Von Simon Jacoby

Chefredaktor & Verleger

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2. September 2022 um 04:00

Stadträtin Brander: «1/3 weniger Verkehr? Ökologisch reicht das nicht»

Weg vom Auto, hin zu mehr Velo- und Fussverkehr. Um die Verkehrswende zu schaffen und die Klimakrise zu meistern, will SP-Stadträtin Simone Brander Zürich zur «emissionsfreien Zone» erklären und weiterhin um jede Massnahme kämpfen.

(Bild: Annika Müller)

Rund ein Drittel weniger Autoverkehr, mehr Tempo 30 und deutlich mehr Platz für Velo- und Fussverkehr – dies sind die Forderungen von führenden Experten, wie Recherchen von Tsüri.ch, Bajour und Hauptstadt ergaben. Damit soll der Strassenraum an die sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Bedürfnisse umverteilt werden. Mit diesen Ideen rennt die Forschung bei der Zürcher Politik offene Türen ein: Der Abbau von Parkplätzen bei gleichzeitigem Ausbau der Veloinfrastruktur und der Reduktion des Tempos ist längst beschlossen.

Doch während die Verkehrsexperten rund einen Drittel weniger motorisierten Individualverkehr (MIV) fordern, geht die zuständige Stadträtin Simone Brander (SP) weiter: Aus ökologischer Sicht müsse der MIV noch deutlicher reduziert werden, zudem solle ab 2030 kein fossil betriebenes Auto mehr in die Stadt rein fahren dürfen.

Im Wahlkampf hatten Sie die Erwartungen so hoch geschraubt, dass Sie diese fast nicht erreichen können. Nun sind Sie seit gut drei Monaten im Amt – und bereits auf dem Boden der Realität angekommen? 

Da war ich hoffentlich vorher schon! (lacht) Ich mache schon lange Verkehrspolitik und bringe darum viel mit für diesen Job. Mir war also klar, worauf ich mich einlasse: Alle aktuellen Projekte wie die Velovorzugsrouten sind politisch umstritten, die Mehrheiten eng und die Abstimmungen fallen häufig knapp aus.

Der Stadtrat gewinnt jede Abstimmung und auch der Gemeinderat steht hinter der Verkehrswende.

Das stimmt, trotzdem gehe ich davon aus, dass wir weiterhin kämpfen müssen, damit etwas passiert. Hingegen ist es ein gutes Zeichen, dass die kantonale Baudirektion den Richtplan Verkehr genehmigt hat – es geht vorwärts. Wichtig ist, dass wir die Velovorzugsrouten nun rasch umsetzen können. 

Genau hier sieht es aber schlecht aus. Bei allen neuen Projekten hat es Einsprachen gegeben und es wird zu Verzögerungen kommen. War das absehbar?

Ja, damit haben wir gerechnet. Wir haben drei Projekte aufgelegt, mit welchen 500 blaue Parkplätze verschwinden würden. Diese müssen weg, damit die Velowege gemäss Volksentscheid umgesetzt werden können. Es ist aber auch legitim, dass man sich wehrt, wenn man nicht einverstanden ist. Klar ist, dass es jetzt eine zeitliche Verzögerung gibt und ich nicht sagen kann, wann wir die Routen bauen können.  

Sind die Einsprachen im Stadtrat bereits traktandiert?

Nein, es gibt noch kein Datum, wann es weitergeht. Zuerst werden diese Bedenken aus der Bevölkerung inhaltlich und juristisch aufbereitet, bevor der Stadtrat darüber entscheiden kann. Bis dahin vergeht noch sicher ein halbes Jahr. 

Und trotzdem sind Sie zuversichtlich, dass die Routen wie von der Volksinitiative gefordert bis 2030 umgesetzt sind? 

Das liegt nicht alleine in meiner Hand. Wenn die Einsprachen bis vor Bundesgericht weitergezogen werden, kann es noch lange gehen. Wir machen, was wir können! Die erste Route in Altstetten wird noch in diesem Jahr fertig gebaut und die nächsten Projekte legen wir im kommenden Frühling auf. 

Weg von Velorouten und Einsprachen: Wie sieht eigentlich die ideale Verteilung des Strassenraums aus?

Ich finde die Dachstrategie «Stadtraum Mobilität 2040» super. Auch die in der Studie befragten Menschen wollen mehr Grün und mehr Velo- und Fussverkehr. Zudem muss die Mobilität klimaneutral werden. Wir brauchen also eine Umverteilung des Strassenraums hin zu mehr Platz für den Fuss- und Veloverkehr.

«Ganz ohne Auto wird es auch in Zukunft nicht gehen»

Also weg mit dem Auto. 

