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Bild: Claudio Schwarz via Unsplash

Verlust der politischen Ökonomie

An der Universität Zürich findet eine Vorlesungsreihe zu alternativen Wirtschaftsmodellen statt. Die Organisator*innen vom Verein Plurale Ökonomik präsentieren hier die besprochenen Themen. Hier folgt der letzte von dreizehn Teilen.
18. Dezember 2019

Text: Flora Märki


Der heutige Gastredner ist an der Universität Zürich zu Hause, wo er bis 2015 Professor für Finanzwissenschaft und Makroökonomie am Institut für Volkswirtschaftslehre war. Professor Josef Falkinger erläutert alte und neue Fragen der politischen Ökonomie.

Theoretische Paradigmen
In der klassischen Ökonomie wird die Wirtschaft als Produktionssystem angesehen. Dabei steht die Mobilisierung der produktiven Kräfte im Vordergrund, welche durch Motivation (Aufstiegshoffnung) und Wettbewerb gefördert wird. Um 1870 wird durch die neoklassische Wende der Blickwinkel auf die Wirtschaft geändert, die Wirtschaft wird als Allokationsmaschine betrachtet. Dabei wird ein vollkommener Wettbewerb angestrebt. Zudem sind Optimierung und Effizienz wichtige Grundsätze, die je nach Theorie durch Markt- oder Planwirtschaft erreicht werden können.

Nach Ansicht von Herrn Falkinger ist die Wirtschaft heute eine Bewertungsmaschine. Dabei ist die Ökonomie die Wissenschaft von ökonomischen Objekten. Diese Objekte sind meistens produzierte Objekte und sie haben eine Bewertung, die sich im Preis ausdrückt. Gegenstand der Ökonomie ist demzufolge die Produktion und Bewertung von Objekten. Somit kommen wir zur Werttheorie.

Die Klassische Ökonomie sieht das Zustande kommen der Werte relativ klar: Die Kosten der Produktion. Dabei ging aber mit dem technischen Fortschritt und der Digitalisierung die objektive Basis für diese Erklärung verloren.

Herr Falkinger erläutert, dass aus seiner Sicht heute von «gemachten Werten» ausgegangen werden kann. Denn die Produktion von Präferenzen ist ein Geschäftsmodell geworden. Die Preisbestimmung wird durch unvollständige Märkte (z.B. externe Kosten) und Preissetzungsmacht (unvollkommene Märkte: Monopol, Oligopol) verzerrt. Diese systematische Produktion von Präferenzen steht im Zentrum wirtschaftlicher Innovationen und Geschäftsmodelle. Ein Beispiel dafür ist das Informationsreichtum, worin wir uns ständig befinden. Unsere Entscheidungen werden durch den Wettbewerb um unsere Aufmerksamkeit bestimmt.

Ordnungspolitische Gedanken

Gibt es die Marktwirtschaft noch? Nach Hayek ist der Markt eine dezentrale Informationsverarbeitungsmaschine, die die Interaktion grosser Massen von Individuen effizient koordiniert. Falkinger erläutert, dass seit einiger Zeit das Internet ein neues System von Informationsverarbeitung und Koordination bereitstellt, welches ebenfalls mit der Vision einer machtfreien und dezentralen Interaktion gestartet ist. Eine Marktwirtschaft in diesem Sinne gibt es also nicht mehr, weil andere Gefässe Informationen verarbeiten und die Märkte von bestimmten Interessen dominiert werden.

Herr Falkinger betont, dass es zu einer guten Theorie gehört, dass sie sich im Laufe der Zeit ändern soll. Leider ist die Ökonomie heute teilweise zur Religion geworden. Eine Säkularisierung ist notwendig, um die Wirtschaft und die Öffentlichkeit zu entflechten und die Werbewirtschaft von der Informationswirtschaft zu trennen. Allgemeiner ausgedrückt bedeutet dies die Wirtschaft von ihren Paradigmen und Zwängen, die nicht mehr zeitgemäss sind, zu befreien. Die Wirtschaft soll überdenkt und neu definiert werden.

Zum Schluss

Herr Falkinger rundet mit seinem Beitrag die Vorlesungsreihe «Plurale Ökonomik» ab. Auch er kennt die Wichtigkeit dieser Thematik in der Volkswirtschaftslehre. So erwähnt er in einer Veröffentlichung über Pluralismus in der Ökonomie, dass wir offen sein sollten für andere Wahrheiten und wir unbedingt miteinander reden müssen. So simpel sich diese Grundsätze auch anhören, so wenig werden sie heute an der Universität Zürich gelehrt. Zudem ist die Zukunft der Vorlesung «Plurale Ökonomik» ungewiss. Wir Studierende engagieren uns dafür – und für eine offene und zukunftsorientierte Ökonomie.

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