Mobilität im Fokus

Fotos: Lara Blatter

Pop-Up Veloweg: Eine Autospur wird für 30 Minuten zum Veloweg

Über Nacht sind in Städten wie Berlin und Bogotá Velowege aus dem Boden gestampft worden. Höchste Zeit, dass auch in der Schweiz mehr Auto-Fahrbahnen zu Velowegen umgewandelt werden, findet der Umweltschutzverein umverkehR und verwandelt die Gessnerallee in einer Guerilla-Aktion kurzerhand in einen Veloweg.
14. Mai 2020
Praktikantin Redaktion

Berlin, Bogotá, Brüssel – andere Städte machen es vor und verwandeln Autospuren in provisorische Velowege. Am 14. Mai um 9.30 Uhr passiert das auch auf einem Abschnitt der Gessnerallee beim Hauptbahnhof. Aktivist*innen der Regionalgruppe Zürich von umverkehR sperren eine Autospur mit Verkehrskegeln ab. Eine Aktivistin sprüht mit weisser Farbe und Schablone ein Velo auf die Strasse und signalisiert so den neuen Pop-Up Veloweg. Zwei weitere stellen sich mit einem Banner «Nur für Velos!» auf die Strasse.

Die Autos finden sich zurecht und weichen auf die linke Spur aus. Die ersten Velofahrenden kommen und das Gehupe startet, aber nicht etwa vonseiten der Autofahrer*innen, sondern von den Velofahrer*innen, die lautstark klingeln und freudig den Radstreifen nutzen. Auf einen grossen Aufruf an Zürcher Velofahrer*innen wurde laut den Initiant*innen aufgrund des Veranstaltungsvebotes verzichtet.

Der Zürcher Grossstadtdschungel: kein Leichtes für Anfänger*innen

Flächendeckend sollen in Schweizer Städten Autofahrspuren zu Velowegen umgewandelt werden, so die Forderung des Vereins umverkehR. «Damit sich Velofahrende in der Stadt Zürich in den kommenden Sommermonaten sicher bewegen können, braucht es umgehend Sofortmassnahmen für ein durchgängiges Velowegnetz» sagt Simone Brander, SP-Gemeinderätin und Mitglied der umverkehR-Regionalgruppe Zürich.

Erst wenn sich Kinder mit dem Velo auf der Strasse sicher fühlen, ist Zürich eine Velostadt.
Silas Hobi, Geschäftsleiter umverkehR

Sollten die Zürcher Velofahrer*innen radikaler sein und sich die Wege einfach nehmen? Zu zivilen Ungehorsam wolle der Verein nicht aufrufen. «Ich glaube jene, die heute in Zürich auf den Strassen unterwegs sind, nehmen sich den Platz, den sie für sich und ihr Velo brauchen, sowieso», sagt Silas Hobi, Geschäftsleiter von umverkehR. Ausserdem liege es klar in der Verantwortung der Stadtregierung, zu handeln. «Was in anderen Städten möglich ist, sollte auch in Zürich möglich sein», sagt Gemeinderätin Simone Brander während der Aktion auf der Gessnerallee. In vielen Schweizer Städten lägen Pläne zum Ausbau der Veloinfrastruktur in der Schublade. Jetzt sei der Moment für eine konkrete Umsetzung auf der Strasse.

Und dabei stelle sich auch die Frage, ob sich die Kinder auf der Strasse mit dem Velo wohlfühlen würden. Erst wenn diese Frage mit Ja beantwortet werden könne, sei Zürich eine Velostadt, so Silas Hobi, doch bis dahin sei es noch ein weiter Weg.

In Zeiten von Corona werden die Transportmittel des öffentlichen Verkehrs vermehrt gemieden, wie ein Forschungsprojekt der ETH Zürich belegt. Stattdessen würden sich dafür mehr Menschen aufs Fahrrad schwingen um von A nach B zu gelangen. Fakt sei auch, dass der Grossteil der Radler*innen keine Profis seien, so Simone Brander: «Diese ungeübten Velofahrer*innen müssen jetzt ein Erfolgserlebnis haben, ansonsten steigen sie danach nicht mehr aufs Rad.»

Mit dem Rad gegen die Klimaerwärmung und Covid-19

«Das Velo ist im Moment das wichtigste Fortbewegungsmittel: man ist alleine unterwegs und kann den Abstand von zwei Metern besser als im öffentlichen Verkehr einhalten. Zudem ist das Velo umweltverträglich», sagt Brander. Der Veloverkehr verursache im Gegensatz zum Auto und dem ÖV keine Luftverschmutzung. Laut Studien steuere schlechte Luft signifikant zu höheren Sterberaten bei Corona-Infizierten bei, schreiben die Verantwortlichen von umverkehR in ihrer Medienmitteilung. Die Umwandlung von Autofahrbahnen zu Velowegen leiste nicht nur einen wichtigen Beitrag, um die Ansteckungen zu reduzieren, sondern reduziere auch langfristig das Sterberisiko.

Das Sicherheitsdepartement der Stadt Zürich hat die politische Aktion zur Kenntnis genommen, das Anliegen sei nichts Neues und ob sich demnächst schnell etwas an der Velo-Situation in Zürich ändern wird, könne man nicht sagen. Auf die Frage, ob die Anliegen des Vereins umverkehR das Sperren einer Strasse rechtfertigen, möchte das Sicherheitsdepartement nicht eingehen.

SP zieht mit und fordert ebenfalls Velospuren und abgetrennte Radwege

In einem offenen Brief wendet sich am 14. Mai auch die SP Stadt Zürich an Stadträtin Karin Rykart, Vorsteherin des Sicherheitsdepartements. Die Partei fordert ebenfalls, dass Autofahrspuren für den Veloverkehr umfunktioniert werden. Zudem soll ein Netz an Quartierstrassen an Sonntagen für Autos gesperrt werden, sodass die Stadtbevölkerung Anreize findet, die Freizeit am Wohnort zu nutzen.

Die Arbeitsgruppe Velopolitik der SP Stadt Zürich fordert zudem von der Stadt, dass Velostreifen baulich von der Fahrbahn abzutrennen sind. Ausschlag dazu gab das Bauprojekt an der Kornhausstrasse. Die Kornhausstrasse ist im Verkehrsrichtplan als regionale Veloroute eingetragen und hat im Projektperimeter seit 2011 Unfälle mit 8 Schwerverletzten und 14 Leichtverletzten verzeichnet. Umso unverständlicher ist es deshalb für die SP, dass der momentan baulich abgetrennte Veloweg auf der Kornhausstrasse künftig beidseits auf Strassenniveau geführt werden soll. Zumal auch eine Umfrage vor Ort ergeben habe, dass Velofahrer*innen mit der momentanen baulichen Abtrennung zufrieden seien und sich sicherer fühlten.

Gegen 10 Uhr räumt ein Velofahrer die Verkehrskegel wieder von der Gessnerallee. Die Polizei kommt und nimmt ein paar Velofahrer*innen genauer unter die Lupe und spricht mit den Verantwortlichen von umverkehR. Geprüft wird derzeit, ob ein Verstoss gegen die Strassenverkehrsordnung vorliegt.

Der Pop-Up Veloweg verschwindet. Was zurückbleibt, sind die frisch gesprayten Velos auf dem Asphalt. Und die Hoffnung der Aktivist*innen, dass von Seiten der Stadt bald etwas passiert.

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