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Veganismus-Kolumne: Ich missioniere? Du auch!

Zwischenmenschliche Beziehungen sind per se schon eine Herausforderung. Kommt dann noch eine andere Ernährung aufgrund ethischer Entscheide dazu, scheint das Scheitern wegen unüberbrückbaren Differenzen auf sicher.
09. Mai 2020
Kolumnistin / Geschäftsführerin Vegane Gesellschaft Schweiz

Wenn ich Menschen kennen lerne, läuft das in der Regel so ab:

«Und, was machst du so?»

«Ich bin Geschäftsleiterin bei der Veganen Gesellschaft Schweiz.»

«Aha...ähm...» Und der Blick schweift etwas verzweifelt weg. Ich kann sehen wie es in meinem Gegenüber gärt.

Das Thema «vegan» ist so emotional aufgeladen, dass die Chance auf einen unangenehmen weiteren Gesprächsverlauf gross ist. Es gibt wenige, noch bessere Stimmungskiller. Gar nicht zu reagieren wäre unhöflich. Deshalb erklärt mir die neue Bekanntschaft als nächstes oft, wie wenig Fleisch und in welcher Qualität sie es konsumiert. Ich wundere mich jedesmal darüber. Es ist so ziemlich das Letzte, das ich von einem Menschen wissen möchte. Gleichzeitig kann ich die Reaktion verstehen. Wir sind soziale Wesen und versuchen mit unseren Mitmenschen Gemeinsamkeiten zu finden. Weil die meisten wissen, dass der Konsum von Fleisch mit Leid verbunden ist, möchten sie zeigen, dass ihnen das ebenfalls auf keinen Fall egal ist. Mir wiederum fällt es dann auch nicht immer leicht, adäquat zu reagieren. Genau wie mein Gegenüber habe ich nun eine Information, mit der ich nicht recht weiss, was ich anfangen soll. Sie ist mir ein bisschen unangenehm.

Möchte die Person gelobt werden? Oder soll ich nachfragen, was die Beweggründe sind? Soll ich sagen, wie erstaunt ich bin, dass ich immer nur die rund 10 Prozent Menschen antreffe, die das Biofleisch aus der Schweiz konsumieren? Möchte die Person jetzt über Veganismus reden oder soll ich besser elegant das Thema wechseln? Ich möchte das Richtige tun, denn aus meiner eigenen Erinnerung weiss ich noch, wie schnell man eine*n Veganer*in als missionarisch empfindet. Aber stattdessen beginnt hier der Eiertanz.

Wir alle missionieren ein bisschen

Die Definition von «missionieren» lautet gemäss Wikipedia «jemandem eine Glaubenslehre, besonders das Christentum, verkünden und ihn bzw. sie bekehren». Veganer*innen wird ja oft vorgeworfen, zu missionieren. Auch mir wurde das schon unterstellt. Abgesehen davon, dass Veganismus so rein gar nichts mit dem Christentum oder Religion allgemein zu tun hat, ist das ein merkwürdiger Vorwurf. Tiere wollen weder leiden noch sterben und der Umwelt schadet der übermässige Tierkonsum ebenfalls. Das können wir sehen und erleben. Deshalb ist die Frage nicht, ob wir daran glauben, sondern wie wichtig uns das ist.

Ich habe mich in den letzten Jahren intensiv mit diesen Themen beschäftigt. Dabei habe ich immer mehr entdeckt, was ich früher alles nicht wusste oder ignoriert hatte. Diese Erkenntnisse möchte ich teilen – und damit überzeugen, das eigene Verhalten zu überdenken. Wir Menschen können vieles voneinander lernen und das kann sehr bereichernd sein. Wenn das als missionieren empfunden wird – was bedeutet das umgekehrt für das Thema Fleisch?

