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Veganismus-Kolumne: Es geht um die Wurst

«Warum müssen vegane Produkte wie Fleisch aussehen?» – wer diese Frage in Relation setzt, findet sie plötzlich gar nicht mehr so wichtig.
14. März 2020
Kolumnistin / Geschäftsführerin Vegane Gesellschaft Schweiz

Eigentlich könnte man auch fragen, warum eine Wurst wie eine Gurke aussehen muss. Aber das fragt kaum jemand. Warum auch? Es ist eine sehr praktische Form. Sie ist handlich, lässt sich gut in mundgerechte Stücke schneiden und bei Bedarf lässt sie sich mit viel Ketchup in ein Baguette stecken – also die Wurst, nicht die Gurke. Genauso wie das Burger-Patty perfekt zwischen zwei Brötchenhälften passt, auf das man noch Sauce und ein pseudogesundes Salatblatt klatscht. Ob das dann schmeckt oder nicht, hat weniger mit vegan oder nicht vegan zu tun, sondern mit dem persönlichen Geschmacksempfinden. Wer Fleisch isst, mag deswegen ja auch noch lange nicht jede Fleischsorte gleich gern. So gesehen kann man dann genauso gut auch die vegane Option mal ausprobieren. Und möglicherweise könnten wir auch schon bald dazu gezwungen sein.

Corona und afrikanische Schweinepest

Während wir uns in Zürich noch fragen, ob wir wegen der Ansteckung von Corona unsere Freund*innen zur Begrüssung noch umarmen dürfen, kauft China weltweit Schweinefleisch auf. Die eigene Fleischproduktion wird unter ihren Massnahmen zur Eindämmung der Epidemie stark gehindert. Dazu zählen auch das Abriegeln von vielen grossen Städten, wo deswegen Tiertransporte nicht mehr durchkommen. Aber nicht nur deshalb ist dort kaum noch Schweinefleisch vorhanden. Wegen der afrikanischen Schweinepest mussten alleine in China Millionen Schweine «notgetötet» werden. Man geht von bis zu 60 Millionen Tieren aus: Das ist rund 40% des gesamten Bestandes im Land. Ein Ende scheint nicht in Sicht. Und auch in Osteuropa ist die Schweinepest zu einem grossen Problem geworden. Zwar ist dieser Virus für den Menschen ungefährlich, doch 90% der erkrankten (Haus- und Wild-) Schweine sterben daran. Nicht nur Assfresser wie Raben, Ratten und Füchse tragen das Virus weiter, ohne dabei zu erkranken: Vor allem ist der Mensch (zum Beispiel über seine Kleidung oder Autoreifen) verantwortlich für die Weiterverbreitung in ganz Europa. Das Virus überlebt monatelang und stirbt selbst beim Einfrieren oder Kochen von Fleisch nicht ab und kann auf diese Weise weit reisen. Erkrankt ein Tier, muss der ganze Bestand getötet werden. Befallene Höfe dürfen über längere Zeit keine Schweine mehr an dem Ort halten. Gemäss aktuellen Berichten des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen sind die Vorkommnisse in Westpolen, wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, beunruhigend. Es scheint eine Frage der Zeit, bis die Schweinepest auch die Schweiz erreicht.

Selbst Fleischverarbeiter*innen horchen auf

Die Probleme werden angesichts der immensen Tierbestände und dem hohen Konsum immer grösser. Die Preise für Schweinefleisch haben durch diese Entwicklungen bereits angezogen und werden vermutlich weiter steigen. Der Bell Konzern ist letztes Jahr vielleicht auch deshalb aus dem Wurstwaren-Geschäft ausgestiegen. Stattdessen baut er seinen Convenience Bereich aus. Dazu gehören auch vegane Fleischalternativen. Rügenwalder, der grösste Fleischverarbeiter Deutschlands, entwickelt schon seit Jahren pflanzliche Alternativen. Der Geschäftsleiter kommuniziert ganz offen, dass er in diesen Produkten die Zukunft sieht. Wenn also bereits die Fleischindustrie in diese Richtung geht, dann wird das was heissen.

