Warum an der Frauendemo keine Männer mitlaufen dürfen

Weltfrauentag
11. März 2016
Grosse Teile der Gesellschaft nehmen die feministischen Aktivistinnen als eine homogene Gruppe wahr, die gemeinsam anlässlich des Frauentages auf die Strasse geht. Doch so einfach ist das nicht. Die Frage, warum bei der Frauendemo keine Männer mitmarschieren dürfen, spaltet die Frauenbewegung. Und sie zeigt, wie differenziert und heissblütig die Meinungen auseinander gehen.

Auf der einen Seite stehen die Feministinnen, die sich vehement dafür einsetzen, dass sich auch Männer an der Demonstration für die Frauenrechte stark machen dürfen. Eine junge Aktivistin habe sich wegen dieser Frage vor Jahren mit einem lauten Streit verabschiedet und meide seither den Umzug. Sie findet es «beschissen», dass Männer nicht geduldet sind.

Auch die SP-Gemeinderätin Linda Bär findet es «vollkommen daneben», dass Männer vom Umzug ausgeschlossen werden. «Die Überwindung der heteronormativen, patriarchalen Gesellschaft» könne nur ein Kampf von allen emanzipierten Menschen zusammen sein, so die Politikerin.

«Vor ein paar Jahren waren, soweit ich mich erinnern kann, auch mal Männer beim Umzug willkommen. Ich fand das damals sehr schön», lässt Ezgi Akyol, die AL-Gemeinderätin ausrichten. Vielleicht sei es aber auch richtig, dass es einen Tag im Jahr gebe, «den sich die Frauen nehmen, um über ihre Bedürfnisse zu sprechen und sie die Rahmenbedingungen selber bestimmen können».

Eine, die zwar ebenfalls Räume exklusiv für Frauen fordert, die Demonstration aber gerne auch für Männer öffnen würde, ist die Journalistin und feministische Bloggerin Anne-Sophie Keller. Feminismus müsse integrativ sein, doch es gäbe durchaus Beispiel, wo Männer ausgeschlossen werden sollen. Als Beispiel nennt Keller die Organisation des Frauenraums der Berner Reitschule: «Weil es dort drum geht, zu zeigen, dass man es ohne Männer machen kann. Es geht um Empowerment.»

Etwas dezidierter tönt es von einer feministischen Aktivistin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Männer, die sich für Frauenrechte einsetzen wollen, können dies bei der Demonstration durch ihr solidarisches Fernbleiben tun: «Wenn eine Demo für zwei Stunden nur Frauen gehört, sollten sich Männer über den temporären Ausschluss nicht so aufregen.» Während diesen zwei Stunden solle keine Frau von einem Mann übertönt werden. Es gehe auch um den «öffentlichen Raum, den sich die Frauen zu diesem Zeitpunkt erobern, ohne dass Männer was damit zu tun haben.»

Der einzige Mann, der in diesem Text zu Wort kommt, ist Nat Bächtold, Sprecher der Präsidialdepartementes und damit auch zuständig für Auskünfte das Gleichstellungsbüro betreffend. Ob Männer bei der Demonstration mitlaufen dürfen, ist für ihn eine rechtliche Angelegenheit: «Bei Demonstrationen ist die Bewilligungsinhaberin oder der Bewilligungsinhaber frei, zu bestimmen, in welcher Form und mit welchen Teilnehmerinnen und Teilnehmern sie bzw. er die Demonstration durchführt. Die Stadt Zürich darf auf die Art der Meinungsäusserung grundsätzlich keinen Einfluss nehmen und masst sich kein Urteil an, ob die Form einer Demonstration dem vertretenen Anliegen dienlich ist.»

Das Bündnis, welches den Umzug vom kommenden Samstag organisiert, wollte gegenüber Tsüri.ch keine Auskünfte erteilen.

Die allermeisten Befragten haben eine klare Meinung über den temporären Männerausschluss. Doch die meisten haben durchaus Verständnis für Andersdenkende. Ein Wort, das bei der Recherche häufig fällt, ist «ambivalent». Es scheint, als seien sich die Feministinnen nicht ganz einig, wie sie ihr gemeinsames Ziel erkämpfen sollen.


Bild von Miklos Klaus Rozsa; Frauendemonstration von 1974, als die Männer noch willkommen waren

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