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Fotos: Hanna Fröhlich

Velotour mit umverkehR: «So ein Velostreifen kostet wirklich praktisch nichts»

«Die Stadt macht zu wenig für den Veloverkehr» , findet UmverkehR-Geschäftsleiter Silas Hobi. Wir haben mit ihm eine Velotour an 7 Orte gemacht, die die Stadt zwar als «attraktiv» bezeichnet, aber an denen einiges für die Sicherheit der Velofahrer*innen getan werden muss. Ideen dazu, was geändert werde muss, liefert Hobi gleich mit.
09. August 2020
Redaktorin

Silas Hobi steht auf der Langstrasse vor dem «Anytime 24 Stunden Shop» und betrachtet den Asphalt vor ihm: Zwei Autospuren, dazwischen eine durchgezogene Linie - weit und breit kein Veloweg. Die Langstrasse ist auf dem «Masterplan Velo», den die Stadt 2012 verabschiedet hat, als Hauptroute markiert, aber nicht als eine solche erkennbar. Diese Stelle ist eine der vielen, die «umverkehR» in Zusammenarbeit mit einem Verkehrsplanungsbüro angeschaut hat - und für welche Lösungen parat stünden. Diese Lösungsvorschläge hat «umverkehR» dem Stadtrat Richard Wolff im September 2018 vorgelegt. Doch bis jetzt ist nichts passiert. Dabei wären zum Teil nur sehr wenige Massnahmen nötig, um unsichere Stellen in gut gekennzeichnete Velowege zu verwandeln. An der erwähnten Stelle an der Langstrasse könnte man zum Beispiel links und rechts einen Velostreifen machen, die Autofahrer*innen würden sich dann den Streifen in der Mitte teilen und beim Kreuzen auf den Veloweg ausweichen. So sei immerhin klar, dass auch Velos berechtigt sind, auf dieser Strasse zu fahren und die Autos könnten sich entsprechend verhalten.

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Schnell Massnahmen ergreifen ist schwierig

Unterwegs also mit Silas Hobi, per Velo die Stellen auf der Beispielroute abfahrend, die von der Stadt Zürich als attraktive Route markiert werden. (Der Masterplan Velo unterscheidet Hauptrouten und Komfortrouten. Es gibt aber auf der Zürich MAP (online Routenwahl) eine empfohlene Route «schnell» und eine «attraktiv».) Davon werden nur jene angeschaut, wo eine Lösung ohne grosse Bauprojekte möglich wäre. Dass es schwierig ist, schnell Massnahmen zu ergreifen, da das Verkehrswesen stark bürokratisiert ist und immer viele Parteien involviert sind, sieht Silas Hobi ein. Wenn sich die bemängelte Stelle zudem auf einer Kantonsstrasse befinde, mache das alles noch schwerer. «Dann ist Regierungsrätin Carmen Walker Späh von der FDP zuständig, die sich primär für das Auto einsetzt.»

Silas Hobi erklärt Schritt für Schritt, wo es Probleme gibt und was getan werden könnte.

Dass an der Urania eine Spur aufgehoben wurde, sei ein Fortschritt. Als Filippo Leutenegger als Chef des Tiefbauamts noch zuständig gewesen sei, wäre so etwas nie möglich gewesen. Zudem handle es sich dabei um eine verkehrsorientierte Strasse. Ein Argument für die neuen Velowege sei wahrscheinlich gewesen, dass der Autoverkehr nicht eingeschränkt werde. Denn die kantonale «Anti-Stau-Initiative» verlangt, dass die Verkehrskapazität für den Autoverkehr erhalten bleiben muss. Es sollte also möglichst keinen Flaschenhals geben. Seit der Annahme der Initiative sei es schwieriger Spuren aufzuheben.

Initiative über Initiative und doch geschieht nichts

Trotzdem müsse etwas passieren, fordern die Aktivist*innen von «umverkehR». 2015 wurde der «Gegenvorschlag zur Velo-Initiative» angenommen und der Stadt Zürich werden 120 Mio Franken für die Förderung des Velonetzes zur Verfügung gestellt. Davon wurde bis jetzt ein Bruchteil ausgegeben. «So ein Velostreifen kostet wirklich praktisch nichts» sagt Hobi. Die Stadt sollte selber proaktiv Lösungen entwickeln. Es könne nicht sein, dass es jedes Mal eine dritte Partei, wie «umverkehR» brauche, die Druck macht.

Viele solche Initiativen prägen die Geschichte des Velonetzes der Stadt Zürich: Zuerst die Abstimmung zur «2000-Watt-Gesellschaft» - nur schon deswegen sei das Velo sinnvoll, es verbrauche keine Energie. Danach folgte die «Städte-Initiative» von «umverkehR», die den Anteil Veloverkehr (Fuss und ÖV) am Gesamtverkehr erhöhen und den Anteil des Autoverkehrs um 10% senken sollte. Und danach die bereits erwähnte Velo-Initiative, bei welcher 2015 der Gegenvorschlag angenommen wurde, und der Stadtverwaltung den Auftrag gegeben hat, ein sicheres Velonetz zu errichten. «Auch im «Masterplan Velo» hat es Beispiele drin, die bis Ende 2016 hätten realisiert werden sollen. Bis jetzt ist aber noch nichts passiert», sagt Hobi.

