Von Mandarinen verfolgt

Es gibt Drogen und es gibt Pilze: Teil 2
21. Januar 2015
 

Und wieder werde ich von der Mandarine in meiner Hand erschreckt. «Hä?!» Ich weiss wirklich nicht, ob sie wieder oder immer noch in meiner Hand ist. «Janu, egal, gehen wir rauchen», sagt Mike. Da ich ja keine Arme habe, helfen mir meine Tripfreunde. Es scheint das Normalste der Welt zu sein, dass mir Joe die Zigarette in den Mund schiebt und Mike sie anzündet. Ich habe elende Mühe zu stehen, weshalb ich mich zusammenkauere und an der Wand anlehne. Die Zigarette zwischen meinen Lippen raucht sich magischerweise von selbst. In meinem Augenwinkel sehe ich Mike an seiner Lunte ziehen. Ich bin mir nicht ganz sicher oder steht oder liegt. Ich mustere ihn. «Hä?», sage ich. «Wie kannst du bloss so stehen?» Er guckt mich verwundert an. «Wie? Was meinst du?» «Es sieht physikalisch unmöglich aus, was du da tust.» Es ist nicht zu erkennen, ob die Wand sich auf seinem Rücken abstützt oder er die Kerze an ihr macht. Ich verstehe es nicht. Doch es ist keineswegs beängstigend – es ist einfach, was es ist.

Die verfluchte Macht der Wörter Zurück in der warmen Stube mit den gelb-, orange- und violettfarbenen Tönen sinke ich an Boden. Die anderen tun es mir gleich. Wieder findet sich die Mandarine in meiner Hand. Ich frage mich schon gar nicht mehr und schüttle plump den Kopf. Wir müssen lachen, als wir sehen, dass die Mandarine uns sein Arschloch zeigt. Der untere Teil von ihr sieht aus – so könnte ich schwören – wie zwei Arschbacken und ein kleines Arschloch. Dann drehe ich mich auf den Rücken – oder ich drehe mich auf den Bauch und klebe mit dem Rücken zum Boden an der Decke – oder ist es der Boden? Ich kann es nicht mehr unterscheiden. «Hä?» Weshalb nennt sich das über uns oben und das unter uns unten? Die Empiristen erwähnen an dieser Stelle die Gravitation. Doch wenn ich den Kopfstand mache, dann zieht mich die Schwerkraft nach oben. Stehe ich dann nicht auf dem Himmel und er ist unter mir? Somit wird oben bloss zu einer anderen Bezeichnung für unten. Auch rechts und links verlieren jeglichen Wert in unserer Welt. Ich sehe meine Füsse der Wand entlang gehen. Es macht mir Spass, doch ich bin verwirrt. Ist alles, was je definiert wurde, bloss Definitionssache?

Ich teile meine Gedanken. Wir alle denken nach. Ich kann nicht mehr verstehen, was uns Wörter überhaupt sagen wollen. Schlussendlich dienen sie ja nur dazu, eine gemeinsame Realität zu konstruieren, ein Medium, um unsere Gedanken auszutauschen. Doch viel zu selten denken Menschen darüber nach, was genau hinter dem Wort steht. Sie gehen den Weg zum Wort, nehmen es, und brauchen es, ohne wirklich dahinter zu blicken. Doch jeder fasst ein Wort ganz anders auf. Ich versuche es, am Wort Beziehung zu erklären.



Sobald sich zwei Menschen zu gestehen in einer Beziehung zu sein, begibt man sich automatisch in eine Erwartungshaltung. Jene Erwartungen werden geformt von den Narrationen, die unser Leben prägten: eigene Erfahrungen, Bücher, im schlimmsten Fall Hollywoodstreifen. Das Wort Beziehung verändert sich für jeden Einzelnen ständig. Bis ein Konstrukt erschaffen ist, dass man als das einzig Wahre sieht. Treffen nun aber zwei Menschen aufeinander, jeder mit der eigenen Erwartungshaltung, wird bloss das Wort Beziehung gedacht. Und so können sich zwei total gegensätzliche Erwartungen entgegen stehen, ohne dass jemals darauf hingewiesen wird. Ich entscheide mich, niemals mehr etwas von jemandem zu erwarten. Entweder geschehe es oder eben auch nicht. Joe erklärt die Macht des Wortes an mir selbst. «Mir ist gerade aufgefallen, dass ich schon lange nicht mehr über dich nachgedacht habe», sagte er. «Dein Name stand für dein Ganzes. Doch ich habe ganz vergessen, dass hinter dem Namen ein sich ständig wandelndes Wesen steht.»

