Tsüri-Fäscht 🕺🏽💃🏽

Warum Berlin besser als der «Chreisvierfünf-Inzuchtverein» ist

Züri vs. Berlin
06. September 2016


Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit einem Schweizer Rapper über den von ihm so genannten «Chreisvierfünf-Inzuchtverein», an dem er, wie die Bezeichnung schon suggeriert, kein gutes Haar liess. «Und früher oder später fällt denen dann die Decke auf den Kopf und dann ziehen sie nach Berlin, weil sie sich nochmal ordentlich die Fresse verbrennen wollen und dort nochmal alles zehnmal heisser serviert wird.» Ich wackelte stumm mit dem Kopf und behielt für mich, dass ich vor ein paar Monaten ebendahin ausgewandert war. Nicht unbedingt, weil mir zwischen Lochergut und Letten langweilig geworden war, sondern... ja, wieso eigentlich? Nachdem ich bereits alle Jahreszeiten im nordöstlichen Sehnsuchtsort der Kreativen, Verrückten aller Façon und sonstigen möchtegern Querdenkern wohnlich durchgestanden habe, ist es Zeit für ein erstes Fazit. Wieso ist es in Berlin soviel besser als in Züri?

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an. Züri ist teuer, viel zu teuer. Verarschung. Grosses Bier acht Franken? Zweieinhalbzimmerwohnung mit Rohren, die pfeifen? Kriegst im Haus, wo du auch schlafen willst, ohne Kontakte nicht unter zweitausend Stutz. Gentrifizierung? Aber hallo. Film im Kino ein rotes Nötli, Wurst mit Senf zwei Schnägg.
Züri brennt dir mit dem Gasfeuerzeug frontal ein Loch in den Sack. Kannst nicht mal «Prost» lallen, bist schon pleite.
Dahingegen: Rundumdieuhr-Döner für drei Euro, halben Liter Sternburg im Glas kriegst im richtigen Späti für sechzig Cent. Kunst, Kultur und Kneipen für den schmalen Taler allenthalben. Mag sein, dass auch Zürich Menschen mit schmalem Budget eine kleine Weile lang toleriert, jedoch sinkt die Akzeptanzkurve für Lebenskünstler jenseits der Dreissig ganz rapide. In Berlin wird nicht für die Arbeit gelebt, sondern der Zaster eher erduldend, zähneknirschend eingefahren, um ihn dann in den Ablenkungsmöglichkeiten deiner Wahl wieder auflösen zu lassen. Vor allem anderen ist Berlin Stadt der Musse – zuviel davon ein Oxymoron. Zu den Sätzen, die man hier eher weniger hört, gehört auch «mach mal was Rechtes mit deinem Leben.» Das kann für Menschen, die ohne wirkliches Ziel hierher kommen, auch schnell zum Problem werden. Schnell ist man in irgendwelche destruktiven Szenen eingesaugt und sieht winters gar kein Blau am Himmel mehr.

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Auch wenn sich das alles so schrecklich klischiert und überhaupt nicht originell anhört, es scheint irgendwie Fakt zu sein. In Berlin ist man nie so wirklich nüchtern, und sei es bloss von einer in der U-Bahn vorbei wehenden Bierfahne, deren Ausatmer man sich schon bald mal getraut zu fragen «Na, noch wach oder schon wach?». Morgens halb zehn ne Flasche Bier köpfen und sich gepflegt in den Öffis einen antrinken? Warum denn auch nicht?! Und wird man dabei schräg angeschaut, übernimmt irgendwann die schnell antrainierte Berliner Schnauze (die Auswärtige wohl eher Unhöflichkeit nennen, oder bestenfalls noch Direktheit) und blafft den Sittenwächtern bestimmt eine zurück. Kinderwägen mit Doppelbierhalter werden lässig über die breiten Strassen geschlingert, mit dem Stammbettler übers Wetter gelabert, während am Flohmarkt gegenüber um orangene Designerstühle aus deutsch-demokratischen Zeiten gefeilscht wird. Niemals wirklich höflich, aber immer mit einem Grundpegel Respekt vor dem Anderen.

