Überleben in der Natur? Ein Kinderspiel, wenn man weiss wie

Wer braucht schon ein Survival-Kurs, wenn einem Zürich alles bietet, was man braucht? Und auch die Prophezeiungen von der bevorstehenden Apokalypse sind doch nur Humbug. Mag dies auch stimmen, ein Survival-Kurs lohnt sich dennoch alleweil, denn nicht nur lernt man die Natur besser kennen und schätzen, auch erfährt man verblüffende Techniken, die einem wirklich das Leben retten können.
23. Juni 2019

Du wachst auf. Wie jeden Morgen blickst du als erstes auf dein Handy; doch du hast keine Internetverbindung und der Akku ist auch fast alle. Du willst es aufladen, doch du hast keinen Strom. Du gehst ins Bad und merkst, du hast kein Wasser. Merkwürdig. Um deinen morgendlichen Hunger zu stillen, möchtest du eine Dose roter Bohnen öffnen, doch dein elektrischer Dosenöffner hat kein Strom. Du willst ins Internet, um auf YouTube das Video anzuschauen «Wie öffne ich eine Dose roter Bohnen ohne elektrischen Dosenöffner?», doch du hast keine Internetverbindung. Du gerätst in Panik und eilst zur nächsten Migros, doch diese wurde bereits geplündert. Du erkennst das Chaos in den Strassen. Es ist der Anfang vom Ende. Y2K 2.0. Die Verschwörungstheorien waren doch alle wahr. Der grosse Krieg ums nackte Überleben hat begonnen. Und du denkst: Hätte ich doch nur einen Survival-Kurs gemacht ...

Mit Feuer Licht ins Dunkel bringen

Prepping, Bushcraft und Survival sind derzeit wieder hoch im Kurs. Millionen von Klicks auf unzähligen YouTube Kanälen bezeugen das gewaltige Interesse. Auch die Prepper-Szene – Menschen, die sich auf die Apokalypse vorbereiten – wächst stetig. Der Zürcher Survival-Experte und YouTuber Guido glaubt nicht an die Apokalypse und lacht, als wir über das Preppen reden. «Die würden nicht überleben. Ihre Strategie ist Sachen zu horten. Meine Strategie ist es nur mit dem, was mir die Natur gibt, überleben zu können. Ihnen kann der versteckte Reis geklaut werden. Meine Skills kann mir niemand nehmen.» Diese Skills vermittelt Guido in seinen Survival-Kursen.

Es ist neun Uhr morgens und wir – eine Gruppe bestehend aus acht Survival-Anwärter*innen – treffen uns in der Nähe von Stallikon ZH. Dieses Wochenende werden wir erfahren wie man Feuer macht, wie man eine Unterkunft baut, wie man Nahrung findet und noch vieles mehr. Dabei werden wir als erstes ins kalte Wasser, nein eher ins heisse Feuer, nein um genau zu sein ins trockene Gestrüpp geworfen, denn unsere erste Aufgabe ist es, mittels Zigarettenglut ein Feuer zu machen. Kinderspiel. Schliesslich wissen wir Menschen seit dem Mittelalter, dass kalte Enten schwimmen und das Feuer scheuen. Holz schwimmt auch und muss demnach logischerweise das Feuer scheuen, also brennen. Eifrig sammeln wir mit unseren ungeübten Augen Zweige und Äste ein, um mit dem bisschen Glut ein stattliches Feuer entfachen zu können. Allerdings stellt sich diese erste Fingerübung doch schwieriger heraus als gedacht, denn es gelingt niemanden von uns.

