Tsüri-Chopf Yves Sinka: «Ich schwor mir, nie wieder im Büro zu arbeiten»

Yves Sinka wollte Künstler sein – Aus Frustration wandte er sich ab und wurde erfolgreicher Entrepreneur, als er mit drei Freunden das Zürcher Startup Y7K gründete. Heute zählen sie unter anderem SBB, Migros, DeLaneau und die SP zu ihren Klient*innen. Was ihnen am Herzen liegt, Y7K mit Kunst zu tun hat und was er als König von Zürich machen würde, erklärt er in diesem Interview.
11. August 2017

Wer bist du? Woher kommst du?

Ich bin Yves, 27 und in Altstetten geboren. Mein Vater hatte eine der ersten Web-Agenturen in der Schweiz, im Sommer durfte ich bei ihm arbeiten und habe mich in der virtuellen Welt schnell zu Hause gefühlt.
In der Mittelschule habe ich ein Praktikum bei Canon Schweiz gemacht. Das war so schlimm, ich habe jeden Morgen gehofft, dass der Zug stehen bleibt und ich eine Stunde weniger arbeiten muss. Ich schwor mir, nie wieder im Büro zu arbeiten.
Immerhin hat mich Canon dazu inspiriert, Fotografie in London zu studieren.

Während dieser Zeit habe ich mich in die Kunstszene gestürzt: Es ist brutal verstehen zu müssen: «Ich erschaffe Kunst, die mich innerlich motiviert, und muss damit Geld verdienen.» Es war so oberflächlich, ich wollte mich nicht weiter verkaufen, darum habe ich mich gegen die Kunst als Beruf entschieden – Ich arbeite lieber etwas anderes und versuche dort eine Form der Kunst zu finden.

Wie wäre das, wenn wir uns in unserer eigenen Stadt bewegen würden, als wären wir in den Ferien?
Yves Sinka

Y7K macht viele Dinge – Websites, Software, Kampagnen, auf eine gewisse Art ist eure Website selbst schon Kunst. Wie würdest du eure Arbeit in drei Sätzen beschreiben?

Wir lösen für unsere Kund*innen Probleme im Internet, sei es das Automatisieren von Prozessen oder ein Produkt, welches nicht funktioniert.
Es ist meistens so, dass die Klient*in eine Website will, anschliessend stellen sich viele Fragen: Was müssen wir von euch erzählen? Wie erzählen wir das?
Es ist nie so, dass wir einfach Geld auf den Tisch geknallt bekommen und der Auftrag lautet: «Mach mir mal eine Website» – wir lösen gemeinsam mit den Kunden etwas Grösseres.

Wie entstand Y7K?

Wir waren vier Jungs mit einem ähnlichen kulturellen und künstlerischen Background. Drei von uns kamen frisch in die Schweiz zurück - Ruben und ich aus London, Joris aus Japan, Sam hatte gerade fertig studiert.
London ist ein Mekka für Tech-Startups, die Rückkehr in die Schweiz war ziemlich niederschlagend. Wir hatten alle keinen Job, keinen Schimmer wohin mit uns.
Es gibt eine erfolgreiche Agentur in London und die Legende besagt, der Gründer sei erst 23 gewesen. Eines Samstag morgens standen wir nach einem späten Frühstück am Spülbecken und wuschen ab. Wir diskutierten: «Wenn er mit 23 in London eine Firma aufbauen kann, dann können wir das als 24-Jährige in Zürich auch.»

Euer Name klingt sehr mysteriös – Why Y7K?

Es hätte nicht viel gefehlt und Y7K wäre an der Namensfindung gescheitert. Zwei Monate ging es hin und her, jedes Mal war jemand unglücklich. In mir staute sich so ein Frust an, ich konnte mich gar nicht mehr auf meinen Job konzentrieren.
Also änderten wir die Strategie: Der Name sollte möglichst kurz sein, die Domain sollte frei sein und etwas futuristisch nach Computer und Internet klingen. Y7K erfüllte diese Kriterien: Unser Name hat also keine Bedeutung.
Jetzt werden wir oft danach gefragt und unsere Geschichte dazu ist so banal... Wenn die Tsüri-Leser*innen eine spannendere Idee haben: Her damit! Sie wird auch mit einem Kuchen prämiert!