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Obwohl sich Zürich selbst als Metropole sieht, als Weltstadt in klein, als Vorbild für zukunftsgerichtetes Schmelztiegelleben im einundzwanzigsten Jahrhundert, fühle ich mich bei jedem Besuch der Heimat mehr in Watte eingepackt und ge-babypudert.
Hinter jeder Hausecke regelt eine Verordnung den Lärm herunter, marschieren die Polizistenpärchen cool hinter Sonnenbrillen lapidaren Ordnungswidrigkeiten hinterher.
Bevorzugte Tagesordnung: Freiräume im Keim ersticken. Kein Wunder, schlägt sich das irgendwann in einer Resignation selbst der revolutionärsten, junggebliebensten Zürcher nieder. Meistens drehen mikroskopisch kleine Subgruppen ihr Ding, sich paranoid schützend vor den Einblicken von Neidern, Neugierigen und Bünzlis, bis auch die beste Idee dank Familiengründung oder schlichter Resignation geräuschlos implodiert.

Demgegenüber hat man selbst heutzutage in Berlin das Gefühl, ständig an etwas teilzuhaben, und sei es nur eine diffuse Welle, auf der man wacklig surft. Illustre Startups, idiosynkratische kleine Lädelchen voller Ramsch und Selbstgefertigtem, schmutzige Kanäle, Graffitis und Hundescheisse im Kiez, riesige Parks mit abgewetztem Rasen, niemals endende Parties hinter verschmierten Holzzäunen und die vielleicht höflichsten Randgruppenmitglieder südlich der Ostsee vermengen sich zu dem geordneten Chaos namens Berlin, inklusive ganz eigenen Regeln und Klima. Wer hierhin zieht, tut dies mit der festen Absicht, auch ein Ameisi im pumpenden Haufen zu werden. Wer nicht hier lebt, den Natur- und Sozialgewalten ausgeliefert, der wird als schnöde Arroganz missverstehen, dass es sich gut anfühlen kann, die sogenannte «Berlin-Frage» mit Ja zu beantworten.

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Klar, auch hier ist die Gentrifizierungsbeschleunigung unaufhaltsam, der Prenzlberg mittlerweile bevölkert von proto-spiessigen Bionade-Eltern Anfang Dreissig, Friedrichshain sowieso schon komplett durch. Aber trotzdem atmet die Stadt tagein, nachtaus immer noch dieses unerklärliche Freiheitsgefühl, als wären die Neu- und Alt-Berliner auch nach siebenundzwanzig Jahren immer noch angetrunken von den gesellschaftlichen Vorwärtssprüngen, die der Mauerfall scheinbar gezündet hat. Gefeiert werden kann jedenfalls immer noch ohne Pause von Donnerstag bis Montag Abend, und sollte die abstruse Business-Idee, oder das voll alternative Studium, für die man sich die letzten zwei Jahre hundert Stunden die Woche den Arsch aufgerissen hat, glorios an die Wand schellen, so gibt’s kein Mitleid oder «Ich hab’s dir ja gesagt»-Gelehre: Man packt sich am Nacken, hebt sich über die Oberbaumbrücke und atmet die zerstückelte Skyline ein, die des Nachts die Volkssportler bei ihrem Rastlosen Sehnen milchig anblinzelt. Und selbst wenn das ständige Dehnen, Schnuppern und Sehnen nach Utopie nur die Steilvorlage für Alteingessesene ist, das «Früher war alles besser/freier/geiler»-Mantra auf einer eilends aufgestellten Eckbank zum tausendsten Mal ins Flaschenbier zu murmeln: Das Liberal-Soziale «Alles soll für alle gehen», in dem sich alle einigermassen klardenkenden Urbanistas irgendwie verorten wollen, hat sein europäisches Hauptquartier genau hier, irgendwo zwischen Spree und Mauerpark.

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PS: In diesem Artikel wurde ein weiterer wichtiger Aspekt, der das Leben in Berlin täglich prägt, sträflich ausgelassen, und zwar ihre Geschichte. Klar, jede Stadt hat ihre eigene, besondere Geschichte, aber die Frequenz, in der Berlin in den letzten hundert Jahren verschiedenste Epochen durchgemacht hat, brennt einem wie Benzin in der Nase. Plaketten zu Andenken «von Faschisten Ermordeter» an den Gebäuden, die an den meisten Orten immer noch in den Boden eingelassene Grenzlinie zwischen Ost und West, aber auch die fortdauernden Scharmützel zwischen Hausbesetzern und Polizisten sind Ausdruck eines Kampfes gegen das Vergessen der eigenen Historie. Und das beeindruckt mich ehemaligen Kaffbewohner doch immer wieder aufs Neue, egal, wie sehr ich mir schon eine abgeklärte Berliner Haut anzulegen versucht habe.




Städtereihe:

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