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Veganismus-Kolumne: Zeit für neue Ostertraditionen

Der Osterhase kommt bereits angehoppelt. Warum er dieses Jahr lieber keine Eier mitbringen soll, erfährst du in dieser Kolumne.
11. April 2020
Kolumnistin / Geschäftsführerin Vegane Gesellschaft Schweiz

So ein Bibeli ist schon was Härziges. So gelb und flauschig. Man möchte es am liebsten in die Hand nehmen und übers Köpfchen streicheln. Ich bin ziemlich sicher, dass es nicht nur mir so geht, wenn ich ein Bibeli sehe. Dass jedoch alleine in der Schweiz jedes Jahr rund 2,5 Millionen Bibeli getötet werden, ist vielen nicht bewusst. Sonst wäre der Eierkonsum mit Sicherheit bedeutend kleiner.

Wo liegt denn das Problem?

Als ich mich vor über fünf Jahren mit dem veganen Lebensstil beschäftigte, war mir die Sache mit den Hühnern lange nicht ganz klar. Dass Hühner keine Grasfresser sind und für sie Futter importiert wird, hatte ich bereits herausgefunden. Ökologisch also ein Unsinn. «Aber wo soll das ethische Problem liegen? So einem Bio Huhn geht es doch ganz gut und Hühner legen ja sowieso Eier», dachte ich. Das war bevor mir vollends klar war, dass immer jemand leidet, wenn es in erster Linie um Effizienz geht. Mir war da auch noch nicht bewusst, dass es zwei Zuchtlinien gibt: die «Legehennen» und die «Masthühner». Weil das System effizient zu sein hat, eignet sich die eine Zuchtlinie nicht fürs Eierlegen und die andere nicht fürs Mästen.

Effizient, effizienter, am fragwürdigsten

Eine «Legehenne» legt heutzutage bis zu 300 Eier im Jahr. Vor 70 Jahren waren es noch 120 Eier. Dass sich die Hühner nicht von alleine in diese Richtung entwickelt haben, kann man sich wohl denken. Und dass ihnen das häufige Eierlegen nicht besonders gut tut, wohl auch. Nach ungefähr einem Lebensjahr legt das Huhn weniger Eier. Deshalb wird es getötet – again, es wäre nicht effizient, das Huhn produktionslos weiter durchzufüttern und für die Mast eignet es sich nicht. Es braucht also Nachschub von Legehennen, da männliche Hühner keine Eier legen.

Die männlichen, sogenannte «Eintagsküken», werden in einen Trog geworfen und anschliessend aufgrund mangelnder Rentabilität vergast.

Bye bye Bibeli

Bibeli schlüpfen und werden «gesext»: Auf YouTube sah ich ein Video, wie Bibeli vom Laufband genommen und nach Geschlecht aussortiert werden. Die männlichen, sogenannte «Eintagsküken», werden in einen Trog geworfen und anschliessend aufgrund mangelnder Rentabilität vergast: Sie sind in der Eierindustrie nutzlos. Als ich das zum ersten Mal sah, schauderte es mich: «DAS nehme ich für mein Eiertütschen an Ostern in Kauf?» Ich wollte doch gerade noch dem Bibeli über den gelben Flaum streicheln und konnte fast nicht glauben, dass wir stattdessen über 2,5 Millionen Küken pro Jahr vergasen. Rechnet man die importierten Eier und verarbeiteten Produkte noch mit ein, ist es ein Vielfaches mehr. Ob Bio oder nicht spielt dabei keine Rolle.

«Dem Intellekt des Menschen nicht würdig»

Mit der Veganen Gesellschaft Schweiz reichten wir vor zwei Jahren eine Petition ein, dass Bibeli nicht mehr geschreddert oder vergast werden dürfen und Alternativen wie zum Beispiel Früherkennungsmethoden, gefördert werden müssen. Die Petition wurde abgelehnt. Die zuständige Kommission anerkannte zwar, dass die Praxis ethisch fragwürdig ist und schrieb dazu:

«Auch ethisch gesehen kann man sich fragen, ob es akzeptabel ist, ein Küken einzig aus dem Grund zu töten, dass es ein Männchen aus einer Legehennenlinie ist. Der Trend, Rassen nur fürs Eierlegen oder für die Fleischproduktion zu züchten, macht aus dem Tier einen simplen Produktionsgegenstand und führt zu Absurditäten wie dem Schreddern lebender männlicher Küken, was dem Intellekt des Menschen nicht würdig ist.»

Der Nationalrat entschied anschliessend lediglich das Schreddern von Küken zu verbieten. Was für die Bibeli absolut keinen Unterschied macht. Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als dort anzusetzen, wo wir ganz bestimmt und sofort etwas ändern können: Bei unserem täglichen Konsum.

Zeit für neue Traditionen

Durch Traditionen wie das Tütschen und Bemalen von Eiern erreicht der Eierkonsum an Ostern jeweils seinen Höhepunkt. Aber Hühner legen nicht einfach mehr Eier zu dieser Zeit. Es werden extra zusätzliche Hühner herangezogen, um den Bedarf zu decken. Nach Ostern werden sie gleich wieder getötet. Was können wir also tun? Von liebgewonnenen Traditionen abzusehen fällt uns verständlicherweise oft nicht leicht. Es hilft aber, wenn wir uns aber bewusst sind, warum dies sinnvoll ist. Und wir können neue Traditionen kreieren. Osternester können nämlich auch mit veganer Schokolade und Zuckereier befüllt werden, Steine lassen sich schmerzlos bemalen und für leckeres Rührei aus Tofu gibt es online bereits unzählige Rezepte.

Ja, es braucht oft einen Ruck, um Neues auszuprobieren. Aber kreative Alternativen zu finden entspricht ganz bestimmt mehr dem menschlichen Intellekt, als alles so zu lassen, wie es schon immer war. In diesem Sinne: Frohe Ostern!

Laura Lombardini
Laura Lombardini (33 Jahre alt) ist seit 2018 Geschäftsführerin der Veganen Gesellschaft Schweiz und lebt seit über 5 Jahren vegan. In ihrer Kolumne wird es um veganen Lifestyle gehen. Sie beschreibt dabei wie es um den Veganismus in der Schweiz steht und wie der Verein diesen fördert.
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