Also heisst ihr Y7K weil die Domain frei war?

Naja, eigentlich stand sie für eine horrende Summe zum Verkauf. Wir haben dann dem Herren eine E-Mail geschrieben, in der wir behaupteten, wir seien ein Zürcher Handballclub und hätten bereits die Schweizer Domain. Da wir nun auch international spielen, bräuchten wir seine Domain dann haben wir sie ziemlich günstig bekommen. Ich denke nicht, dass er es kontrolliert hat.

In eurem Slogan nennt ihr P.T. Barnum euren Gründer. Wer ist dieser Mann, der vor über 100 Jahren starb?

Barnum war ein Showman und hatte geniale Ideen, wie man Dinge bekannt macht. Er hatte einen Zirkus, Freakshow-mässig. Er hat zum Beispiel erfolgreich eine 200-jährige Dame ausgestellt. Als sie starb, stellte sich heraus, dass sie 80 war. Wir fanden das sehr beeindruckend. Auch wenn Lügen nicht das Richtige ist, wusste er, dass man aus der Masse heraussticht, wenn man sich auf Simplizität beschränkt.

Charlie Chaplins Rede aus dem Film "Der grosse Diktator" ist wohl die grossartigste Rede aller Zeiten. Es sind einfache Wahrheiten, die in der Kopflosigkeit des Alltages vergessen gehen.
Yves Sinka

Habt ihr ein Projekt abgelehnt, weil ihr nicht dahinter stehen konntet?

Es kam öfters vor: Das Beispiel, dass ich hier erwähnen kann, ist die RUAG. Sie haben uns angefragt, ob wir mit ihnen zusammen arbeiten wollen. Das konnten wir wirklich nicht vertreten.

Welches ist dein Lieblingsprojekt?

Immer das aktuellste (lacht). Ich bin bei allen mit ganzem Herzen dabei, sonst muss ich mich wirklich fragen, was der Mehrwert meiner Arbeit ist.

Und welches dein Herzensprojekt?

«Dear Zurich» war eine Herzens-Angelegenheit: Im eigenen Zuhause übersieht man oft die Schönheit, die einem umgibt. Aber Zürich ist ja schön! Wie wäre das, wenn wir uns in unserer eigenen Stadt bewegen würden, als wären wir in den Ferien?
Wir haben 25 Orte aufgeschrieben, die wir in Zürich cool finden und ein Kameramann einen Tag lang filmen lassen.

Abgesehen von Highlights und Lowlights: Wie sieht dein ganz normaler Alltag aus?

Mein Alltag ist sehr laptop-lastig. Abgesehen von einigen Kundenterminen komme ich selten raus, aber ich bin gerne im Büro und mache Laptop-Arbeit.
Meistens stehe ich auf, zmörgele, fahre mit dem Velo ins Büro und lese dann noch 20 Minuten.

Tschuldigung? 20 Minuten ?«»

Nein, 20 Minuten lang (lacht). Bei Regen lese ich im Tram – Ich bin so ein Schön-Wetter-Velofahrer. Mit der Brille bei Regen Velo fahren ist wirklich der grösste Seich.
Mittags ist ein guter Zeitpunkt zum Socializen eigentlich gehe ich klassisch «lunchen» , es ist praktisch um Menschen zu treffen.
Abends schliesse ich ab mit der Arbeit, nehme mir Zeit für mich selbst: Sport, Einkaufen, Kochen, Hängen.

Letzte Frage: Was würdest du tun, wenn du einen Tag lange König von Zürich wärst?

Ich würde die ganze Welt anhalten, so um 1, wenn alle fertig gelunched haben. Alle müssten ein einziges Video anschauen: Charlie Chaplins Rede aus dem Film «Der grosse Diktator». Es ist wohl die grossartigste Rede aller Zeiten. Wenn das die ganze Welt hört, wird alles um einiges besser laufen.
Ich finde die Message sehr stark, auch wenn das ein bisschen pathetisch klingt: Es sind einfache Wahrheiten, die in der Kopflosigkeit des Alltages vergessen gehen.

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