Von der Sucht in die Armut spazieren

Gestern hat Tsüri.ch zum Stadtspaziergang «Armutsfalle Sucht» geladen. Der Betroffene Daniel Stutz erzählt aus seiner persönlichen Erfahrung mit Drogen und Armut. Dabei führt er die Teilnehmer*innen durch die Geschichte und an wichtige Orte der Drogenproblematik.
13. November 2018

Eine ganze Schar hat sich an der Ecke Langstrasse/Josefstrasse versammelt. Daniel Stutz, der den Spaziergang «Armutsfalle Sucht» von Suprise in Kooperation mit Tsüri.ch führen wird, versucht möglichst jede*n einzelne*n der über zwanzig Teilnehmer*innen, herzlichst zu begrüssen. Die Tour ist ausgebucht. Nur knapp passen alle ins Foyer der Zürcher Fachstelle für Alkoholprobleme.

Daniel Stutz erzählt im Eingangsbereich der ZFA von den Anfängen seiner Sucht.

Es überrascht im ersten Moment, dass Alkohol überhaupt Bestandteil dieser Tour ist, erwartet man doch eher Fixerstübli und Drogenabgabestellen. Doch Volksdroge Nummer eins ist Alkohol. Das geht schnell vergessen, wenn in den Medien nur immer über Heroin, Kokain und ähnlich harte Drogen diskutiert wird.

Die Route des Stadtspaziergangs in abgeänderter Form.

Vom Burnout zum Heroin

Dani erzählt vom Hilfsangebot für Alkoholsüchtige und Betroffene und geht dann über in seine eigene Geschichte. Obwohl er diese Touren bereits über vier Jahre mache, falle es ihm noch immer nicht leicht, über sich und seine Sucht zu sprechen.

Davon merkt man wenig. Ohne Scham und sehr reflektiert führt er aus, wie es ihn in die Sucht gezogen hat. Wie er als Jugendlicher bereits ein Burnout hat, das mathematisch-naturwissenschafliche Gymnamisum am Rämbibühl abbricht und beginnt, temporär zu jobben.

Er fängt an zu kiffen und gleichzeitig sein Geld am Spielautomaten zu verzocken. Die Abwärtsspirale beginnt sich zu drehen. Mit 24 erleidet Dani dazu noch einen Mehrfachschädelbruch. Er kann nicht mehr arbeiten. Die Schulden werden grösser, während sich eine Substanzsucht entwickelt. Erst Kokain, dann Heroin.

Pfarrer Siebers Vermächtnis

Weiter spazieren wir die Josefstrasse hinab, biegen links ein und finden uns an der Konradstrasse am Sune-Egge wieder. Hier hat Pfarrer Sieber 1989 zur Zeit der offenen Drogenszene eine Notschlafstelle und Krankenstation eingerichtet.

Solche Institutionen hätten auch Dani helfen können. Meist ist es nicht erlaubt, dort Haustiere zu halten. Doch seine Hunde seien ihm sehr wichtig. Deshalb kommt er erst in besetzten Häusern unter und lebt dann ein Jahr auf der Strasse.

Auf dem Weg zur «arud» durchquert der Stadtspaziergang den HB.

Drogen gegen Sucht

Der nächste Halt ist fest mit Danis Leben verstrickt. Beim arud, dem Zentrum für Suchtmedizin, ist er noch heute in Behandlung. Hier besteht die Möglichkeit eine heroingestützte Behandlung, ohne Beschaffungskriminalität und verunreinigten Stoff in Anspruch zu nehmen.

Hier hat sich Dani jahrelang therapieren lassen.

Im gleichen Haus ist das Drogeninformationszentrum DIZ. Hier kannst auch du deine Drogen testen lassen.

Wer bereits zwei gescheiterte Therapie-Versuche hinter sich hat, der kann bei der städtischen Kontakt- und Anlaufstelle Selnau unter hygienischen Umständen konsumieren. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass man hierher kommen darf. Hier bekommt man ein Fixer-Set: Spritze, Löffel und was man noch alles braucht, um seine Drogen zu konsumieren. Täglich nehmen hier 120 bis 240 Menschen Kokain oder Heroin.

Zum Schluss treffen wir die Sozialarbeiter*innen der sip züri, die oft mit Süchtigen zu tun haben. Vor allem im Winter ist ihre Aufgabe durch die Strassen zu gehen und mit Obdachlosen den Kontakt zu suchen. Zu ihren Aufgaben gehört es, Menschen in Krisen- oder Notsituationen auf das breite Hilfsangebot in der Stadt Zürich hinzuweisen.

Heute kann Dani durch den Job beim Strassenmagazin «Surprise» leben.

Viele dieser Angebote haben Dani geholfen. Heute kann er trotz Sucht ein geregeltes Leben führen. Nur ein bis zwei Mal im Monat gönne er sich ein bisschen Kokain. Es ist erstaunlich und bereichernd, wie offen Dani über seine Sucht reden kann.

Wer also gerne verschiedene Perspektiven auf das Thema erleben will und den Dialog mit einem Süchtigen sucht, für den ist dieser Spaziergang eine Bereicherung.

Alle Bilder: Elio Donauer


» Hier geht es zur Tour

Der Stadtspaziergang «Armutsfalle Sucht» wurde im Rahmen des Civic Media Projekts zum Fokus «Sucht» durchgeführt. Falls du wissen willst, welche weiteren Events noch anstehen, hier geht es zum Programm.

Falls du das Gefühl hast, selbst Hilfe zu benötigen: Hier haben wir dir eine Liste mit den wichtigsten Anlaufstellen erstellt.


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