Prof. Dr. Henrik Nordborg, Physiker und Professor im Forschungsbereich erneuerbare Energien. (Alle Fotos: Elio Donauer)

«Vielleicht sieht man am Ende ein, dass das Problem in erster Linie unser Konsum ist»

Die Netto-Null-Strategie der Stadt Zürich geht in die heisse Phase. Henrik Nordborg, Physiker und Professor im Forschungsbereich erneuerbare Energien sowie Mitglied der Klimabewegung Klimastadt Zürich findet, dass wir den entscheidenden Zeitpunkt zur Auseinandersetzung mit der fundamentalen Frage über eine Konsumform nebst dem Kapitalismus verpasst haben und dass wir den Klimawandel aus einer grösseren Perspektive betrachten müssen.
12. April 2021
Praktikantin Redaktion

Klimaneutral sein und zwar so bald wie möglich. Das hat sich die Stadt Zürich mit der Netto-Null-Strategie (siehe Box) als Ziel gesetzt. Um herauszufinden, wie wir das Leben in dieser Stadt in den Bereichen Konsum, Mobilität, Ernährung und Gebäude nachhaltiger gestalten können, haben wir in dieser Serie bei Expert*innen nachgefragt und verraten dir mit nützlichen Listicles ganz konkret, wie du in Zürich nachhaltiger konsumieren, essen und dich fortbewegen kannst. In Teil 1 unserer Serie dreht sich alles um das Thema Konsum.


Extremere Unwetter, steigende Meeresspiegel, Gletscher die Stück für Stück verschwinden. Die wöchentlichen News und Schlagzeilen häufen sich und das Zurechtfinden im Klima-Wirrwarr wird immer anstrengender. All die Ratgeber mit den versteckt erhobenen Zeigefinger erfüllen ihren Zweck oftmals nur schlecht als recht. Die Verantwortung so ausschliesslich auf das Individuum abzuwälzen, kann auf Dauer ziemlich kontraproduktiv sein.

Weshalb wir stetiges Wirtschaftswachstum fordern

Dass Anstrengungen gegen den Klimawandel auch von den grösseren Playern – wie der Stadt – unternommen werden müssen, findet auch Prof. Dr. Henrik Nordborg. Als Physiker und Professor im Forschungsbereich erneuerbare Energien, ist er Teil der Zürcher Klimabewegung «Klimastadt Zürich» und befasst sich intensiv mit der Klimakrise. Es sei enorm wichtig, das Problem des Klimawandels aus einer grösseren Perspektive zu betrachten, sagt er.

Wir haben das Gefühl, dass es ein permanentes Wirtschaftswachstum benötigt.
Prof. Dr. Henrik Nordborg

Damit meint Nordborg die Rolle der Marktwirtschaft. Denn auch sie trage eine Mitschuld: «Wir haben das Gefühl, dass es ein permanentes Wirtschaftswachstum benötigt und sehen uns im jetzigen Wirtschaftssystem gefangen.» Dies rühre aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Die schnelle Entwicklung der Technik trieb den Innvoationsboom damals verstärkt an. «Man ging davon aus, dass es für jedes Problem eine technische Lösung gibt.» Einen alternativen Plan zur kapitalistischen Marktwirtschaft sucht man laut Nordborg bis heute vergebens. Den entscheidenden Zeitpunkt zur Auseinandersetzung mit der fundamentalen Frage über eine Konsumform nebst dem Kapitalismus, habe man verpasst.

