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Illustration: Artemisia Astolfi

«Plötzlich bin ich in der Ernährerrolle – obwohl wir eigentlich eine moderne Familie sein wollten»

Was, wenn man plötzlich in einer «Kleinfamilien-Bubble» landet, obwohl das nie der Plan war? Wie ist es, gleichzeitig zum Studiumsabschluss auch noch Vater zu werden? Und wie gerät man in einer scheinbar gleichberechtigten Beziehung in die Rolle des Ernährers? Unsere Redaktorin hat sich auf den Spielplätzen dieser Stadt umgehört. Das Resultat: Fünf ehrliche Gespräche über das Vatersein.
04. September 2020
Redaktorin

Ich lerne Tim während einer dieser langen Berliner Sommernächte kennen. Während draussen bereits die Sonne scheint, sitzen wir alle hinter heruntergezogenen Fensterläden im Dunkeln. Die Wände der Bar sind schwarz gestrichen, nur die Kerzen auf den Tischen beleuchten unsere Gesichter. Tim hat Geburtstag. Seinen Dreissigsten, um genau zu sein. Früher habe er als Barchef hinter den Tresen ebendieser Bar gearbeitet, erzählt er. Er habe es geliebt, doch nun ein Studium angefangen. Er will Lehrer werden. Schliesslich müsse er seinem zweijährigen Sohn etwas «bieten» können. Als Nebenjob fällt Tim Bäume. Mitten in der Stadt. Rote Kratzer auf seinen Armen zeugen davon. Das Leben sei teuer. Und ab und zu mal in die Ferien zu fahren halt schon auch toll. Zudem würden Bio-Lebensmittel viel kosten. Eigentlich wisse er gar nicht, ob er wirklich Lehrer werden wolle, schiebt er nach. Aber er trage nun Verantwortung.

Was Tim von Vätern in Zürich unterscheidet? Als erstes wohl der hierzulande praktisch nicht existente Vaterschaftsurlaub beziehungsweise Elternzeit. Mütter und Väter haben in Deutschland nach der Geburt ihres Kindes ein Recht auf 36 Monate Elternzeit, die sie je nach Belieben untereinander aufteilen können. Dieses Modell wird auch von Schweizer*innen oft zitiert, wenn eine Diskussion auf das Thema «Vaterschaftsurlaub» zusteuert – was im Moment hinsichtlich der Abstimmung vom 27. September (siehe Box) bekanntlich oft passiert.

Um herauszufinden, ob Tim mit der Erwartungshaltung, seine kleine Familie quasi im Alleingang zu versorgen, in unserer Stadt Gleichgesinnte finden würde oder ob sich Zürcher Väter Betreuungs- sowie Erwerbsarbeit mit ihren Partnerinnen aufteilen, habe ich mit Letzteren das Gespräch gesucht.

Ich habe mit ihnen über Betreuungsmodelle, den Druck, sich trotz des allgegenwärtigen Paradigmenwechsels in unserer Gesellschaft plötzlich in der Rolle des Ernährers wiederzufinden, die «Kleinfamilien-Bubble» und darüber, wie es ist, jung Vater zu werden – und natürlich auch über die Zeit direkt nach der Geburt gesprochen. Der Tenor: «Nur zwei Wochen Vaterschaftsurlaub ist eine Farce!»


Mit 28 Vater zu werden war für mich zu früh.

John (38),Tätowierer

«Mein Sohn kam auf die Welt, als ich 28 Jahre alt war. Ich hatte bis dahin zehn Jahre lang hart für meine Karriere als Tätowierer gearbeitet und es bot mir genau zu diesem Zeitpunkt eine einmalige Chance, für die ich jedoch in die USA hätte ziehen müssen. Meine damalige Partnerin und Mutter meines Sohnes war dagegen und für mich war klar, dass ich für mein Kind da sein möchte. Deshalb fiel mir die Entscheidung zu bleiben leicht – und doch auch wieder nicht. Im Nachhinein kann ich sagen: Mein Sohn ist das Beste, das mir passieren konnte. Er hat mich zu einem besseren Menschen gemacht.

Und trotzdem: Mit 28 Vater zu werden war für mich zu früh. Erst jetzt, zehn Jahre später, bin ich wirklich bereit dafür. Wir lebten damals betreuungstechnisch kein 50/50-Modell wie es heute viele Eltern tun. Ich kam schon ein wenig in diesen Film rein, meinem Sohn etwas bieten zu müssen. Heute wüsste ich es besser: Nämlich, dass alles, was es braucht, vor allem einfach Liebe ist. Damals habe ich jedoch den gleichen Fehler gemacht, wie wohl viele hier in der Schweiz: Ich habe gearbeitet wie ein Vollidiot, um materiell versorgen zu können.»


Plötzlich merkt man, wie man in diese Kleinfamilien-Bubble abgedriftet ist, ohne es zu planen.