Ich denke auch viel über Konventionen nach. Mike meint dazu: «Es ist wirklich schlimm. Eigentlich wird man schon am morgen früh, während man zur Arbeit geht, tausendmal gefragt, ob man etwas will oder nicht. Ich sehe Kinder: Will ich irgendwann Kinder oder nicht? Ich sehe eine Krawatte: Will ich mein Äusseres verkaufen, um erfolgreich zu sein? Ein Paar küsst sich: Liebe ich noch, will ich überhaupt lieben, bin ich schwul? Tausend Fragen müssen wir uns schon vor dem ersten Kaffee bei der Arbeit beantwortet haben.» Ich kann seine Gedanken sehen. Ich verstehe, was er meint. «Und sowieso», sage ich, «alles, was man unter Konvention versteht, zwingt einen, darüber nachzudenken. Man muss jede mit Ja oder Nein beantworten. Doch wieso kann es nicht einfach sein? Wieso muss man sich diese Fragen überhaupt stellen? Wieso kann man nicht einfach leben, wie man selbst es für richtig hält?»

Verlustängste bezwingen Mir fällt wieder ein, dass ich pissen muss. Ich gebe mir Mühe, nicht abgelenkt zu werden, damit es nicht wieder im Überfluss der Eindrücke untergeht. «Ist es für euch okay, wenn ich kurz aufs Klo gehe?», frage ich besorgt, weil ich das Gleichgewicht nicht zerstören will. Sie gestatten es. «Und seid ihr auch noch hier, wenn ich zurückkomme?» Sie versichern mir, da zu sein. Ich bin froh, so kann ich zuversichtlich den weiten Weg in Angriff nehmen. Ich klebe noch immer an der Decke. Also drehe ich mich auf den Boden. Da oben wie unten noch immer keinen Sinn ergeben, entscheide ich mich zu kriechen. Ich muss wohl wie eine Robbe aussehen, denn ich drücke das Laken noch immer fest an meinen Körper und habe ja keine Arme. Ich kann mich nicht anders als eine Raupe bewegen.

Langsam biege ich in den Gang ein, der mich zum WC bringen wird. Krampfhaft drücke ich meinen Kopf hoch, um die Distanz einzuschätzen. Ich werfe einen Blick zurück zu den anderen, die am Boden liegen und sich ebenso über die Dimensionen des Raums fragen. Es ist also normal, dass sich der Korridor plötzlich in die endlose Länge zieht. Irgendwo am Ende des Weges, in ferner Weite, sehe ich die sehnlichstgebrauchte Holztür zum Klo. «Wieso nur?», schreie ich. Ich bin eben nicht mehr als zwei Meter gekrochen. Ich deute auf den Gang. Die anderen verstehen. Ich bin total entmutigt, aber ich habe ja sonst keine Sorgen. Ich prüfe kurz meine Hand, ob die Mandarine wieder auftauchen würde. Doch diesmal geschieht nichts. Also robbe ich weiter.
«Ich zähle die Dimensionen»
«Finally!», schreie ich, wie ich endlich ankomme. Noch immer am Boden strecke ich meinen Hals empor. Für die Kloschüssel muss ich wie ein Erdmännchen aussehen. Ich betrachte das Objekt eingehend und bin mir nicht sicher, wie das funktionieren soll. Ein grosses, langes Hää! Ich fixiere einen Punkt, um mir über die Situation klar zu werden. Ich zähle die Dimensionen und versuche, was unten sein könnte zu eruieren. Noch immer verunsichert, stehe ich dann endlich auf. Schon folgt das nächste Problem. Ich stehe da, wie eine schwangere Frau ohne Arme, immer noch das Laken fest umschlugen. Wie soll ich bloss meine Hosen runterlassen, ohne die Decke zu verlieren? Ich konnte sie doch nicht einfach aufgeben. Es gäbe nichts Schlimmeres in der Welt. Es war nicht einfach, aber irgendwie schaffe ich es, meine Hände aus meinem Körper zu drücken und sie wieder existent zu machen. Meine Hände fahren sorgfältig zum Hosenknopf. Da die Decke noch immer zwischen meinen Augen und meiner Hose ist, muss ich’s mir in Gedanken vorstellen. Doch ohne ein Gefühl für Dimensionen die Finger zu koordinieren, ist äusserst knifflig. Endlich schaffe ich’s und hoffe bloss noch, dass ich wirklich am Boden und nicht mehr an der Decke klebe, wie ich dem Harndrang nachgebe. Umgekehrt, so bin ich mir sicher, hätte ich mir ins Gesicht gepinkelt. Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn der Hahn angeht. Ich stehe richtig.