Netto-Null-Serie
Die Stadt Zürich will einen aktiven Beitrag gegen den Klimawandel leisten. Das Ziel, das unter dem Namen Netto-Null bekannt ist, lautet: Klimaneutral werden und unter dem Strich keine Treibhausgase mehr produzieren. Der Stadtrat entscheidet demnächst, ob das Ziel 2030, 2040 oder 2050 erreicht werden soll. Anschliessend stimmt das Parlament über die Strategie ab, die schliesslich auch dem Volk vorgelegt wird. Um Netto-Null zu erreichen, müssen die städtischen Emissionsausstösse massiv gesenkt werden, sodass kaum bis gar keine Treibhausgase mehr ausgestossen werden. Der kleine verbleibende Teil wird dann durch sogenannte Treibhausgassenken auf Null gebracht. Diese Technologien entziehen der Atmosphäre das restliche CO2 und drücken die Treibhausgase schlussendlich auf Null herunter. Dabei werden die Treibhausgassenken nur für nicht vermeidbare Emissionen eingesetzt. Die Massnahmen sollen speziell in den Bereichen Mobilität, Konsum, Ernährung und Gebäude gelten. Daneben sieht das Konzept eine Erhöhung erneuerbarer Quellen vor sowie ein Lebensstil hin zu mehr Nachhaltigkeit.

Die Lebensweise der Nachbar*innen in Frage stellen?

Wie aber ist es möglich, aus dieser Illusion der Technik als ewige Retterin auszubrechen? Die Antwort liegt in der Sozialpsychologie: Durch die existenzielle Bedrohung. Menschen beginnen demnach oft erst dann zu handeln, wenn sie sich bedroht fühlen. Vom Klimawandel scheinen die Meisten offenbar noch zu wenig eingeschüchtert zu sein. Nordborg bestätigt die Theorie und ergänzt: «Die Coronakrise hat gezeigt, dass Menschen unmittelbar handeln können. Und das, obwohl das Problem im Vergleich zum Klimawandel weniger gravierend ist.»

Die Menschen seien nicht ausreichend aufgeklärt. Dabei liege es an einem selbst, sich zu informieren, mit Freund*innen darüber zu diskutieren und Aufmerksamkeit für das Problem schaffen. Das sei der erste Schritt, um sein Verhalten zu ändern. Der Zweite sei, die Lebensweise der Nachbar*innen in Frage zu stellen – speziell in der Schweiz ein ungern gesehenes Verhalten.

Aktionen wie Klimademos, die wirken! Menschen können dadurch auf ihre Unzufriedenheit aufmerksam machen. Und das ist der richtige Weg. Es muss politischer Druck aufgebaut werden.
Prof. Dr. Henrik Nordborg

«Natürlich macht man sich nicht beliebt, wenn man das tut», weiss auch Nordborg, «aber die Leute müssen sich aus ihrer Komfortzone bewegen. Sie müssen es wagen, sich und ihre Meinung allgemein zu exponieren. Und ja, da kann es zu unangenehmen Feedbacks kommen, mit dem muss man aber leben können.»

Denn auch wenn sich jedes Individuum etwas verbessere, am Ende zähle die Masse. «Es sind die fundamentalen Entscheide der Wirtschaft und Politik, die durch vor Augen geführte Aktionen gefällt werden», so Nordborg weiter. «Aktionen wie Klimademos, die wirken! Menschen können dadurch auf ihre Unzufriedenheit aufmerksam machen. Und das ist der richtige Weg. Es muss politischer Druck aufgebaut werden.» Es gehe grundsätzlich um den gesellschaftlichen Wandel, der zum politischen Prozess führe, erklärt Nordborg. Dieser werde von der einzelnen Person vorangetrieben, die von der Notwendigkeit dieses Wandels überzeugt sein müsse.

Flicken, reparieren, wiederverwerten

Die Handlungsmacht zum klimafreundlicherem Konsumieren liegt demnach zu einem grossen Teil in den Händen der wirtschaftlichen und politischen Akteur*innen. Wie trotzdem jede*r Einzelne*r von uns einen weiteren Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel leisten kann, zeigt zum Beispiel der Buchautor und Journalist Mathias Plüss in seinem kürzlich erschienenen Buch «Weniger ist weniger» auf. Die Lektüre dient als praktische Orientierungshilfe in Sachen ökologischer Alltagsfragen von A bis Z. Sie soll weniger eine stiefmütterliche Zurechtweisung sein, sondern die Handlungsmöglichkeiten für das Hier und Jetzt aufzeigen.

