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Luca Erdös: Barbesitzer, WC-Schüssel-Vorwärmer und Tsüri-Member

Luca erzählt nicht viel über sich. Viel lieber diskutiert der Tsüri-Member und Rothausbarbesitzer über Velowege, schwärmt von seinem neuen Ingwerlikör oder philosophiert über den Lauf des Lebens.
23. Dezember 2019

800 Menschen sind Tsüri-Member. Welche Gesichter und Geschichten stecken hinter dieser Zahl? Wir machen uns auf die Suche und treffen sie für ein Gespräch. Bist du auch Tsüri-Member und einem Portrait nicht abgeneigt? Melde dich!


Wir sind beide spät dran: Ich, beladen mit Gepäck, er, mit seinem Skateboard unter dem Arm geklemmt. Wir treffen uns in einem Kaffee zwischen Langstrasse und Europaallee. «Ich mag diese zubetonierte und kapitalistische Gegend hier nicht», meint Luca Erdös zu Beginn des Gesprächs. Luca ist einer der drei Inhaber der Rothausbar an der Langstrasse.

Überwacht von der Stapo

Die Langstrasse, ein Ort wo Chaos und Anarchie zugleich herrscht, wie er den Zürcher Kreis 4 beschreibt. «Das ständige Treiben und die aussergewöhnliche Stimmung gefallen mir sehr», sagt der 30-Jährige. Doch obwohl Zürich seine Lieblingsstadt ist, steht er momentan sehr kritisch zu ihr. Dies hängt insbesondere mit einem Vorfall Anfang Jahres zusammen: «Die Stadtpolizei installierte ohne Bewilligung an der Apotheke vis-à-vis Überwachungskameras.» Diese filmen seither das Geschehen vor der Rothausbar rund um die Uhr.

Vor knapp einem Jahr wurde das ehemalige Hotel Rothaus zur Bar umgebaut. Ihr Budget: 3'500 Franken. «Wir hatten wenig Geld zur Verfügung, deshalb liessen wir einige Dinge wie Tische oder Stühle aus dem Brocki mitgehen», erzählt Luca und lacht. Mittlerweile ist Luca nicht mehr an der Front tätig. Zusammen mit seinen beiden Geschäftspartnern hat kürzlich den Ingwerlikör «Soli» konzipiert. Den definitiven Namen soll ihm jedoch der Volksmund geben.

So blöd wie es tönt, aber die Schweizer Freundlichkeit und Zurückhaltung schätze ich nun.

Schnell wird klar: Für den Friesenberger ist Geld wertlos. Sein Kapital ist ein anderes: «Mit der Zeit habe ich mir in Zürich ein grosses Netzwerk aufgebaut, das ist mein Kapital», sagt er. Ausserdem ist ihm das lokale, politische und gesellschaftliche Geschehen wichtig.

Pro Velo

Dies ist auch der Grund, warum er Tsüri-Member geworden ist. Die News auf der Plattform verfolgt er schon länger, Mitglied ist er jedoch erst seit kurzem. Ausschlaggebend für die Mitgliedschaft waren die beiden Velounfälle, die im November in der Stadt passiert sind. «Sichere Velowege liegen mir am Herzen», sagt Luca. Um seine Stimme in der Diskussion einzubringen, ist er deshalb Tsüri-Member geworden. Eine reine autofreie Stadt würden jedoch verheerende Konsequenzen herbeiführen. «Eine Gentrifizierung wäre unvermeidbar, was sich massiv auf Lebenskosten auswirken würde», sagt er.

Lehrabbrecher und Reisender

Luca redet viel – jedoch nie von sich. Also hake ich nach und frage, was er denn so gemacht hat, bevor er Barinhaber wurde. «Mit 18 Jahren habe ich erfolgreich die KV-Lehre abgebrochen», antwortet der Friesenberger, «und einmal lebte ich für ein Jahr in Berlin und habe dort Weihnachtsbäume verkauft». Nebenbei erwähnt er, dass er durch ganz Südamerika reiste – von Mexiko bis nach Argentinien. Flüchtig verweist er auf eine verflossene Liebe in Berlin und Genf. Seit dem Lehrabbruch bis heute war er also ständig unterwegs – trotzdem fehlte ihm die Schweiz. «So blöd wie es tönt, aber die Schweizer Freundlichkeit und Zurückhaltung schätze ich nun.»

Mit der Zeit habe ich mir in Zürich ein grosses Netzwerk aufgebaut, das ist mein Kapital.

Was wünscht sich Luca noch vom Leben? «Das Streben nach Perfektionismus lässt keinen Raum für kleine Dinge oder Zufälle im Leben zu», antwortet er. Deshalb nehme er das Leben wie es kommt, Tag für Tag. Er erfreut sich an Kleinigkeiten, wie beispielsweise ein Butterbrot mit Honig. Oder, «wenn ich vor meinem Stuhlgang die WC-Schüssel mit einem Haarföhn erwärme», sagt Luca und lacht.

Als wir uns auf den Weg zur Stadtpolizei für ein Foto machen, entschuldigt sich Luca für seine Gedankensprünge und seinen schnellen Redefluss. «Wenn Du nicht nachgekommen bist, kannst du auch etwas über mich erfinden, das stört mich nicht.» Lieber Luca, wenn es Dich nicht schon gäbe, müsste man Dich sicher noch erfinden.

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