bild2

Zufrieden mit meinem gemeisterten Piss-Gang drehe ich mich zum Lavabo und wasche mir die Hände. Das Wasser fühlt sich nicht speziell an. Das verwundert mich leicht. Meine Augen finden mein Gesicht im Spiegel. Ich sehe mich klar – nicht verzogen, rot oder orange, sondern ganz unspektakulär. Ein wenig enttäuscht drehe ich mich zur Tür, hoffend, dass meine Reise nicht ein jähes Ende finden wird. Wie ich die Holztüre öffnen will, sehe ich die Maserung fliessen. Sie plätschert langsam gegen Süden und bin froh, dass mich mein psilocybines Auge noch nicht verlassen hat.

Zurück im Wohnzimmer finde ich die anderen immer noch am Boden liegeng. Die Dimensionsfrage hat sich noch immer nicht geklärt. Aber das ist nicht schlimm. Ich stehe an der Tür zum Balkon und habe wieder meine Arme und Hände vergessen. Ich drehe mich fragend um und erbitte Hilfe. Und plötzlich wird mir klar. So fest ich die Bettdecke auch liebe: Das Laken muss weg! Irgendwann würde sie mich sowieso verlassen oder in der Waschmaschine einen schrecklichen Tod finden. Ich muss die Angst los werden, ohne sie zu sein – je früher, desto besser. Ich küsse sie zärtlich, streiche ihr ein letztes Mal über die roten Punkte und lege sie weg. Mike beobachtet mich und lächelt stolz. «Ich habe gerade meine Verlustangst bezwungen», sage ich. Rauchen im Dunkeln auf dem Balkon. Ich bin glücklich.

Danach setzen Mike und ich uns auf das Sofa. Joe liegt am Boden und zeichnet. Er hatte seinen Notizbock etwa eine Stunde lang gesucht. Ich mache die Augen zu und erblicke grüne Atomverbindungen am Innern meiner Lider. Das Atom lässt sich in alle Richtungen drehen, wie eine Projektion, die ich durch meinen Willen steuern kann. Was ich nicht steuern kann, sind die einzelnen Atome. Immer wieder brechen sie aus dem Molekül aus und gehen andere Wege. Das beeinflusst die Ordnung aller anderer. Jeder reagiert auf das Tun des anderen. Ich öffne wieder die Augen und sehe Mike. «Seh’ mal!», schreie ich. Ich hole aus und schmettere ihm Sauerstoffatome an den Kopf. Er versteht nicht. «Alles hängt zusammen!», schreie ich noch immer. «Wir sind alle verbunden miteinander. Kannst du das nicht sehen?» Er weiss, was ich meine, doch sieht ein anderes Sinnbild. Ich bin mir jetzt ganz sicher, dass ich Teil dieser Welt bin. Mein Tun hat direkten oder indirekten Einfluss auf Alles. Ich fühle mich wohl und gut aufgehoben in diesem Leben. Und ich verstehe jetzt, wie ein Schmetterlingsschlag einen Tornado auslösen kann.