«Feuer ist das Allerwichtigste, was man zum Überleben braucht. Es gibt über 50 verschiedene Arten, wie ihr – ohne Feuerzeug – Feuer machen könnt», erklärt Guido. Beispielsweise kann mit einer Wasserflasche (oder einer Brille) das Sonnenlicht gebündelt werden, wenn ein Feuerstein zur Verfügung steht, können Funken generiert werden – und wenn gar nichts da ist, dann muss wohl auf Feuerbohren zurückgegriffen werden. Doch jede wertvolle Glut nützt nichts, wenn der Zunder nicht bereit liegt. Dafür nimmt man am besten mehrere Tannenzweige und baut sich ein Zundernest. In diesem versteckt man zum Beispiel Fusel aus Baumwolle, Birkenrinde, trockenes Stroh oder irgendetwas Anderes leicht entzündliches. Die Glut kommt ins Nest und voilà: Feuer ist da. Wer nun glaubt, Feuerbohren sei nur etwas für indigene Völker, irrt. Es ist die einzige Möglichkeit Feuer zu machen nur mit Sachen aus der Natur – und das in wenigen Sekunden; zumindest wenn man geübt ist.

Feuerbohren ist nicht schwierig, braucht aber viel Übung.

Eine grosse Hexerei ist es nicht: Ein hartes Holz reibt lediglich Späne von einem weichen Holz ab. Die durch die Reibung entstandene Wärme bringt die abgeriebenen Späne zum Glühen. Kinderspiel. Schliesslich reiben wir Menschen seit der Jungsteinzeit Hölzer aneinander. Doch auch dieses Unterfangen bringt uns rasch an unsere Grenzen. Denn obwohl es einfach ist, muss die Technik präzise ausgeführt werden, sonst verliert man unnötig wertvolle Energie. Schliesslich schaffen wir mit Müh und Not ein Feuer. Dieses darf uns nicht mehr ausgehen. Wenn man einmal Feuer hat, muss man auf dieses achten, wie auf eine gute Freund*in. Fürs Erste haben wir aber Wärme, können Essen kochen, verschwinden nicht komplett im Dunkeln, und Bären, Wölfe und Goblins bleiben fern. Nun können wir uns der Unterkunft für die Nacht widmen.

Wie man sich bettet, so liegt man

Auch diese Aufgabe verhält sich wie Feuermachen, eigentlich nicht kompliziert oder anstrengend, wenn man weiss wie. Wir erstellen ein Gerüst aus Ästen. Kinderspiel. Schliesslich – gut, genug der Scherze. Unter diesem Gerüst soll genau unser Körper Platz haben. Das Gerüst wird mit Laub und Moos abgedeckt. Für eine Nacht sollte uns das trocken und warm halten. Dabei sei gesagt, dass die Survival-Skills, die Guido vermittelt, nicht dazu gedacht sind, ewig in der Natur überleben zu können. «Ich wundere mich immer über die YouTuber, die in Camouflage als möchtegern Rambos umherziehen», erklärt er. Denn Survival bedeutet für ihn, zu überleben, bis Rettung kommt. Besser sei es daher, eine pinke oder violette Jacke zu haben, die in der Natur auffällig ist. Höchstens auf der Jagd ergibt es Sinn, sich zu tarnen, was uns zum nächsten Punkt in unseren Survival-Skillset bringt: Nahrung.

Ein beschauliches Zuhause. Weitaus günstiger als vergleichbare Wohnungen in Zürich.

Bevor wir uns aber ums Essen kümmern, fällt mein Blick auf Guidos Bogen. Diesen hat er selbst aus Eibenholz geschnitzt – in der Tradition der englischen Langbögen. «Möchtest du mal schiessen?» fragt Guido. Na und ob! Schliesslich kenne ich das Bogenschiessen (wie auch das Feuer machen und Unterkunft bauen) praktisch nur aus Fantasy-Rollenspielen. Und bei diesen sollte ich vielleicht auch bleiben, wenn ich nicht mal die unbewegliche Scheibe aus wenigen Metern Entfernung treffe. Am Bogen liegt dies sicher nicht, kaum zu glauben, wie präzise es sich mit diesem Bogen schiessen lässt. Auch das Schnitzen dieser Langbogen biete Guido in seinen Kursen an – daran arbeitet man aber zwei volle Tage.

Ich beim Bogenschiessen. Selbst mit Brille lässt die Treffsicherheit zu wünschen übrig.

