Wann dürfen wir Burger aus Insekten essen? Bald, sagt der Bundesrat

Insekten Teil 2
25. Februar 2015
In der Schweiz dürfen Insekten zwar gegessen, aber nicht zum Verzehr verkauft werden. Dies ist merkwürdig. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die UNO in einem Bericht aus dem Jahr 2013 ihre Mitglieder ausdrücklich zur «Aufzucht» und zum «Verzehr» von Insekten auffordert. Belgien hat die Gesetze schon angepasst, auch die restliche EU hat die Hürden aus dem Weg geräumt.

Wer in der Schweiz heute Insekten zum Essen verteilen will, braucht dafür eine Sonderbewilligung vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit. Eine solche holte sich die Firma essento, die sich für den Verzehr von Insekten einsetzt und veranstaltete vor einem Jahr im Bundeshaus einen Apéro mit Politikern. Das Ziel: Die Legalisierung von essbaren Insekten.

Warum hinkt die Schweiz einmal mehr einer internationalen und sinnvollen Entwicklung hinterher? Obwohl es gemäss UNO bis heute keinen einzigen bekannten Fall einer Krankheitsübertragung durch das Essen von Insekten gibt, warnt der Bundesrat genau davor. Als die grünliberale Nationalrätin Isabelle Chevalley das Verbot stürzen wollte, sagte die Regierung:  Es dürfen «nur Lebensmittel in Verkehr gebracht werden, die sicher sind, also zum Konsum geeignet und nicht gesundheitsschädlich sind.»

Bundesrat lenkt ein Es ist also Vorsicht, die verhindert, dass wir im Coop und in der Migros Mehlwurm-Burger kaufen können. Wie lange es geht, bis das Verbot abgeschafft wird, ist noch nicht ganz klar. Aber auch beim Bundesrat hat offenbar ein Umdenken stattgefunden. Nationalrätin Chevalley tönt an, dass es bald einen Schritt weiter gehen könnte. Im Entwurf des überarbeiteten Lebensmittelgesetzes, welches im ersten Quartal 2015 präsentiert werden soll, könne der Verkauf von Insekten zugelassen werden. Regula Kennel, Sprecherin vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit, bestätigt zwar, dass der Bundesrat im neuen Lebensmittelgesetz ausdrücklich einige wenige Insekten zum Verkauf und Verzehr vorschlagen wird. «Die gesundheitlichen Bedenken bestehen immer noch. Darum schlägt der Bundesrat nur sehr wenige Insekten zum Verzehr vor», so Regula Kennel. Bis es soweit ist, dauert es aber noch ein Weilchen: Nach der Präsentation werden die Vernehmlassung und die Beratungen im Parlament noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Das Lebensmittelgesetz funktioniert in der Schweiz nach folgender Regel: Produkte und Esswaren, die im Gesetz nicht aufgelistet sind, dürfen nicht zum Verzehr verkauft werden. Insofern waren essbare Insekten in der Schweiz bisher nicht verboten, sondern schlicht nicht erlaubt: «Was im Gesetz nicht erwähnt ist, ist nicht erlaubt. Bei den Insekten reagiert der Bundesrat nun auf ein neues Bedürfnis», teilt Regula Kennel mit.
Insekten sind umwetlfreundlich Schon heute essen über zwei Milliarden Menschen regelmässig Insekten. Und viele Gründe sprechen dafür, dass auch der Rest der Welt bald nachziehen sollte. Weil die Weltbevölkerung weiterhin stark wächst, wird auch das Bedürfnis nach Nahrung weiter zunehmen. Wenn wir es heute schon nicht schaffen, alle Menschen auf dem Planeten zu ernähren, wie sollte es dann in Zukunft gehen? Da führt wahrscheinlich kein Weg an Insekten vorbei.

Ähnlich wie Fleisch sind Insekten sehr reich an Protein. In der Produktion braucht das Fleisch aber deutlich mehr Ressourcen: Mit zehn Kilo Futter können neun Kilo Insekten produziert werden - im Gegensatz zu einem Kilo Rind. Insekten brauchen zudem weniger Wasser als Säugetiere und produzieren zwischen 10 und 100 Mal weniger Treibhausgase als Schweine. Essbare Insekten sind im Vergleich mit Fleisch also deutlich ökologischer und nachhaltiger in der Produktion.

Kein Thema für Coop Angst, dass die Schweizerinnen plötzlich nur noch Insekten essen, hat «Schweizer Fleisch» trotzdem nicht. Sprecher Erich Schlumpf spricht von einer «interessanten Entwicklung», und ist überzeugt, dass der «Grusel-Effekt» Insekten gegenüber wegfalle, wenn sie gut verarbeitet werden - zum Beispiel als Burger. Insekten seien eine gute Ergänzung zum Schweizer Fleisch, aber keinesfalls eine direkte Konkurrenz. Eine Konkurrenz könnte sowieso erst dann entstehen, wenn die Grossverteiler wie Migros und Coop essbare Insekten zum Verkauf anbieten. Doch dies wird dauern. Coop lässt ausrichten, dass dies derzeit kein Thema sei.

Spätestens sobald Mehlwurm-Burger erlaubt sind und die Nachfrage steigt, müssen sich Coop und Migros damit befassen. Dann stellen sich auch erste Fragen nach dem Tierschutz in der Massenproduktion. Heute sind Insekten im Tierschutzgesetz nicht aufgeführt und darum nicht geschützt.

Egal wie bald Insekten in den Schweizer Supermärkten landen, bis sie hierzulande zu den normalen Lebensmitteln gehören, wird es noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Bis es soweit ist, müssen die Produzenten und Verarbeiter von essbaren Insekten noch einige Barrieren überwinden. Die schwierigste wird wohl sein, den Grusel-Effekt aus den Köpfen der Konsumenten zu vertreiben.

Wie eine Zürcher Firma im Keller Insekten züchtet, liest du in diesem Beitrag von Dominik Wolfinger.

Wenn du mehr über essbare Insekten wissen willst, besuchst du am besten den Workshop von Sobremesa: 25.02. um 20:15 Uhr im Bachser Märt.

Titelbild: Instagram
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