Es muss keine vegane Wurst sein – aber es darf

Die vegane Küche ist sehr vielfältig. Optionen, die an Fleisch erinnern, braucht es nicht. Aus Hülsenfrüchten, Gemüse, Früchten und Getreide gibt es eine schier unendliche Kombinationen, um daraus Gerichte zu kreieren. Damit lässt es sich wunderbar leben. Aber zwischendurch darf es für mich auch etwas sein, das ich von früher kenne und mag. Wie eine Wurst. Ich (und die meisten anderen, die vegan leben) habe nicht aufgehört, Würste oder Burger zu essen, weil ich sie nicht mochte. Und obwohl ich gerne neue Gerichte ausprobiere, überkommt mich hin und wieder die Lust nach einem von fett triefenden Burger mit viel BBQ oder Knoblauchsauce, ein paar Zwiebelringen und dem obligaten Salatblatt drin. Das Tierleid und die ökologischen Schäden, die ein Burger aus Tieren mit sich zieht, will ich aber trotzdem nicht in Kauf nehmen. Muss ich zum Glück auch nicht, dank der veganen Optionen. Genau gleich funktioniert übrigens das Prinzip bei alkoholfreiem Bier oder koffeinfreiem Kaffee.

Von Beyond Meat, die weltweit mit dem veganen Burger schlechthin bekannt wurden, gibt es seit einer Weile auch eine erstaunlich gute Wurst. Und auch von anderen Produzent*innen wissen wir, dass sie die Grillsaison mit neuen veganen Produkten bald aufmischen werden.

Die Frage in Relation gesetzt

Meistens gebe ich auf die Frage, warum denn vegane Produkte wie Fleisch aussehen müssen, all die oben stehenden Informationen. Vielen reicht das als Antwort. Oder es kommen weitere Fragen auf, zum Beispiel, ob denn das nicht mega ungesund sei. Auch darüber gebe ich gerne Auskunft. Manchmal antworte ich auf die Ursprungsfrage aber auch damit: In Brasilien gab es (und gibt es noch immer) die schlimmsten Waldrodungen seit langer Zeit, unter anderem um noch mehr Platz für «Nutztiere» und ihr Futter zu schaffen. An katastrophale Brände wie in Australien werden wir uns gewöhnen müssen, wenn wir nicht handeln. Denn Trockenheit oder Überschwemmungen werden durch den Klimawandel verstärkt. Wir verlieren jedes Jahr immense Waldflächen – und damit nicht nur die besten CO2 Speicher schlechthin, sondern auch die Lebensgrundlage für indigene Völker und verschiedenste Tier- und Pflanzenarten. Die Biodiversität nimmt durch unseren konstanten Eingriff in die Natur stetig ab. Immer mehr Arten sterben aus. Eine schier unvorstellbare Zahl von Tieren muss jedes Jahr für unseren Konsum leiden und sterben, obwohl wir genügend Alternativen haben. Die Verbreitung von tödlichen Viren, Krankheiten und antibiotikaresistenten Keime, verursacht durch die Tiernutzung, sind reale Gefahren. Wenn nun so eine vegane Wurst auch nur einem Menschen dabei hilft, seinen Fleischkonsum zu reduzieren, dann ist die Frage nach ihrem Aussehen doch völlig obsolet, oder?

Laura Lombardini
Laura Lombardini (33 Jahre alt) ist seit 2018 Geschäftsführerin der Veganen Gesellschaft Schweiz und lebt seit über 5 Jahren vegan. In ihrer Kolumne wird es um veganen Lifestyle gehen. Sie beschreibt dabei wie es um den Veganismus in der Schweiz steht und wie der Verein diesen fördert.
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