Ein darin thematisiertes Beispiel, das oft in den Hintergrund gerät, ist seine kaputten Sachen selbst zu flicken oder flicken zu lassen, anstatt sie wegzuschmeissen. Denn wie Plüss schreibt, landen rund 60 Prozent der gekauften Kleidungsstücke innerhalb eines Jahres bereits wieder im Müll. Von Wiederverwertung oder Upcycling keine Spur. Ähnlich läuft es bei der Reparatur von Elektrogeräten. Ein Gerät reparieren zu lassen, ist für viele oft mit einem zu grossen Zeitverlust und Aufwand verbunden. Hinzu kommt die generelle Ansicht, dass sich ein Neukauf mehr lohnt als der Gang zur Reparaturwerkstatt.

Prof. Dr. Nordborg weiss, um etwas zu bewirken, müssen wir uns aus der Komfortzone bewegen.

Das mag von Seiten der Verkäufer*innen stimmen, die Umwelt kommt bei dieser Einstellung aber trotzdem flach raus. Denn die Produktion neuer Geräte verursacht laut Plüss nicht selten mehr klimaschädigende Ausschüsse, als die Reparatur solcher. Und Angebote im Reparaturbereich gibt es einige. Nach genauem Umsehen lassen sich nebst den klassischen Reparaturläden auch viele neu interpretierten Varianten entdecken, die die eigenen Lieblingsteile wieder in Schuss bringen.

Doch schon früher, beim Kauf von Geräten, empfiehlt sich ein Blick auf die Energieetikette. Diese funktioniert als Ampelsystem und zeigt den Verbrauch in unterschiedlichen Effizienzklassen an, von A (grün) bis G (rot), von geringem zu hohem Verbrauchswert. Die Energieetiketten gibt es für Haushaltsgeräte, Lampen, Sanitärprodukte, Fernseher und sogar Autos. Wird das Gerät dann fleissig benutzt, nicht der Versuchung zu verfallen, es nach dem Gebrauch in den Stand-by-Modus zu stellen, sondern immer ganz ausschalten. Denn auch im vermeintlichen Passivmodus saugt das Gerät immer noch Strom.

Beim Gang in die Küche fällt ein Klimasünder besonders auf: Der Kühlschrank. Die meisten Kühlschränke sind zu kalt eingestellt und das frisst deutlich mehr Energie als eigentlich nötig wäre. Bereits eine Temperatur von sieben Grad Celsius reicht völlig aus, um die Lebensmittel frisch zu halten.

Mit wenigen Handgriffen ist somit bereits etwas getan. Doch leider ist die Elektronik nicht alleinig schuldig in Sachen Klimaverschmutzung.

Klimasünderin Kleiderindustrie

Auch die Kleiderindustrie muss zur Verantwortung gezogen werden. Sie macht rund sieben bis acht Prozent der weltweiten Klimaauswirkungen aus. Grund für den hohen CO2-Ausstoss sind nicht nur die langen Transportwege. Die Misere beginnt bereits zu Beginn der Produktionskette, da beim Anbau von Baumwolle grosse Mengen Pestizide und Düngemittel benutzt werden. Der Wechsel auf Kunst- und Acrylfasern als Alternativen hilft dabei nur wenig. Hier sind die CO2-Ausstösse laut Plüss gar viermal höher als die der Baumwollproduktion.

Eine Möglichkeit für klimafreundlichere Kleidung ist Bio-Baumwolle. Der Wasserverbrauch ist deutlich geringer als bei konventioneller Baumwolle. Ebenfalls werden bei der Herstellung keine chemisch-synthetische Düngemittel verwendet. Um zu überprüfen, ob der Stoff tatsächlich aus giftfreier und umweltschonender Bio-Baumwolle stammt, helfen Gütesiegel. Sie zertifizieren aus Naturfasern hergestellte Textilien, so zum Beispiele der Blauer Engel, das GOTS-Siegel oder das IVN Best Siegel.

