaurant. Wir assen Pizza. Plötzlich fingen sie an, sich über Züri und mein Züri-Düütsch lustig zu machen. Nicht so fest, dass ich weinen musste, aber trotzdem. Das war neu für mich. Das hatte ich so noch nie erlebt. Klar kannte ich diese Situationen, aber natürlich von der anderen Seite: Wenn ich mich in Zürich über die Langsamkeit der Berner oder das unverständliche Geschwafel der Walliser lustig machte.

https://www.youtube.com/watch?v=mEwSl1cnwBM

Oder wenn ich leicht die Nase rümpfe, weil jemand aus der Agglo kommt.

Es sei Fakt, so die beiden Berner, dass die ganze Schweiz Zürich hasse (dass wir als arrogant gelten, wissen wir ja schon lange).

Warum ist das so? Warum denkt die ganze Schweiz, die Zürcherinnen und Zürcher seien doof, überheblich und arrogant?

Mein erster Gedanke: Es muss ein Minderwertigkeitskomplex sein. Zürich ist die grösste Stadt der Schweiz. Mit dem grössten Flughafen. Mit den meisten Arbeitsplätzen. Mit dem besten Theater, der besten Oper, den meisten Museen und Galerien. Mit der höchsten Clubdichte, den meisten Stadtopenairs, den tollsten Konzerten. Mit den meisten Fussballclubs. Mit dem schönsten See – ääh, lassen wir das. Mit der dümmsten Pendlerzeitung. Mit dem besten Fernsehen.

https://www.youtube.com/watch?v=CKzec_O0BI4

Alle wichtigen Medien haben ihren Sitz in Zürich, wodurch die nationale Berichterstattung gefärbt wird. Und wenn es in der Schweiz überhaupt eine Metropole mit internationalem Flair gibt, dann ist es Zürich. Das wird niemand bestreiten. Klar, dass da die Innerschweizer, Ostschweizer und Welschen neidisch werden.

Wer in Zürich lebt, hat keinen Grund, seine Stadt zu verlassen. Das ist ein verdammt wichtiger Unterschied zu allen anderen Ortschaften in der Schweiz. Für die beiden Berner vom Anfang der Geschichte ist es ganz normal, in Zürich an eine Party, an ein Konzert oder in eine Ausstellung zu gehen. Sie haben zwar auch tolle Orte in ihrer Stadt, aber das Angebot ist halt nicht erschöpfend. Ich hingegen kann mich ernsthaft nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal die Limmatstadt verlassen habe, weil ich ein Bedürfnis hier nicht befriedigen konnte. Für jedes gute Angebot in einer anderen Stadt, hat Zürich mindestens eine vergleichbare Alternative bereit.

Beispiele gefällig? Ok go: Baskers? Theaterspektakel. Filmfestival in Locarno? Zürcher Film Festival & Kino am See & Filmfluss. Zentrum Paul Klee? Kunsthaus. Konzert im Stade de Suisse? Letzigrund & Hallenstadion. Morgestraich? Street Parade. Fasnacht? Knabenverschiessen. Mike Shiva? Roger Köppel. Bundesratswahlen in Bern? Stromausfall in Zürich. Krawalle vor der Reitschule? Reclaim the Streets. Polizeigewalt in Bern? Gummischrot gegen Neunjährige. Baden im Glück? Casino an der Sihl.

Mehr fällt mir leider nicht ein. Denn ich habe keine Ahnung, was sonst in den anderen Städten abgeht. Ganz zu schweigen von der ganzen Alternativkultur und der schieren Masse an Grafikern, die unsere Stadt ganz nach vorne bringen werden.

Kein Wunder, haben die Berner und Basler das Gefühl, wir Zürcherinnen seien ignorant, weil wir sie in ihrer Stadt nie besuchen kommen und keine Ahnung haben, was ihr Highlight des Jahres ist. Das hat nichts mit Ignoranz oder Arroganz zu tun. Viel mehr ist es eine Bequemlichkeit. Ausgelöst durch das imposante Überangebot in Zürich. Kein Wunder, dass sich da ein gewisser Minderwertigkeitskomplex entwickelt und sich dieser in blanke Abneigung wandelt.




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Für Zürcher ist es fast schon ein Kompliment, von den anderen als gemeinsames Feindbild wahrgenommen zu werden. Denn dies zeigt vor allem eines: Wir Zürcher sind anders, wir sind speziell. Wir haben das Gefühl, wir sind zu gut für die Schweiz. Zu international. Zu grossstädtisch. Immer ein paar Schritte voraus. Eher wie Berlin als wie Chur. Alles andere ist so schaurig provinziell. Jeder Ostschweizer in der Stadt muss sich dauernd Witze über seinen Dialekt anhören. Das ist nicht böse gemeint, sondern lustig – ist aber trotzdem fies. Neu-Zürcher haben sowieso keinen einfachen Stand, die Agglo hat ein verschissenes Image. Es gibt sogar ein Raplied, in dem es heisst: Figg di, Zuezogne! Wir sind offen selbstbewusst, und dadurch unschweizerisch. Und genau dies erzeugt eine erneute Ablehnung, welche wiederum Einzigartigkeit kreiert. Wir Zürcher leben in unserem eigenen, fast geschlossenen System, in dem sich vieles auf sich selber bezieht, und sich immer wieder reproduziert. So entsteht eine eigene Kultur, ein eigenes Selbstverständnis – Lokalpatriotismus und der Wunsch, nach einem Stadtstaat Zürich.

Wir Zürcher sind nicht arrogant, weil wir was gegen andere haben. Im Gegenteil. Wir gelten als arrogant, weil wir die bessere Heimat haben. Und alle anderen wissen es. Und beneiden uns dafür.




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