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Auf einen Kafi im Parteiseki – Andrea Sprecher (SP)

Die nationalen Wahlen stehen vor der Tür und Politiker*innen buhlen um die Gunst der Wählerschaft. Doch wer sind eigentlich die Personen, die hinter den Kulissen die Fäden spinnen? Wir besuchten vier Parteisekretär*innen in ihrem Büro.
11. Oktober 2019
Praktikantin Redaktion

Der Fischgräten-Parkett knarrt unter meinen Füssen, als mich die SP-Generalsekretärin Andrea Sprecher zu ihrem Arbeitsplatz führt. In den Gängen stapeln sich Wahlplakate und Flyer. Zehn Tage vor den Wahlen mache sich jetzt die Ruhe vor dem Sturm breit, sagt sie: «Im Prinzip gilt es jetzt abzuwarten und zu schauen, was passiert.» Eine Zeit, welche die 44-Jährige als «äusserst spannend» beschreibt.

Traumjob im Hintergrund

Für Sprecher sei das Amt der Parteisekretärin der Sozialdemokratischen Partei von Stadt und Kanton Zürich ein Traumjob. Hier könne sie alle Kompetenzen aus früheren Jobs anwenden: Planen, Organisieren, Unterstützen, Führen. Von 2004 bis 2011 war Sprecher als Kantonsrätin mitten drin, im politischen Geschehen. Doch diese Tätigkeit vermisse sie nicht: «Im Moment stört es mich nicht, im Hintergrund zu agieren. Zumal ich als Parteisekretärin noch immer sehr nahe am politischen Prozess dran bin.»

Dieser Gedanken gebe sie auch ihren Mitarbeitenden weiter. Das Sekretariat solle nicht nur als Admin- oder Dienstleistungsbüro angeschaut werden. Es sei vielmehr Dreh- und Angelpunkt verschiedenster Teilbereiche in der Politik. In Zeiten des Wahlkampfs arbeiten 25 Personen unter der Leitung von Sprecher, die sich vom Einsatz ihres Teams begeistert wie auch beeindruckt zeigt: «Ich bin mir sicher, dass viele, die hier arbeiten, dies auch ohne Lohn machen würden.» Die Politik sei auch für sie selber Beruf und Leidenschaft in einem.

Für einen Diskurs braucht es alle – auch solche, deren Denkweisen ich nicht nachvollziehen kann.
Andrea Sprecher

Solidarisch und konsequent

Die Faszination dafür habe sie von ihrem Grossvater mitbekommen, der sich in der SP engagierte. «In meiner Familie wurde es als selbstverständlich angesehen, den Schwächsten zu helfen», so Sprecher. Dass ihr das nach wie vor ein Anliegen ist zeigt sich, als wir über die Flüchtlingspolitik zu sprechen kommen: «Für mich sind Perspektivenlosigkeit und Armut genauso ein legitimer Grund zur Flucht, wie es politische Verfolgung ist.» Dass sie mit dieser Meinung oft etwas radikaler daherkommt als ihre Parteikolleg*innen, sei ihr durchaus bewusst. Relativierend fügt sie hinzu: «Bei anderen Anliegen bin ich dafür wieder etwas gemässigter.»

Aber so funktioniere Politik. «Für einen Diskurs braucht es alle – auch solche, deren Denkweisen ich nicht nachvollziehen kann», so Sprecher. Dann also auch für einen Herrn Glarner? «Ja, wenn er unbedingt etwas sagen möchte, haben wir auch ein Plätzchen für Herrn Glarner.» Beim Thema Rechtsprechung bleibt die Wahlzürcherin also konsequent. Glücklicherweise lasse das demokratische System aber nicht zu, dass eine Person die Macht an sich reisst. Deshalb wäre sie auch dagegen, dass nur ihre Partei in Bern politisieren würde: «Das grenze dann ja an eine Diktatur.»

Kinder und Karriere

Mit Bern verbindet Sprecher nicht nur die Politik. Aufgewachsen in einem Dorf zwischen Bern und Biel, zog sie 1997 für das Studium der Politikwissenschaften nach Zürich und pendelte anschliessend aufgrund eines Studi-Job zwischen Limmat- und Bundeshauptstadt hin und her. Flying Teachers heisst die Sprachschule, die Sprecher mitgegründet hat. Heute ist das Unternehmen längst kein Startup mehr: Neben Filialen in Zürich und Bern, werden auch in anderen europäischen Ländern erfolgreich Sprachkurse angeboten. Ihre Aufgabe als Geschäftsfrau habe sie dann aber auch gerne wieder abgegeben.

Es bricht mir das Herz, zu sehen, dass der Durchschnittswähler Ü70 und männlich ist.
Andrea Sprecher

Die Fähigkeit, Verantwortung auch mal anderen zu überlassen, kommt Sprecher auch in ihrem jetzigen Beruf als Parteisekretärin gut gelegen: «Delegieren kann ich gut», sagt sie lachend. Das sei auch in ihrem Privatleben wichtig: «Eine fünfköpfige Familie zu managen braucht viel Organisationstalent.» Und manchmal schleiche sich die Frage an, ob sie mit ihrem 80-Prozent-Job auch wirklich eine gute Mutter sei. «Ich bin mit dem alten Rollenbild einer Frau als Mutter, die zuhause bleibt, aufgewachsen. Das prägt einen», gesteht Sprecher. Obwohl auch ihre Mutter einst Teilzeit arbeitete.

Wünschenswerte Entwicklungen

Für die Zukunft wünscht sich die Parteisekretärin neben einer menschlicheren Asylpolitik auch in Thema Gleichstellung eine Besserung: «Ich hoffe, dass sich meine Kinder einmal keine Gedanken mehr um die Frage der Kinderbetreuung und Rollenbilder machen müssen.» Dafür wird sie sich auch weiterhin auf politischer Ebene einsetzen.

So kurz vor den Wahlen erhofft sich Sprecher auch von jungen Menschen, die sich bis anhin kaum mit Politik auseinandergesetzt haben, mehr Einsatz: «Es bricht mir das Herz, zu sehen, dass der Durchschnittswähler Ü70 und männlich ist.» Es würde der Schweizer Politik guttun, wenn mehr junge Politiker*innen im Parlament vertreten wären, so die Ex-Kantonsrätin. Doch dazu brauche es auch eine Wählerschaft, die diese Jungen nach Bern bringt.


Im nächsten Porträt: David Meier (GLP)

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