Von Jessica Sigerist

Gründerin untamed.love

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30. April 2022 um 06:00

Vom Sex haben und Kinder kriegen

Jedes Baby weiss, woher die Babys kommen. Unsere Kolumnistin glaubt aber, dass Sex und Kinderkriegen gar nicht so viel miteinander zu tun haben, wie allgemein angenommen wird.

Illustration: Artemisia Astolfi

Es ist das Totschlagargument der Konservativen gegen alles Queere. Egal ob es um schwulen Sex, die Ehe für Alle, Nicht-binäre Identitäten oder Samenspenden für Lesben geht. Da stehen sie und rufen laut: «Aber es ist nicht natürlich, weil nur Männer und Frauen können zusammen Sex haben und sich dabei fortpflanzen!» Okay. Gemäss dieser Logik, ist also Sex nur erwünscht, wenn sich dabei fortgepflanzt wird. Klar, Sex, Kinderkriegen, das gehört irgendwie zusammen, weiss man ja. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr beschleicht mich das Gefühl, dass die beiden Dinge eigentlich gar nicht so viel miteinander zu tun haben. 

Beginnen wir mit einer einfachen Aufgabe: Nehmen Sie ein Blatt und ein Stift, liebe lesende Person, und notieren Sie, wie oft Sie schon Sex hatten in ihrem Leben. Eine einfache Schätzung genügt. Und nun, liebe lesende Person, notieren Sie daneben eine weitere Zahl: Die Anzahl Kinder, die Sie haben. Auch hier: eine einfache Schätzung genügt, wenn Sie den Haufen nicht durchzählen mögen. Nun vergleichen Sie bitte die beiden Zahlen. Haben sie zweimal die gleiche Zahl notiert? Nein? Haben Sie sogar zwei sehr unterschiedliche Zahlen notiert? Hm. Sieht fast so aus, als würde die Gleichung Sex = Fortpflanzung nicht ganz aufgehen. Oder anders gesagt: Wenn die evolutionäre Hauptfunktion von Sex tatsächlich die Fortpflanzung ist, dann hat Sex eigentlich ziemlich versagt. So 1000 mal Sex haben und dabei 1 Kind kriegen? Echt miese Trefferquote, Sex!

Sex ohne Kinder kriegen

Die Vorstellung, dass Sex gleich Kinder kriegen ist, hat zunächst mal mit einer ganz bestimmten Vorstellung von Sex zu tun. Nämlich, dass Sex bedeutet, dass ein Penis in einer Vagina steckt und der Penis dabei ejakuliert. Dabei gibt es ganzen viele Arten von Sex, bei denen das nicht passiert. Anal- und Oralsex sind dabei nur die offensichtlichsten. Was man noch alles anstellen kann mit Genitalien, Zungen, Nippel, Finger, Gegenständen und Gedanken – die Möglichkeiten sind unendlich. Und auch aus Penis-in-Vagina-Sex entstehen nicht zwangsläufig jedes Mal Kinder, denn auch da müssen noch ganz viel weitere Faktoren stimmen. 

«Menschen kriegen Kinder, ohne dass sie Sex miteinander haben.»

Nicht nur haben Menschen auf alle erdenklichen Arten Sex, sie haben ihn auch aus allen erdenklichen Gründen. Ich selber hatte schon Sex, weil ich Lust drauf hatte oder weil mir langweilig war, weil ich mir etwas beweisen wollte oder weil ich eine Beziehung pflegen wollte, weil ich Nähe spüren wollte oder ein Abenteuer erleben. Ich hatte noch nie Sex, um mich fortzupflanzen. Dass ich mich dabei einmal trotzdem fortgepflanzt habe, war ein nicht beabsichtigter Nebeneffekt. Der Nebeneffekt spielt unter meinem Tisch, während ich diese Kolumne schreibe, was mich sehr glücklich macht – beabsichtigt war er trotzdem nicht. Die meisten Menschen geben sich verdammt viel Mühe, solche Nebeneffekte zu vermeiden. Die menschliche Kultur hat zahlreiche Methoden der Empfängnisverhütung und der Schwangerschaftsabbrüche hervor gebracht, damit Sex genossen werden kann, ohne danach auf einem lästigen Kind sitzen zu bleiben. 

Kinder kriegen ohne Sex

Nun werden die Konservativen wieder schreien: «Ja, okay! Sex ohne Kinder, das geht, aber Kinder ohne Sex, das geht nicht! Und dazu braucht es natürlicherweise Mann und...»

Lassen Sie mich hier gleich unterbrechen: Doch, natürlich geht das. Schauen Sie sich doch mal um in der Welt. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, Kinder gross zu ziehen, ohne diese durch einen sexuellen Akt gezeugt zu haben. Es gibt Samenspenden und Leihmutterschaften, es gibt Adoptiv- und Pflegeeltern, es gibt Co-Parents, In-Vitro-Fertilisation und Patchworkfamilien. Das meiste davon ist nichts Neues, sondern so alt, wie die Menschheit selbst. Menschen haben schon immer Wege gefunden, biologische und soziale Elternschaft zu trennen. Menschen kriegen Kinder, ohne dass sie Sex miteinander haben. 

Und gleichzeitig findet unglaublich viel Sex auf dieser Welt statt, bei dem unglaublich wenig Kinder gezeugt werden. Man könnte also auf den Gedanken kommen, dass Fortpflanzung eventuell nicht die einzige und vielleicht nicht mal die wichtigste Funktion von Sex ist. Da macht es doch herzlich wenig Sinn, nur Sex als normal, gut und richtig zu werten, bei dem Fortpflanzung theoretisch möglich wäre. Wie dem auch sei. Ich wünsche allen, die immer noch meinen, dass Sex und Fortpflanzung ein und dasselbe sind: viel Spass bei ihren ein- bis viermal Mal Sex im Leben. Allen anderen: Fröhliches Ficken!

*Durchschnittliche Anzahl Kinder pro Person in der Schweiz. 

Foto: Elio Donauer


Jessica Sigerist

Kolumnistin Jessica Sigerist ist Zürich geboren und aufgewachsen. Sie wusste schon früh, woher die Babys kommen. In ihrer Jugend sammelte sie schöne Notizbücher, alte Kinokarten und Zungenküsse. Sie studierte Ethnologie (halbmotiviert) und das Nachtleben Zürichs (intensiv). Nach vielen Jahren in der Sozialen Arbeit hatte sie die Nase voll, nicht vom Sozialen, aber von der Arbeit. Sie packte wenig Dinge und viel Liebe in einen alten Fiat Panda und reiste kreuz und quer durch die Welt. Sie ritt auf einem Yak über das Pamirgebirge, überquerte das kaspische Meer in einem Kargoschiff und blieb im Dschungel von Sierra Leone im Schlamm stecken.

Auf ihren Reisen von Zürich nach Vladivostock, von Tokio nach Isla de Mujeres, von Tanger nach Kapstadt lernte sie, dass alle Menschen eigentlich dasselbe wollen und dass die Welt den Mutigen gehört. Wieder zurück beschloss sie, selbst mutig zu sein und gründete den ersten queer-feministischen Sexshop der Schweiz. Seither beglückt sie Menschen mit Sex Toys und macht lustige Internetvideos zu Analsex, Gleitmittel und Masturbation. Jessica liebt genderneutrale Sex Toys, Sonne auf nackter Haut und die Verbindung von Politik und Sexualität. Sie ist queer und glaubt, dass Liebe grösser wird, wenn man sie teilt. Mit ihrem Partner und ihrem Kind lebt sie in Zürich.