Wer andern eine Falle baut

Aber zurück zur Nahrung. Ein leerer Bauch überlebt nicht gern, besagt ein Sprichwort. Für das ungeübte Auge besteht ein Wald aus irgendwelchen Bäumen, Sträuchern und dergleichen. Mit etwas Kenntnis aber sieht man Schlafplätze und Futter überall. Guido grabt eine Pflanze aus und hält sie hoch. «Das ist eine Teufelskralle. Die kann man essen», erklärt er und gibt uns die Wurzel zum Probieren. Schmeckt hervorragend! Lediglich der Sauerklee, der praktisch überall im Wald verteilt ist, schmeckt noch besser. Von Wurzeln und Klee allein wird man nicht satt; doch damit muss man im Wald (über)leben.

Die Natur kann einem zwar ein feudales Essen bieten, garantiert ist dies aber nie. Wir entdecken weitere Nahrung: Brennnessel, Bärlauch, Erdbeeren und mehr, sind aber froh, dass wir von Zuhause was zum Knabbern mitgebracht haben. Für den Fall, dass es um Leben oder Tod geht, erlernen wir auch das Bauen von Fallen. Die Schlingfalle, bekannt aus Zeichentrickfilmen, funktioniert wirklich, wenn man weiss wie. Mit etwas Seil und wenigen Stücken Holz wird ein Baum gespannt und das Seil mit Schlinge am Schluss montiert. Sollte das Tier, angelockt vom Köder, das Stück wegdrücken, schnellt der Baum zurück und die Schlinge zieht sich zusammen.

Zeichnung einer Schlingfalle (zvg)

Mit dieser Falle musste Guido auch schon Nahrung besorgen. Seit 18 Jahren ist es sein Beruf, Survival-Kurse anzubieten. Reich ist er an Erfahrung und an Abenteuern. So verbrachte er bereits mehrere Tage in der Wüste zwischen Marokko und Algerien nur mit einer Flasche und einer Notdecke. «Mein Leitspruch ist: Die Natur gibt dir alles. Du musst es nur sehen. Man braucht keinen tonnenschweren Rucksack, im Gegenteil, das ist nur Ballast», erklärt er. Doch um so weit zu kommen, braucht man eine Portion Kreativität. Zweckentfremdung nennt Guido diesen Skill und zählt ihn zu den wichtigsten überhaupt.

Falls man sich tatsächlich in einer brenzligen Situation befindet, sollte man zunächst Ruhe bewahren und darauf achten, was man bei sich hat. «Suche nicht was du brauchst, brauche was du gleich findest», fügt Guido an. Die meisten Menschen rennen umher und suchen, dabei ist es effizienter, ruhig zu bleiben und zu sehen, was man bereits bei sich hat. So kann ein Tampon plötzlich zu wertvollem Zunder für das Feuer werden, ein Kondom zu einem Wasserbehälter oder eine Münze oder Kreditkarte zu einem scharfen Messer. Eine Frage brennt mir aber unter den Nägeln: Wenn du nur einen Gegenstand mitnehmen dürftest, welcher wäre es? «Ich habe immer eine Rettungsdecke dabei. Sonst brauche ich nichts.» Ich staune nicht schlecht. Schliesslich hätte ich als Antwort «mein Messer» erwartet. Aber Guido braucht kein Messer, wenn er Steine findet. Die Rettungsdecke isoliert hervorragend Körperwärme, kann zum Sammeln von Wasser benutzt werden und brennt sehr schnell mit schwarzem Rauch – mit welchem man Aufmerksamkeit erregt.