Tomo (38), Sozialpädagoge

«Ich bin relativ spät Vater geworden und habe die Jahre in meinen Zwanzigern und Dreissigern gefeiert. Kaum Eltern geworden, sind meine Frau und ich unbewusst in eine klassische Rollenverteilung reingeraten: Meine Frau ging zwar sechs Monate nach der Geburt unseres Sohnes wieder arbeiten, hat dann aber schnell gemerkt, dass es doch ein wenig viel ist und sie eine Auszeit braucht, bevor im September ihr Studium beginnt. Ich habe während der ganzen Zeit 80 Prozent gearbeitet und tue es noch immer. Mir ist wichtig, dass ich pro Arbeitswoche einen Tag mit meinem Kleinen habe. Trotzdem befinde ich mich im Moment in dieser klassischen Ernährerrolle. Das ist nicht immer angenehm, auch für meine Partnerin nicht, weil sie finanziell abhängig ist von mir. Ich im Gegenzug spüre, wie der finanzielle Druck alleine auf mir lastet. Eigentlich möchten wir eine moderne Familie sein und ich möchte Zeit haben für mein Kind und meine Partnerin, weil: es ist echt verdammt viel Arbeit. Ich hätte nicht gedacht, dass es so viel Arbeit ist.

Und plötzlich merkt man, wie man in diese «Kleinfamilien-Bubble» abgedriftet ist, ohne es zu planen. Man lebt abgeschottet zu Dritt und organisiert sich sehr in diesen kleinen Strukturen. Ich wünsche mir, mehr aus ebendiesen Strukturen auszubrechen. Mein Wunschmodell? Ich würde am liebsten mit ein paar Freund*innen in einem Haus wohnen, mit einem grossen Gemeinschaftsraum, einem Garten – in der Stadt natürlich – und auch noch bezahlbar. Eine Utopie?

Ich fand die Zeit nach der Geburt zwar sehr intensiv, aber auch extrem schön. Ich weiss nicht, wie meine Partnerin das alleine hätte stemmen sollen. Vor allem nach einer komplizierten Geburt, die psychische wie physische Schmerzen nach sich zog. Lasst uns über neue Modelle nachdenken! Die vorgeschlagenen zwei Wochen, über die wir nun abstimmen, sind eine Farce.»


Vielleicht bekommen wir nochmals Kinder mit neuen Partnern – dann müssten wir unser Konzept neu denken.

Felix (30), Filmschaffender

«Ich habe mir damals als Ziel gesetzt, mein Filmstudium an der ZHdK noch vor der Geburt meines heute zweijährigen Sohnes abzuschliessen. Ich wollte zuerst das eine Kapitel beenden, bevor ich ein Neues beginne. Die Mutter meines Sohnes und ich haben uns mittlerweile getrennt. Sie studiert noch immer und das spüre ich schon ein wenig. Also, dass sie noch immer mehr mit ihrer Ausbildung beschäftigt ist als damit, Geld zu verdienen. Aber versteh mich nicht falsch: Ich finde es gut, dass sie ihr Studium durchzieht. Und mit der Zeit merkt man zudem: Man kann auch mit weniger Ressourcen sprich weniger Geld ein Kind grossziehen. Zum Glück habe ich eine bezahlbare Wohnung in einer Genossenschaft im Kreis 5 gefunden. Die Hälfte der Woche ist der Kleine bei seiner Mutter, die andere Hälfte wohnt er bei mir. Ich glaube, das machen die wenigsten Väter. Alleine mit ihren Kindern wohnen.

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Ich arbeite zwischen 60 und 80 Prozent, zum Teil auch in der Nacht oder am Wochenende. Der Einstieg ins Berufsleben nach dem Studium war nicht einfach, doch ich glaube im Bereich der Kunst ist es immer ein wenig ein «Hustle». Bei mir ist es auch ein stetiges Abwägen von: Was ist Kunst und was einfach ein Auftrag, bei dem am Ende Geld reinkommen muss?

Durch meine Selbständigkeit bin ich ziemlich flexibel, wovon auch die Mutter meines Sohnes profitiert. Ich finde unser Modell ziemlich gut. Es kann natürlich sein, dass der Kleine irgendwann lieber ganz bei mir oder bei seiner Mama leben möchte. Oder vielleicht bekommen wir nochmals Kinder mit neuen Partnern – dann müssten wir unser Konzept neu denken.»


Sind es nicht ohnehin oft die Eltern, die eine Situation kompliziert machen und nicht die Kinder?

