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Monika Litscher, Rupert Wimmer, Rahel Bains und Lukas Bühler (Fotos: Annika Müller)

Kampf um den öffentlichen Raum

Neue Formen der Mobilität wie verschiedene Sharing-Systeme bringen einerseits viel Positives mit sich, doch nehmen andererseits auch viel Platz auf unseren Strassen ein. Drei Expert*innen haben am Tsüri Podium über die Nutzung des öffentlichen Raums und dessen Grenzen diskutiert.
20. Juni 2020
Praktikantin Redaktion

Die Mobilität entwickelt sich rasant weiter und bringt neue Überlegungen und Fragestellungen mit sich. Wie kann die wachsende Mobilität menschenfreundlich umgesetzt werden und zu einem friedlichen Stadtleben beitragen? Diese drei Expert*innen aus verschiedenen Bereichen diskutieren im Karl der Grosse:

Rahel Bains hat das Podium moderiert.

Veränderungen brauchen Zeit – wann wird der öffentliche Raum umverteilt?

Allen drei Expert*innen geht die Umverteilung von Auto zu Fuss- und Veloverkehr zu langsam, sie wünschen mehr Tempo und dass Zürich in den Köpfen der Menschen keine Autostadt mehr sei. «Veränderungen geschehen nicht einfach, wir sind alle in der Verantwortung und bestimmen zusammen, was wir für die Zukunft wollen», so der Appell von Litscher.

Die Stadt habe klare Strategien und wolle den Raum für die Menschen zurückgewinnen, so Wimmer. Auch er findet, es müsse schneller gehen, aber unterschiedliche Interessen und demokratische Prozesse dauern numal lange. «Wir sind an einem Punkt angelangt, mit Hitzesommer und Klima Diskussionen, es braucht starke Änderungen und klare Bekenntnisse auf allen Stufen», sagt Wimmer. Die Stadt stehe vor einer grossen Herausforderung, als Beispiel die Priorisierung vom Veloverkehr: Dem Autoverkehr muss der Platz genommen werden.

E-Scooters, Elektorbikes, Velo, Fussgänger*innen und Gewerbe – viel verschiedenes tummelt sich auf Trottoirs. Was ist eine gerechte Nutzung des öffentlichen Raums?

Für Monika Litscher heisst eine gerechte Nutzung, einen gemeinsamen Wert schaffen, der zukunftsfähig ist. Das gute Leben sollte im Vordergrund stehen. Sie sieht klar ein Ungleichgewicht in der Aufteilung des öffentlichen Raums: Das Auto nimmt zuviel Platz ein.

Rupert Wimmer verweist auf das Strassenverkehrsgesetz, das klar regelt, welches Gefährt wo seinen Platz hat. Gleichzeitig kritisiert er Vermieter*innen von Gefährten wie E-Scooters: «Die Fahrer*innen haben sich wie Velofahrer*innen zu verhalten und gehören auf die Strasse, nicht aufs Trottoir. Die Vermieter*innen müssen das klar kommunizieren.» Lukas Bühler verleiht Elektrovelos, er sieht es wie die Fussgängerin. Der grösste Teil des öffentlichen Raums gehöre den Autos, hinzu komme, dass diese die meiste Zeit nur parkiert sind und nicht gebraucht werden. Als Unternehmer greift er die Stadt Zürich an: «Wir zahlen monatlich 10 Franken pro Velo für die Nutzung des öffentlichen Raums. Im Vergleich ist das viermal mehr als der Betrag, der ein Auto zahlen muss.»

Lukas Bühler

Wimmer stimmt ihm zu, sein Auto zu parkieren, sei viel zu günstig, aber Veloverleihsysteme nahmen mit der Zeit überhand und darum erhebt die Stadt für die erhöhte Nutzung des öffentlichen Raums Gebühren. Bei der Gastro sei dies die gleiche Praxis. «Erwartet ihr, dass es nichts kostet, den öffentlichen Raum kommerziell zu nutzen?», fragt Litscher. Bühler: «Unsere Erwartungen an die Stadt sind, dass keine Gebühren erhoben werden. Im Gegenteil, sie sollen uns dafür bezahlen.» Bond Mobility befördere Personen CO2-frei, ohne Lärm und das Angebot sei rund um die Uhr verfügbar. Mit dem schnellen E-Bike würden Autofahrten ersetzt, so gäbe Bond der Stadt Platz zurück. Darum erwartet er, gefördert zu werden.

Wir würden die drei Expert*innen den öffentlichen Raum neu verteilen?

«Grüner, langsamer und weniger Blech» – so stellt sich Lukas Bühler Zürich zukünftig vor. Von Mischzonen, wo Velo- und Fussverkehr sich eine Spur teilen, hält er wenig, «Mistzonen» nennt er diese. Die Hardbrücke als Horrorbeispiel, wie es nicht sein sollte: Fussgänger*innen und Velos teilen sich eine Spur und letztere dürfen die Strasse nicht mitnutzen.

Wimmer wünscht sich breitere und mit Bäumen begrünte Troittoirs. Der Verkehr in der Mitte soll sich langsamer bewegen, denn das Langsam ermögliche ein Miteinander von verschiedenen Verkehrsteilnehmer*innen. Bühler wendet ein, Kinder auf Velos könne man doch nicht auf die gleiche Spur wie LKWs setzen. «Wir können den Raum nicht so aufteilen, dass all einen eigenen Bereich haben. Wir müssen Ansätze von Koexistenz verfolgen. Dass auf stark befahren Strassen der Veloverkehr eine eigene Spur braucht, ist selbstredend. Aber auf Quartierstrassen geht diese Miteinander gut», so Wimmer.

Monika Litscher

Von den Visionen zurück in die Realität. Das Miteinander entspricht auch Litschers Vision. «Aber es reicht nicht. Wir brauchen eine Priorisierung. Die Forderungen sind hier, von seiten Volk und der Politik: Weniger Autos», sagt Litscher und appelliert an alle, wer mitmacht, kann auch etwas bewirken. Ziele seien gesetzt, nun liege es daran, diese so schnell wie möglich zu verfolgen.

Wimmer wendet noch einen Punkt ein: «Wir können nicht die günstige und schnelle Mobilität fordern und gleichzeitig die Rückgewinnung von Raum.» Mobilität ist zu günstig, so sieht es auch Bühler: Es schmerzt nicht, unterwegs zu sein und wir seien so viel unterwegs, wie noch nie zuvor – für ihn sei das ein Verlust von Lebensqualität. Sein Bild für die Zukunft von Zürich: «Ich hoffe, dass wir mit dem Fischerboot ans Bellevue fahren und die Fische dort ausladen können, ohne die Angst von einem 40 Tönner überfahren zu werden.»


Das ganze Gespräch:

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