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Von Zürich nach Wallisellen: Vertreibung aus dem Paradies?

10. Dezember 2015
«Seit einem Monat ist nun der kleine Mirco schon bei uns. Seit seiner Geburt musste er schon drei Mal umziehen und nun sitzt er in der Agglo.»

So stand es in der Geburtsanzeige meiner Freunde Thomas und Anja, die ich diesen Frühling erhalten habe. Natürlich, ich wusste, dass Thomas und seine WG nur als «Zwischennutzung» bei mir um die Ecke in der alten Genossenschaftssiedlung wohnen durften. Aber jetzt, so schien es, ging das doch sehr rasch und sie sind gezügelt ...

Ein Anruf auf das Handy klärte mich auf. Ja, sie sind umgezogen, nach Wallisellen in die neue Überbauung vom Kraftwerk, der Genossenschaft.

Von der Kanzleistrasse im Herzen Zürichs nach Wallisellen? Das musste ich genauer wissen. Und natürlich wollte ich den kleinen Mirco auch kennen lernen. Bald sitze ich also in Wallisellen am WG-Tisch. Mirco ist ein sichtlich zufriedenes Kind, gluckst vor sich hin und strahlt mich an. Klar, er weiss ja noch nicht, wohin es ihn verschlagen hat. In der WG hat sich einiges geändert.

Also beginnen wir von vorne. Als Anja schwanger wurde, stellte sich die Frage ob die beiden zusammenziehen wollen. Sie entschieden sich dafür. Nur, bisher wohnten beide in je einer Wohngemeinschaft und daran sollte sich auch nichts ändern. Also keine Kleinfamilie sondern eher eine Gross-WG. Ja, beide WG’s sollten zusammenziehen! Thomas wohnte ja günstig. Die Zwischennutzung an der Kanzleistrasse kostete gerade mal 1000 Franken im Monat – für drei Bewohner. Anja wohnte auch in einer Dreier-WG bei der Schmiede Wiedikon. Für die 4,5 Zimmer Wohnung bezahlten sie 2700.-- im Monat.

Das würde bedeuten, dass die neue Gross-WG mindestens acht Zimmer haben müsste und nicht viel mehr als 4500 Franken kosten dürfte. Also machten sich alle auf die Suche nach so einer Wohnung. Wohnungen für 4500 Franken gibt es in Zürich ziemlich viele. Alle Neubauten bieten solche an. Vier Zimmer – 4000 Franken. Aber acht Zimmer? Vergiss es! Zwei Wohnungen nebeneinander. Ja, das wäre toll. Kostet dann aber 9000 Franken … In Zürich gibt es höchstens eine Handvoll solcher Wohnungen.

Bis auf dieses Inserat in der WOZ: «Gross-WG im Kraftwerk, 8,5 Zimmer CHF 4900». Natürlich telefonierte Thomas sofort. Ein Irrtum. Die Wohnung gab es noch nicht und sie wäre in Wallisellen. Wallisellen! Im Niemandsland zwischen Dübendorf und Schwamendingen.  Das kam natürlich gar nicht infrage. Aber da war dieses Ende der Fahnenstange. Nichts in Züri. Auch keine in Aussicht. Aufgeben? Keine Gross-WG? Doch Kleinfamilie?

[caption id="attachment_4775" align="alignnone" width="640"]Bild: Klaus Rózsa | photoscene.ch Bild: Klaus Rózsa | photoscene.ch    Überbauung Kraftwerk in Wallisellen[/caption]

Glücklich in Wallisellen! Ok. Man könnte sich ja mal die Pläne anschauen vom Kraftwerk in Wallisellen. Vielleicht sogar den Rohbau besuchen. Im Ernst jetzt? Ja, nur mal schauen! Den Rest kennt ihr ja schon. Oder noch nicht ganz.

Die Entscheidung für Wallisellen war keine einfache. Es spaltete die WGs. Nicht alle mochten mitmachen, einige konnten sich nicht vorstellen nach Wallisellen zu ziehen, Zürich zu verlassen. Dafür kamen andere neu dazu, begeisterten sich für die grosszügigen räumliche Verhältnisse, die drei Badezimmer, die riesige Küche! Richtig WG-gerecht eben. Aber alle kannten sich zumindest von früher.

Beim Abendessen erfahre ich, dass sie eben nicht nur eine Zweck-WG sind, sondern richtig Zusammenleben möchten. Dazu gehören neben dem gemeinsamen Znacht auch kulturelle und politische Aktivitäten. Jetzt wohnen sie also seit bald einem halben Jahr in Wallisellen. Einiges hat sich geändert, aber sie fühlen sich wohl. Der öffentliche Verkehr ist gut. In zehn Minuten ist man bei der S-Bahn Haltestelle und in weiteren zehn Minuten zmitzt in der Stadt. Sogar ein Tram hat es vor der Türe. Die Bewohnerschaft in der grossen Überbauung ist durchmischt, auch einige Flüchtlinge wohnen da.




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Probleme gab es schon auch. Es ist zum Beispiel so bei den Genossenschaften, dass Anteilscheine gekauft werden müssen. Für junge Leute in einer WG nicht unproblematisch, zumal es sich bei einer Wohnung in dieser Grössenordnung um rund 100 000 Franken handelt. Die Verwaltung entpuppte sich aber als überraschend hilfsbereit und flexibel und auch einige Eltern griffen mit Darlehen unter die Arme. Die Anteilscheine werden ja bei einem Wegzug wieder zurückerstattet.

Jetzt wohnen also Anja (noch im Mutterschaftsurlaub), Thomas, Simon, Arthur, Lena und Ute und natürlich Mirco im Niemandsland. Nicht für immer. Aber, wer weiss das schon so genau.

[caption id="attachment_4781" align="alignnone" width="640"]Bild: Klaus Rózsa|photoscene.ch Bild: Klaus Rózsa | photoscene.ch     Anja, Thomas und Mirco[/caption]

[caption id="attachment_4782" align="alignnone" width="640"]Bild: Klaus Rózsa | photoscene.ch Bild: Klaus Rózsa | photoscene.ch    Wohnen in Wallisellen[/caption]

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