Jan (30), Unternehmensberater

«Meine Frau und ich arbeiten beide Teilzeit, ich 80, sie 60 Prozent. Klar hat man als Eltern mehr Verpflichtungen, aus finanzieller wie auch aus organisatorischer Sicht. Aber einen Druck? Den habe ich nie verspürt. Ich glaube, als Vater habe ich es heute nicht schwieriger oder einfacher, als zum Beispiel mein Vater damals. Es ist einfach: anders. Die Aufgaben sind diverser, früher war es klassischer organisiert, für Väter stand die Rolle des Versorgers klar im Vordergrund. Heute herrscht weitgehend die Erwartung, dass man als Vater eine sehr enge Beziehung zu seinem Kind aufbaut und einen aktiven Part in der Erziehung einnimmt, was nicht unbedingt vereinbar ist mit einem Job, bei dem man von Montag bis Freitag von Morgen früh bis Abends spät arbeiten muss.

Ich bin mit 27 Jahren Vater geworden – und war damit in meinem Freundeskreis mit Abstand der Erste. Ja, es war für heutige Verhältnisse relativ früh. Doch wir versuchen grundsätzlich, keinen komplett anderen Alltag und Lebensrhytmus zu führen sprich auch mit unserem Sohn längere Reisen usw. zu unternehmen. Sind es nicht ohnehin oft die Eltern, die eine Situation kompliziert machen und nicht die Kinder?

Den einen Tag Vaterschaftsurlaub finde ich nicht mehr zeitgemäss, vor allem auch im Vergleich mit den umliegenden Ländern. Vier Wochen Vaterschaftsurlaub wären meiner Meinung nach das Minimum, eine Einführung einer Elternzeit wie in Deutschland noch besser.»


Als ich in die Schweiz gezogen bin, haben viele meiner Freund*innen gesagt: ‹Du willst in der Schweiz eine Familie gründen – bist du bescheuert?›

Paul (35), Schauspieler

«Meine Freundin und ich teilen uns die Betreuung auf. Ich habe die Kleine Montags, sie Mittwochs und Donnerstags. Zwei Tage hält uns die Kita den Rücken frei. Einer dieser Väter zu sein, die nur am Abend oder an den Wochenenden zu Hause sind, könnte ich mir nicht vorstellen. Ich bin Schauspieler in einem Theater-Ensemble. Als ich zu einem Gespräch in Zusammenhang mit einem festen Engagement eingeladen war, nutzte ich die Gunst der Stunde: Ich fragte, ob es möglich sei, an einem fixen Tag erst abends zu proben, weil ich den Tag hindurch meine heute zweijährige Tochter betreue. Es war ein langer Prozess, doch es hat geklappt. Dies zeigt, dass Teilzeitarbeit auch am Theater möglich ist.

Ich stamme aus Deutschland, dort kannst du dir die insgesamt dreijährige Elternzeit aufteilen. Als ich in die Schweiz gezogen bin, haben viele meiner Freund*innen gesagt: ‹Du willst in der Schweiz eine Familie gründen – bist du bescheuert?»


Vaterschaftsurlaub Schweiz – ein Blick zurück
Nach einer intensiven Debatte hatte der Nationalrat vor einem Jahr über die Volksinitiative «Für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub, zum Nutzen der ganzen Familie» und den indirekten Gegenentwurf entschieden. Er lehnte die Initiative, die vier Wochen Vaterschaftsurlaub forderte, zwar ab, hiess den Gegenvorschlag mit zwei Wochen jedoch gut. Nachdem auch die Schlussabstimmung des Parlaments zum indirekten Gegenvorschlag positiv ausgefallen war, schienen die zwei Wochen Vaterschaftsurlaub zum Greifen nah. Das Initiativkomitee zog Anfang Oktober das Volksbegehren bedingt zurück – doch daraufhin wurde von einer überparteilichen Allianz aus SVP-Politikern, Gewerbeverbänden, Jungfreisinnigen und einigen FDP-Parlamentariern namens «Immer mehr Lohnabzüge von allen für Gratisferien von wenigen» prompt das Referendum ergriffen. Das Komitee kritisierte unter anderem, dass der Staat sich immer mehr in die Familie einmische. Die Eltern könnten selber entscheiden, wie sie ihre Kinder betreuen wollten. Nun kommt der Gegenvorschlag der Initiative am 27. September vor das Volk.
Für SP, Grüne und GLP indes ist der Vaterschaftsurlaub lediglich der erste Schritt zu einer Elternzeit. Denn durch die angepeilten zwei Wochen Vaterschaftsurlaub würden die traditionellen Rollenbilder zementiert. Eine Elternzeit hingegen würde den Vätern und Müttern entweder gleich viel Auszeit einräumen oder wäre teilweise frei aufteilbar.
Einer Gruppe um Daniel Graf, den Gründer den Onlineplattform Wecollect, schwebt gar eine Volksinitiative für eine bezahlte Elternzeit von je 15 Wochen für Mutter und Vater vor. GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy hat 2016 eine parlamentarische Initiative für zweimal 14 Wochen Elternzeit eingereicht und vor einem Jahr mit einer Motion nachgedoppelt.

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