Darüber hinaus kann natürlich gänzlich auf Baumwolle verzichtet werden. Mit gutem Beispiel gehen die Brüder der Marke Freitag voran. Nebst recycelbaren Taschen aus Lastwagenplanen und Autogurten haben sie für ihre Kleiderlinie einen neuen, ökologischen Stoff produziert. Dieser besteht aus Leinen, Hanf und Modal, einer aus Zellulose hergestellte Faser. Im Vergleich zur normalen Baumwolle benötigen die Fasern für den Anbau weniger Wasser, was den ökologischen Fussabdruck deutlich verringert. Um die ökologische Philosophie auf ganzer Linie beizubehalten, werden auch die Transportwege so kurz wie möglich gehalten.

Mit Kleidern aus Bio-Baumwolle oder ökologischen Fasern mit reduziertem CO2-Ausstoss kann also bereits viel getan werden. Daneben gibt es noch einige zusätzliche Tipps: Speziell bei Kindern, die schnell aus den Kleidern herauswachsen, lohnt sich der Gang in die Second-Hand-Läden oder zu Flohmärkten. Betreffend der Menge ist weniger ganz klar mehr. Betreffend der Qualität sieht es umgekehrt aus. Je höher die Qualität, desto länger lässt sich das Stück auch tragen.

Die unangenehme Wahrheit des Verzichtens

Von den Tipps zu Alternativen oder Handlungsmöglichkeiten steht aber etwas ganz vorne: Die blanke und zugegebenermassen etwas unangenehme Wahrheit des Verzichtens. Denn wie Plüss in seinem Buch schreibt, sind zwar durchaus gute Ausweichmöglichkeiten im Konsumbereich vorhanden. Oftmals sind sie aber nicht klimafreundlicher. Liegt zum Beispiel die Kaufentscheidung zwischen einer Cola in der Dose oder einer in der Glasflasche, lautet Plüss’ Devise darum klar: Einfach ganz darauf verzichten.

Die Wenigsten würden die elektronischen Werbemonitoren wirklich vermissen.
Prof. Dr. Henrik Nordborg

Auch Prof. Dr. Nordborg unterstützt diese These und ergänzt: «Man muss sich zuerst die Frage stellen, wofür man etwas braucht und ob dies sinnvoll ist». Als Beispiel nennt Nordborg die elektronischen Werbemonitoren, meist in Bahnhofshallen oder belebten Passagen platziert. «Sollen nun Windturbinen in den Alpen aufgestellt werden, die das schöne Landschaftsbild verschandeln, um Strom für einen Werbemonitor zu produzieren? Könnte nicht auch einfach der Stecker gezogen werden?»

Die Frage ist berechtigt. Er schiebt nach: «Es gibt doch kein Mensch, der das Gefühl hat, es gäbe zu wenig Werbung. Ich denke, die Wenigsten würden die elektronischen Werbemonitoren wirklich vermissen.»

Der Klimawandel führt uns in einigen Bereichen die Notwendigkeit des Verzichtens vor Augen. Dass dies unangenehm sein kann, ist vielleicht einer der Gründe, weshalb viele sich noch vor echten Taten scheuen. Es ist ein Zusammenspiel unterschiedlicher Akteur*innen, von den ganz Grossen, bis zu jeder einzelnen Person. Wichtig ist, an einem Strick zu ziehen. Das meint auch Nordborg: «Ich finde es gut, dass man ehrgeizige Ziele aufstellt und den Versuch unternimmt, etwas zu erreichen. Vielleicht sieht man am Ende der Diskussionen ein, dass das Problem in erster Linie unser Konsum ist. Dort müsste man auch ansetzen.» Ja, der echte Verzicht tut weh. Aber wie Plüss schreibt, werde durch ein bisschen mehr Verzicht niemand daran darben müssen. Weniger sei eben weniger.

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