Das Auto hat viel zu viel Platz. Beispiel Parkplatz: Da besetzt eine Person ein Stück öffentlicher Raum und alle anderen können diesen nicht nutzen. Die Autos nehmen aber nicht nur Platz weg, sie sind dazu auch noch gefährlich. Es ist nicht so, dass ich Autos hasse, sie haben ihren Sinn. Keinen Sinn macht es, ihnen so viel Raum auf Kosten anderer zu lassen. 

Um wie viel Prozent müsste der Autoverkehr abnehmen? 

Ich gebe Ihnen keine Prozentzahl. Ganz ohne Auto wird es auch in Zukunft nicht gehen, für Transporte und die Sicherstellung der Versorgung geht es nicht ohne – aber wir brauchen alternative Antriebe ohne Benzin und Diesel. 

Verschiedene Verkehrsexpert:innen fordern rund einen Drittel weniger Autos in der Stadt; wie während dem ersten Lockdown.

Lebenswerter wird die Stadt dadurch bestimmt, da schliesse ich mich an. Aber muss es ein Drittel sein? Aus ökologischer Sicht reicht dies nicht. Darum ist mein Ziel, noch weiter runter zu kommen, um im Bereich Verkehr Netto Null 2030 zu erreichen. Wenn wir diesen Volksentscheid ernst nehmen, darf in der Stadt niemand mehr mit einem Benzin-Auto rumfahren. 

Und wie soll dies gelingen? Wie wollen Sie die Leute vom Auto wegbringen?

Einerseits müssen Alternativen wie Velo und ÖV attraktiver werden. Andererseits reduzieren wir die Parkplätze und erhöhen deren Gebühren, damit Platzverschwendung unattraktiv wird. Zudem müssen wir mit den umliegenden Gemeinden schauen, dass weniger Fahrzeuge in die Stadt reinfahren und der Freizeitverkehr massiv abnimmt.

«Die Verkehrswende hat nicht das Ziel, den öffentlichen Verkehr zu verlangsamen»

Ein besserer öffentlicher Verkehr und schöne Velowege werden kaum reichen, damit ab 2030 keine Benziner mehr in die Stadt reinfahren. 

Sehr effizient wäre eine emissionsfreie Zone innerhalb Zürichs. Dies können wir aber nicht alleine beschliessen, sondern müssen zusammen mit anderen Städten beim Bund vorstellig werden und für unsere Anliegen kämpfen.

Sie sind zwar erst seit Mai im Amt, die Stadt wird aber schon lange linksgrün regiert. Warum ist bisher nicht mehr passiert?

Das verstehe ich zu einem guten Teil auch nicht. Der erklärbare Teil ist: Die Stadt ist nicht voll autonom. Sie muss mit einem bürgerlichen Kanton und einem bürgerlichen Bund zusammenarbeiten. 

Experten fordern, der Verkehr müsse nicht nur weniger, sondern auch langsamer werden. Allerdings sei Tempo 30 auf allen Strassen nicht sinnvoll. Beispiel Seebahn- oder Pfingstweidstrasse, wo Langsamverkehr wegen der vielen Autos sowieso unattraktiv ist. 

Bei unseren Tempo 30-Zielen geht es weniger direkt um die Verkehrswende, sondern primär um den Lärm. Bis im März 2018 hätte Zürich lärmsaniert sein müssen und wir sind immer noch weit davon entfernt. Um den Lärm zu reduzieren, muss das Tempo runter und die Spuren müssen reduziert werden. Diese Massnahmen sind einfach, billig und effektiv. 

Wenn auf allen Strassen das Tempolimit bei 30 Stundenkilometern liegt, droht mehr Verkehr auf den Quartierstrassen, weil da die gleichen Regeln gelten. 

Es ist nicht die Idee, dass wir dann keine Hierarchien zwischen den Strassen haben. Die Bevölkerung wünscht sich in den Wohnquartieren mehr Begegnungszonen mit 20 km/h als Limit. Damit wird es wieder attraktiver, auf den grösseren Tempo-30-Strassen zu fahren. 

Ein generelles Tempo-30-Regime wird aber den ÖV ausbremsen. 

Die Verkehrswende hat nicht das Ziel, den öffentlichen Verkehr zu verlangsamen. Wenn wir Tram und Bus an Kreuzungen und mit eigenen Spuren bevorzugen und somit aus dem Autostau rausholen, werden diese trotz einer Temporeduktion nicht unbedingt langsamer. Somit wäre es für den ÖV ein Nullsummenspiel ohne höhere Kosten. 

Serie zur Verkehrswende

Gemeinsam mit Bajour und der Hauptstadt haben wir zur Verkehrswende und der Umverteilung des Strassenraums recherchiert. Das Ergebnis sind vier Artikel, welche du hier findest.

Der Podcast «Hörkombinat:Politik» hat Tsüri-Chefredaktor Simon Jacoby zur Recherche befragt, du findest die Episode hier.