Tsüri-Chopf Yael Anders: «Meine Designs sollen die Menschen an ihre Freiräume erinnern»

Von Projektentwicklung bis zu ihren eigenen Designs – seien es Kleider, Objects oder To-do-Listen und Agenden: Yael Anders lebt für ihre Arbeit. Jetzt ist ein Teil dieser Werke erhältlich und aktuell: Die etwas andere Agenda für 2018 ist da und Yael traf sich mit uns, um über ihren Planner und Nachhaltigkeit zu sprechen.
30. November 2017

Wer bist du?

Ich bin in viele Projekte involviert und immer am hin und her koordinieren. Ich definiere mich relativ stark durch das, was ich tue. Wenn mich etwas packt, bin ich sofort voll dabei und gebe 100 Prozent. Die Kraft, Dinge umzusetzen, macht mich aus, und die verschiedenen Projekte prägen mich. Ausserdem unterteile ich nicht zwischen Freizeit und Arbeit. Das klingt jetzt, als wäre ich ein Workaholic, oder meine Work-Life-Balance nicht existierend. Aber wenn alles kombiniert zusammenpasst, ist es doch optimum!

Welchen Projekten widmest du denn dein Leben?

Ich arbeite als eigenständige Designerin in meinem Studio am Limmatplatz, welches auch der «amedring» Showroom ist. Zudem arbeite ich im Dynamo als Projektentwicklerin im Bereich Soziokultur und Vermittlung von Kunst und Design, und zwei Tage arbeite ich beim Zürcher Designlabel «schoenstaub». Dazu studiere ich an der ZHdK und plane für amedring die Zukunft. Wir stellen in Zürich Fair Fashion her, welche aus Material gemacht wird, das aus dem gesellschaftlichen Kreislauf herausgefallen ist. Diese Kombination macht meinen Alltag, und ich würde auf keines dieser Projekte verzichten wollen.

Mit der Nachhaltigkeit ist es wie mit dem Feminismus: es sollte eine Selbstverständlichkeit sein.
Yael Anders

Ist das manchmal nicht ein bisschen viel?

Es ist genau, wie ich es liebe! Es ist nicht etwa ein Ziel von mir, amedring so gross zu machen, dass ich keine Zeit mehr für anderes habe; die Kombination ist die Essenz. Ich kann viele Inputs, Ideen und Erfahrungen sammeln und sie in meine anderen Projekte einfliessen lassen. Darum ist es eine symbiotische Beziehung zwischen den unterschiedlichen Bereichen. Schlussendlich will ich einfach von alldem, was ich tue, leben können – und momentan kann ich das.

Was ist dein Herzensprojekt?

Das ist eine toughe Frage, denn ich sehe meine Projekte nicht hierarchisch, sondern als Ganzes. Jedes Projekt hat seine Berechtigung: amedring macht für mich total Sinn, da die Fashion-Industrie, wie sie heute ist, langfristig nicht weiter funktionieren kann. Genau an diesem Punkt setzen wir an. Was mir persönlich am nächsten liegt, sind meine eigenen Designs. Auch für 2018 habe ich einen «Planner» entworfen. Das Design ist inspiriert von meiner eigenen Agenda, die ich als Skizzenheft, Notizbuch und To-do-Liste nutze. Es entsteht also durch mein Leben in dieser Stadt. Die Agenden werden in Zürich gedruckt, gebunden und sind aus recyceltem Papier.

Yaels 2017 Agenda und das Cover der Ausgabe für das Jahr 2018 – Fast wie bei einem Spiel von «Finde die 10 Unterschiede» kann man hier die Gemeinsamkeiten suchen. (Foto: Arjuna Brütsch)

Was möchtest du mit deinem Projekt erreichen?

Der Nachhaltigkeitsgedanke zieht sich durch meine verschiedenen Projekte. Ich werbe nicht mit «Hey, das sind nachhaltige Agenden!» Das ist nicht der Fokus, aber es ist ganz klar ein wichtiger Aspekt. Mit der Nachhaltigkeit ist es wie mit dem Feminismus: es sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich viele ihres Handlungsspielraums nicht bewusst sind. Meine Designs sollen uns Menschen daran erinnern, wie viel Freiraum wir haben, um unser Leben und unser Umfeld zu gestalten, und wie viel wir damit erreichen können. Ich habe das Privileg, mich aktiv entscheiden zu können, in was ich meine Zeit und Energie investiere!

Was ist dein schönstes Erlebnis?

Ich erlebe viel Schönes, aber ein guter Tag ist, wenn alles perfekt aufgeht. Zum Beispiel ein Tag, an dem meine verschiedenen Projekte zusammenfinden. Solche sind die schönsten! Eine Freundin hat für die Initiative «Psychologie im Umweltschutz» gearbeitet und hat einen Kongress im Volkshaus Zürich organisiert. Ich war dort, habe für sie die grafische Arbeit gemacht, den Event fotografiert und gleichzeitig konnten wir unser Label amedring vorstellen. An diesem Tag habe ich an einem super Projekt mitgewirkt, und als ich zurück im Studio war, ist auch sogleich die Lieferung der «Planner» 2017 direkt aus der Druckerei angekommen – und sie waren so gut wie noch nie!

Mein Design soll uns Menschen daran erinnern, wie viel Freiraum wir haben, um unser Leben zu gestalten.
Yael Anders

Abgesehen vom Aussergewöhnlichen; wie sieht dein Alltag aus?

Ich bewege mich eigentlich immer auf den gleichen Strecken. Ich bin viel mit dem Velo unterwegs. Weswegen ich ehrlich sagen muss, dass die städtische Veloweg-Situation einfach nur peinlich ist. Ich wundere mich, dass ich noch keinen Unfall gebaut habe – aber ich fahre mit Helm, also bin ich safe! Morgens gehe ich ins Atelier von amedring am Sihlquai, das ist meine Base. Von dort aus fahre ich über die Limmat ins Dynamo, zu schoenstaub oder an die ZHdK. Manchmal bin ich auch den ganzen Tag im Studio. Mein Alltag ist sehr selbstbestimmt. Das ist definitiv das Beste daran!

Was würdest du tun, wenn du für einen Tag Königin von Zürich wärst?

Ein gratis Apéro für alle! Dann würde ich vor allem viel Freiraum schaffen: Ich will Orte, wo junge Menschen Ideen und Projekte ausprobieren können. Man muss auch sehen, dass die Stadt sich bereits viel Mühe gibt, solche Orte zu schaffen. Das sage ich natürlich auch, weil ich im Dynamo für die Stadt Zürich arbeite; da bin ich nicht ganz neutral. Als Zürcher*in gibt es sehr viele Möglichkeiten, die etwa durch das Dynamo oder die Raumbörse entstehen. Das Problem ist jedoch, dass viele Leute ihre Optionen gar nicht kennen – man muss sich informieren und dann die Chancen tatsächlich ergreifen!

Hier findest du alle anderen Tsüri-Chöpfe!

In unserer Stadt entsteht ständig Neues und es gibt schon viel Geniales. In unserer Tsüri-Chopf-Reihe stellen wir dir die kreativen Köpfe hinter den inspirierenden Projekten vor. Kennst du selbst spannende Leute, die tolle Sachen in unserer schönen Stadt anreissen? Dann melde dich bei uns auf info@tsri.ch.

(Titelbild: Andrea Monika Hug)

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