«Seht!», schreit Joe und reisst mich aus meiner Vision. «Ich kann zeichnen.» Mike und ich schauen auf seine Blätter. Dann tauschen wir fragende Blicke aus. Es war ein Strich zu erkennen – nichts weiter. Er riss ein Blatt nach dem andern von seinem Notizblock. Darauf zeichnete sich nichts. Später erzählt mir Joe, wie er in der Fläche seiner Blätter sehen konnte, was auch immer er wollte. Für uns sieht er wie ein Verrückter aus. Doch wir machen wohl keine bessere Figur.
Ich verstehe nicht, wie man nicht verstehen kann
Die nächsten paar Stunden vergehen ähnlich. Ich kämpfe mit meiner Verständnislosigkeit für das Böse. «Ich verstehe nicht, weshalb sie nicht verstehen, dass die Welt eins ist. Wir sind alle miteinander verbunden.» Ich kann’s nicht verstehen. Wir diskutieren viel. Doch für Fremde müssen wir wohl wie Kühe wirken, die sich anmuhen. Sprechen ist schwer. Und den roten Faden eines Satzes durchzuziehen ist fast unmöglich. Ein Staubkörnchen könnte uns aus dem Konzept bringen. Und immer wenn jemand sagt: «Hör mal, ich muss dir zwei Dinge sagen.» Dann weiss man genau: 1. Wenn er Ersteres bis zum Schluss erklären kann, dann ist er ein Übermensch; 2. Wenn er zum Zweiten kommt, muss er wohl Gott sein. Und so vergehen die Stunden – oder die gefühlten Stunden. Joe kommt immer wieder: «Hey Leute! Ich glaube, ich sehe langsam klar.» Mike und ich grölen jeweils laut los. «Geh mal die ganzen fünf Meter bis zum Klo, ohne von etwas abgelenkt zu werden.» Er schafft es natürlich nicht.

Irgendwann meint jedoch Mike: «Jetzt habe ich aber wirklich das erste Mal das Gefühl, dass ich am Runterkommen bin.» Und er hat recht. Die Dimensionen rücken ganz langsam wieder in einen phsyikalisch möglichen Rahmen zurück. Die Proportionen stimmen für mich jedoch noch immer nicht ganz. «Los, wir gehen laufen.» Und so packen wir uns wieder ein – ich hatte mit dem Verlieren der Verlustangst alle überflüssigen Klamotten abgelegt.

Ernüchterung in der Dunkelheit Wir treten in die Dunkelheit hinaus und erblicken den silbernen Mond. Er geleitet uns durch die Nacht. Wir laufen und laufen. Ja, das Zeitgefühl und die Orientierung sind noch nicht wiedergekehrt. Doch die Normalität ist spürbar nah. Es fühlt sich an, als hätte sich über die Stunden eine Blase um Raum und Zeit gelegt. In unserer Blase hatte weder Zeit noch Raum eine Bedeutung. Diese Blase droht allmählich zu platzen.

Doch während der gesamten Reise waren wir uns immer bewusst, was mit uns geschah. Wir hatten nie Angst. Wir waren einfach nur offen für alles. Und das Beeindruckendste: Wir können uns noch an jedes Detail erinnern. Nach einer durchsoffenen Nacht tun sich riesige Löcher im Gedächtnis auf – bei Pilzen nicht. Jedes Erlebnis, jede Erkenntnis (!), jedes Gefühl ist noch Monate danach fest in unseren Köpfen. Während wir dem wabernden Nebelmeer zuschauen, nehme ich mir fest vor, dass ich nicht vergessen werde, wie man seine Angst vor dem Verlieren überwindet, dass die Welt ein grosses Ganzes ist und eigentlich nichts Sinn ergibt.

Zurück in der Wohnung stehen wir vor einem Chaos. Nichts ist dort, wo es vor unserer Reise war. Alles ist leicht verschoben, als hätten wir mit den Dimensionen gespielt. Doch für mich ist dieses Chaos eine Harmonie sondergleichen. Das Gefühl der Harmonie begleitet mich noch für längere Zeit durch mein Leben, so auch viele andere Gedanken, die ich während meiner Reise denken durfte. Und wenn ich heute eine Mandarine esse, betrachte ich zuerst die wunderschöne Schöpfung der Natur, streiche ihr langsam über die Haut und sage: «Danke, oh Pilzgott!»
  • Illustrationen: Mo





Dies ist eine fiktive Geschichte über ein sonderbares Mittel, dass schon seit Jahrhunderten für schamanische Zwecke verwendet wird. Diese Kurzgeschichte ist frei erfunden und keineswegs etwas Erlebtes. Für alle verrückten Seelen dieser Welt, die es ausprobieren wollen, kann ich nur sagen: Es ist gefährlich! (und das Setting ist verdammt wichtig). Tut es nicht!
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