Überall begegnet uns Werbung dafür, die traditionelle Schweizer Restaurantküche ist ohne tierische Produkte ziemlich unkreativ und beim Grillfest wirst du in der Regel verwundert bis schockiert angeschaut und dir wird ungefragt erklärt, wie ungesund das angeblich sei, wenn du keine klassische Bratwurst essen möchtest. Das mutet schon missionarisch an. Aber ich gebe zu: Ich habe mich von einem «Du bist vegan? Bist du auch eine von denen, die missioniert?» schon zum Missionieren provozieren lassen. Offenbar hatte die Person früher ein paar unangenehme Diskussionen. Aber anstatt zu sagen, dass wir gerne auch über anderes reden können, schmiss ich mit Fakten nur so um mich. Das Gespräch war damit schnell beendet.

Die Schweine, an die ich denke

Noch etwas komplexer als mit frischen oder entfernten Bekanntschaften verhält es sich mit der nicht-veganen Familie und engen Freund*innen. Beziehungen basieren ja unter anderem auf Gemeinsamkeiten, gegenseitigem Verständnis, Respekt und Akzeptanz. Für die vegan lebende Person kann das manchmal gleichermassen schwierig sein, wie für die nicht-vegan lebende. Bisher gelang es mir ziemlich gut, auszublenden, wenn jemand am gleichen Tisch Fleisch ass. Bei mir nahestehenden Menschen fällt es jedoch zunehmend schwerer. Ich weiss, wie leicht es ist, die Tiere auszublenden. Schon früher löste der Anblick eines Minischweinchens einen Quietsch-Krampf bei mir aus. Danach Speck auf dem Teller zu haben, war kein Problem. Ich machte die Verbindung lange nicht – bis ich mich entschied, sie bewusst zuzulassen.

Sehe ich nun einen Freund sich Speck in seinen Mund schieben, muss ich inzwischen wegsehen. Ich sehe eben nicht mehr nur den Speck als etwas Essbares vor mir. Stattdessen denke ich an die Schweine, denen ich auf Lebenshöfen den Bauch kraulen durfte. Ich denke an die dunklen Hallen, in denen die meisten ihr Dasein fristen. Ich denke an die doppelstöckigen Transporter, voll geladen mit den sensiblen Tieren. Ich höre ihre Schreie und die Bolzenschüsse, nachdem sie in den Schlachthof geführt wurden. Ich erinnere mich an die Alpträume, die ich danach hatte.

Die unterschiedliche Lebensführung anzusprechen, ohne anklagend zu wirken, ist mit diesem Hintergrund manchmal gar nicht so einfach.

Also ja, manchmal missioniere ich. Und meine Mission heisst: Mehr Empathie für alle.

Empathie und Pizza

Egal, ob es um den besten Freund oder die Unbekannte in der Onlinediskussion geht: Wir sollten wohl alle ein bisschen empathischer und respektvoller miteinander umgehen. Die Welt ändert sich (aktuell sogar noch ein bisschen schneller, als sonst) und wir uns mit ihr. Manchmal geht es mir gar nicht schnell genug. Dabei weiss ich, dass alles seine Zeit braucht. Ich wurde ja auch nicht vegan geboren, sondern brauchte 28 Jahre dahin. Statt mit Fakten um mich zu werfen, möchte ich auf mein Gegenüber eingehen und zuhören, wo die Person mit dem Thema steht. Ohne Absichten, aus reinem Interesse am anderen Menschen. Wenn sich mein guter Freund dann noch dafür entscheidet, in meiner Gegenwart die Pizza ohne Speck zu bestellen, dann scheint der zwischenmenschliche Beziehungserfolg wegen überbrückten Differenzen auf sicher. Also ja, manchmal missioniere ich. Und meine Mission heisst: Mehr Empathie für alle.

Laura Lombardini
Laura Lombardini (33 Jahre alt) ist seit 2018 Geschäftsführerin der Veganen Gesellschaft Schweiz und lebt seit über 5 Jahren vegan. In ihrer Kolumne wird es um veganen Lifestyle gehen. Sie beschreibt dabei wie es um den Veganismus in der Schweiz steht und wie der Verein diesen fördert.
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– Die Veganismus-Kolumne von Laura Lombardini, Geschäftsführerin der Veganen Gesellschaft Schweiz.

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