Deswegen die Lösungsansätze auf der Beispielroute - damit die Stadt in die Gänge kommt und aktiv wird:

1. Langstrasse: Kanzlei- bis Badenerstrasse

Jetzt: Zwei mit Mittelstreifen getrennte Fahrbahnen ohne Veloweg.

Der Vorschlag: Links und rechts einen Velostreifen zu machen - Die Autofahrer*innen teilen sich die Fahrbahnmitte - was für Velofahrer*innen symbolisiert, dass sie einen Platz haben und für Autofahrer*innen, dass Rücksicht genommen werden muss.

2. Badenerstrasse: Zypressenstrasse bis Albisriederplatz

Jetzt: Hier gibt es einen Veloweg bis kurz vor den Parkplätzen beim Kreisel am Albisriederplatz. Dann hört er abrupt auf. Hinter den Parkplätzen kommt direkt der Albisriederplatz.

In dieser Seitenstrasse gäbe es genug Parkplätze.

Der Vorschlag: In der Seitenstrasse hat es genug Parkplätze, man könnte diejenigen an der Badenerstrasse entfernen und den Velostreifen weiterführen.

3. Hardaustrasse: Ämtler- bis Zurlindenstrasse

Jetzt: Auf dieser Strasse ist weder klar, ob das Velo trotz Einbahn durchfahren darf, noch hat es überhaupt Platz für ein Velo. Trotzdem führt die «attraktive» Veloroute hier hindurch.

Der Vorschlag: Die Parkplätze auf der linken Seite entfernen und durch einen Veloweg ersetzen.

4. Albisriederplatz

Jetzt: Im Kreisel gibt es keine Velospur und allgemein keine Markierung für Velos.

Der Vorschlag: Damit klarer wird, wo sich Velofahrer*innen bewegen können, sollte in die Mitte der Spur ein grosses Velosymbol kommen. Dieses Vorgehen sei nicht genormt, mache den Kreisel aber für Velofahrer*innen attraktiver. Sie würden so vor dem Kreisel schon in die Fahrbahnmitte geführt, die Autofahrer*innen fahren dann hinterher. Diese Massnahme gäbe den Velofahrer*innen einen Push, damit klar ist: «Ich kann da in der Mitte fahren». Es reduziere das Risiko, von Abbiegern abgedrängt zu werden.

5. Badenerstrasse: Albisriederplatz bis Letzigraben

Jetzt: Es sei typisch, meint Hobi, dass vor der Fussgängerinsel der Veloweg aufhöre, im Moment suggeriere die weisse Linie dass die Autofahrer*innen drüber fahren sollen und es keinen Platz mehr für Velofahrer*innen gibt.

Der Vorschlag: Es sind nur rein optische Elemente - aber der psychologische Aspekt sei wichtig: Wenn der gelbe Streifen weitergezogen wird, wäre der Vortritt besser geregelt. Es gehe in erster Linie darum, das Wohlbefinden für Velofahrer*innen in der Stadt zu erhöhen.

6. Letzigrund

Jetzt: Es gibt nur eine Velospur im Kreisel am Letzigrund. Der Kreisel ist aber zweispurig. Kreisel gelten ausserdem als nationale Unfallschwerpunkte, allem voran wegen dem Abbiegen. Wenn der Kreisel dann noch zweispurig ist, erschwert das den Verkehr noch mehr.

Der Vorschlag: Zwei Velospuren.

7. Edelweissstrasse: Letzigraben bis Dennlerstrasse

Jetzt: Diese Wohnstrasse ist als attraktive Route angeben. In der Mitte der Strasse befindet sich aber ein Verkehrstöggel, welcher die Velos aufs Trottoir umlenkt.

Der Vorschlag: Den Töggel müsste man entfernen.

Stadt will in Zukunft Massnahmen ergreifen

Die Stadt hat auf die Frage, wieso auf dieser Strecke noch nichts passiert sei, folgendermassen geantwortet: Auf einer Vielzahl der Abschnitte aus der Medienmitteilung von «umverkehR» seien in den nächsten Jahren Massnahmen zur Verbesserung der Veloinfrastruktur geplant. «Voraussichtlich werden die ersten Massnahmen bereits im 2021 gebaut.» Es gelte zu beachten, dass Bauprojekte immer eine lange Vorlaufzeit hätten. Damit nicht alle paar Jahre ein Strassenabschnitt aufgerissen werden müsse, werde der Ersatz von Abwasserkanälen und Werkleitungen mit Erneuerungen an der Oberfläche, also möglichen Velowegen, koordiniert. «So wird Strassenabschnitt um Strassenabschnitt saniert und deshalb gibt es Unterbrüche im Velonetz.»

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