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VPOD: «Der Applaus von Balkonen ist nett, aber bessere Arbeitsbedingungen sind wichtiger»

Fürs Gesundheitspersonal wird applaudiert, gleichzeitig verwehrt der Bund deren elementaren Gesundheitsschutz. Der VPOD reagiert mit einer Petition für das Spitalpersonal.
26. März 2020
Praktikantin Redaktion

Bis auf die Grundversorgung ist derzeit in der Schweiz vieles pausiert. Durch die beschlossenen Massnahmen gegen COVID-19 geraten systemrelevante Berufe zunehmend in den Vordergrund. Wer sind die Menschen, die in diesen systemrelevanten Berufen arbeiten? Es sind Pflegefachpersonen, Gesundheitspersonal, Detailhandelsangestellte, Reinigungs- und Entsorgungspersonal, Tram-, Zug- und Buschauffeur*innen, Betreuungspersonen. «Viele dieser Berufe erhielten bis anhin nicht ausreichend gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung. Auffällig ist, dass in vielen dieser Berufe zahlreiche Frauen arbeiten», sagt Fiora Pedrina, Gewerkschaftssekretärin beim Schweizerischen Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) Zürich.

Sie sieht die momentane Lage aber auch als Chance: «Meine Hoffnung ist, dass diese Zusammenhänge nach der Pandemie nachhaltig gesehen werden und die nötigen – u.a. politischen – Konsequenzen daraus erfolgen.»

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Pedrina ist beim VPOD zuständig für die Angestellten des Gesundheits- und Sozialdepartements der Stadt Zürich. Momentan bekomme der VPOD vermehrt Anfragen von Nicht-Mitgliedern aus dem Gesundheitsbereich. «Es kommen viele mit Fragen auf uns zu wie: Muss ich arbeiten, auch wenn ich zur Risikogruppe gehöre? Ich muss meine Schutzmaske die ganze Schicht über tragen. Darf der Arbeitgeber das von mir verlangen? Was mache ich, wenn ich Kinder betreuen muss?», sagt Fiora Pedrina.

Bundesrat schützt Personal an vorderster Front nicht

Durch die aktuelle Situation sei die Aufmerksamkeit und die Wertschätzung der Bevölkerung gegenüber dem Gesundheitswesen höher. Der Gewerkschaft ist sich jedoch bewusst, dass ohne parallele politische Arbeit, diese erhöhte Wertschätzung und Aufmerksamkeit nicht ewig anhalten wird.

Der Applaus von den Balkonen aus sei ja schön und nett, so der VPOD. «Bessere Arbeitsbedingungen, welche nicht in Burnouts oder Krankheit führen, sind aber wichtiger. Es ist eine Frechheit, dass das Personal, welches an vorderster Front ist, nicht mehr geschützt ist.» Pedrina spricht die Verordnung des Bundesrats an, welche das Arbeitsgesetz für das Spitalpersonal ausser Kraft setzt.

«In den Spitalabteilungen, die infolge der COVID-19-Erkrankungen eine massive Zunahme der Arbeit erfahren, ist die Geltung der Bestimmungen des Arbeitsgesetzes vom 13. März 1964 betreffend die Arbeits- und Ruhezeiten solange sistiert, wie es die ausserordentliche Lage erfordert», steht in der Verordnung 2 über Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus. Vorschriften für Arbeits- und Ruhezeiten sind während der Corona-Krise für Ärzt*innen und Pflegefachkräfte also aufgehoben.

Die Antwort der Gewerkschaft: Sie fordern in einer Petition für das Spitalpersonal, dass das Personal geschützt wird und eine Gefahrenzulage bekommt. Für die Gewerkschaft ist klar, es kann nicht sein, dass öffentlich für das Gesundheitspersonal applaudiert wird, aber ihm gleichzeitig ein elementarer Gesundheitsschutz verwehrt wird.

Die zunehmende Ökonomisierung muss stoppen, das Gesundheitswesen ist keine Fabrik.
Fiora Pedrina / VPOD

Viele Frauen und eine hohe Ausstiegsquote

In vielen Berufen im Gesundheitssektor arbeiten mehrheitlich Frauen*. Laut dem Bundesamt für Statistik waren im 2019 84 Prozent des Pflegepersonals in Spitälern Frauen. In Alters- und Pflegeheimen sind es fast 86 Prozent. Der VPOD hat konkrete Forderungen an das Gesundheitswesen. «Die zunehmende Ökonomisierung muss stoppen, das Gesundheitswesen ist keine Fabrik. Es wird an Personal gespart, die Pflegenden müssen immer effizienter arbeiten. Viele leiden sehr darunter, dass sie zu wenig Zeit für die Patient*innen haben. Es ist also physisch und psychisch äusserst belastend. Und die Löhne sind tendenziell tief», zählt die Gewerkschaftssekretärin auf und betont, dass der Beruf aufgewertet werden müsse. Zudem seien die Arbeitsbedingungen nicht attraktiv und die Aussteiger*innenquote sei enorm hoch. Viel Druck, Stress und schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie dränge viele Frauen aus dem Beruf. Nach einer Studie des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums liegt die Ausstiegsquote 2016 beim Pflegepersonal bei fast 46 Prozent.

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