Guidos Wissen scheint unendlich zu sein. Er selbst vernarrte sich bereits als junger Bub in Bushcraft und Survival – das macht über 40 Jahre Erfahrung. Damals gab es allerdings noch keine YouTube Videos und so musste sich Guido sehr viel selbst beibringen. Dies erreichte er mit viel Kreativität und Übung. Während wir gespannt Guidos Erzählungen zuhören, erschüttert rollender Donner den Wald, als ob die Survival-Gött*innen unser Abenteuer noch etwas versüssen möchten. Ein Sturm zieht auf und wir machen unser Lager bereit für das Gewitter. Vor allem herabfallende Äste können eine Gefahr darstellen, daher sollte man bereits vor dem Lagerbau darauf achten, dass man nur unter gesunden Bäumen campiert. Die letzten Vorbereitungen sind kaum vollbracht, schon prasseln dicke Regentropfen auf die Blätter und gewaltige Blitze erhellen die Dämmerung. «Für heute können wir nichts mehr machen. Zeit, schlafen zu gehen», sagt Guido. Es ist aber erst neun Uhr – dies weiss ich, weil ich den Stand der Sonne beachtet habe und dann auf das Handy schielte. So früh musste ich schon lange nicht mehr ins Bett. Immerhin ein oder zwei Stunden plauderten wir Survival-Noviz*innen über das Erlernte und lernten uns noch etwas besser kennen. Jedes Überleben ist denkbar angenehmer, wenn man sympathische Gefährt*innen zur Seite hat.

Keine Ruhe nach dem Sturm

Wir überlebten die Nacht und die Vögel weckten uns in aller Herrgottsfrühe mit ihrem Geplapper. Ein Schluck Tee oder Kaffee wäre flott – schade, dass der Kochtopf derart lange auf dem Feuer braucht. «Ich kann in ein paar Sekunden heisses Wasser machen, ohne Kochtopf. Wie mache ich das?» fragt Guido, der uns gerne vor Rätsel stellt. Wir starren ratlos Löcher in die Luft. Geschwind grabt Guido ein Loch, dichtet dieses ab (zum Beispiel mit einer Regenjacke oder einfach mit Laub), legt ein T-Shirt darauf, kippt das Wasser hinein und fügt als letztes ein paar glühende Steine – diese lagen im Feuer – hinzu. Fix fertig ist die Mischung und das Wasser siedet. Die Hitze tötet alle Bakterien und das Wasser ist trinkbar. Mit dem T-Shirt ist auch gleich ein Filter gegeben.

Doch zu Wasser muss man zuerst kommen. Schliesslich fällt es nicht einfach so vom Himmel – es sei denn, es regnet oder schneit. Wenn dies nicht der Fall sein sollte, kann Kondenswasser über Nacht gesammelt werden. Dazu braucht man lediglich wieder etwas Plastik und einen Auffangbehälter. Wir vertiefen nochmals das Erlernte von gestern und lernen Neues hinzu, beispielsweise wie wir aus Lianen, Nesseln und Wurzeln äusserst stabile Seile knüpfen können. Dabei werden die Lianen und Nesseln auseinander gezupft, sodass man feine Fasern hat. Diese werden dann lediglich wieder ineinander geflochten.

Heisse Steine bringen das Wasser zum Kochen.

Nun sind wir bereit für unsere Prüfung. Wir werden in Zweierteams aufgeteilt und stehen vor folgendem Szenario: Guido ist verletzt, wir ziehen los, um Hilfe zu holen und sollten (bestenfalls) die Nacht überstehen. Das heisst so viel wie: Jetzt müssen wir alles gelernte Wissen anwenden. Immerhin dürfen wir zwei Gegenstände mitnehmen und entscheiden uns für die Notfalldecke und für das Seil. 90 Minuten später endet das Szenario bereits und Guido bewertet unsere Unterkünfte, unser Feuer und unsere Fallen. Gar nicht schlecht! Ein oder zwei Details gäbe es noch zu beachten aber grundsätzlich dürfen wir alle stolz auf uns sein.

Mit vielen neuen Skills, dreckigen Händen und ein paar Zecken machen wir uns auf zurück in die Zivilisation. Zurück zum Internet, mehrschichtigen Matratzen und elektrischen Küchenmaschinen. Auf die Apokalypse muss man nicht warten, um einen Survival-Kurs zu machen. Ganz im Gegenteil, so ein Kurs bringt einen zurück in die Natur und zeigt auf, wie wenig man eigentlich weiss und wie wichtig Wissen überhaupt ist. Denn die grosse Erkenntnis bleibt: Die Natur gibt dir alles zum Überleben. Du musst nur wissen wie.

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